Unüberschaubares Berlin

Wenn Freundinnen oder Kollegen aus Zürich wissen wollen, wie dieses Berlin denn nun sei, in dem ich seit einem knappen Jahr lebe, befällt mich immer Ratlosigkeit. Ich antworte in Plattitüden («spannend»), meistens gefolgt vom Geständnis, dass ich die Metropole, in der ich lebe, eigentlich nicht kenne. Das trennt mich meist von den Fragenden, die zwar nie in Berlin gelebt haben, aber ganz genau wissen, wie das Leben sich dort anfühlt.

Dass mir eine Stadt im Ganzen immer fremder wird, je mehr ich sie mir im Einzelnen aneigne, dieses Gefühl kenne ich schon. Ich habe einige Jahre in Paris gelebt, da war es gleich. Ich kannte, wie alle Pariser, mein Quartier. Darüber hinaus hatte ich Wege, die mir vertraut und lieb waren. Orte, an denen ich lebte: zwei, drei Märkte, einige Kinos, ein paar Kneipen, die Universität, die Bibliothek, zwei Pärke. Menschen, die da lebten. Das war es dann aber auch. Ein irgendwie gearteter Überblick, ein Begriff, ja, ein Gefühl für die ganze Stadt wollte sich partout nicht einstellen. Spätere Erfahrungen mit anderen Metropolen lehrten mich, dass es gerade dieses Gefühl der grundsätzlichen Unüberschaubarkeit ist, das die wirkliche Grossstadt von der kleinen trennt.

Mein Berlin, um mich auf das Wesentliche zu beschränken, sind also mindestens zwei Berlin, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Als Korrespondent arbeite ich im neuen Regierungsviertel in der Stadtmitte. Mit seinen vor Glas, Beton und Stahl gleissenden Palästen der Mächtigen, des Volkes und der Beamten wirkt es wie eine Stadt aus der Retorte, ein vom Himmel in den märkischen Sand gefallenes Brasília. Künstlich daran ist nichts, sobald man sich in den Häusern bewegt und Menschen kennen lernt, die sie bevölkern. Macht wird schnell menschlich, wenn man mal eben ins Kanzleramt gucken geht, was Angela Merkel so treibt. Konzentration ist spürbar in dieser Hauptstadt, ein Ernst, zu dienen, und Schultern, die immer breiter werden, je schwerer die Lasten drücken. Dieses Gefühl der gesteigerten Verantwortung gebührt nicht Berlin, sondern Deutschland, das als Macht langsam erwachsen wird. Berlin leiht ihm nur die Kulisse.

Mein anderes Berlin ist das bürgerliche Charlottenburg mit seinen luftigen Jugendstilwohnungen, verziert mit Stuck und Flügeltüren, durchweht vom Musizieren ihrer Bewohner, gesäumt von prächtigen Alleen, in denen die Linden duften. Eine Oase alten, gebildeten, toleranten, bis zur Spiessigkeit gemütlichen Westberlins, das ungerührt noch so lebt, wie wenn sich die Stadt nicht längst in den neuen Osten vervielfacht und verwildert hätte.

Wie ist Berlin denn nun so? Vielleicht ist gar nicht wahr, dass ich es nicht mehr weiss, seit ich da lebe. Sondern nur, dass ich mich eher scheue, von der Stadt als Ganzer zu reden, wie wenn sie mir gehörte. Und zugebe, dass ich ihr gehöre, nicht umgekehrt.

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7 Kommentare zu «Unüberschaubares Berlin»

  • Alain Burky sagt:

    Ich bin kein Berliner. Kenne nur Neukölln ein bisschen (so ca. 1 Monat lang, als Zügelhelfer meiner Pflegetochter) – Berlin-Mitte auch etwas. (Von Veranstaltungen, wie Udo L.; spendiert von Pflegetochter, die als Studentin (FU) auch als Ticketverkäuferin tätig war). Also Neukölln ist gar nicht so schlimm, man findet sogar ruhige, fast idyllische Plätze, wie den Jan Hus Weg und die böhmischen Dörfer. Ich fühlte mich da jedenfalls sicherer, als etwa in Paris-Barbès. Polizei sah man auch viel, meistens mit zwei Autos. Sprüche wie: Ich Neukölln – Du Kreuzberg. Zu Kreuzberg – hörte ich früher diese Gebrüder Blattschuss. Gute Typen.
    Den Hauptmann von Köpenick traf ich nie – anderer Stadtteil.

  • Corinne Sutter sagt:

    „Dieses Gefühl der gesteigerten Verantwortung gebührt nicht Berlin, sondern Deutschland, das als Macht langsam erwachsen wird.“ Ich glaube, hier liegt das Problem. Um zu begreifen, muss man das Individuum anschauen. Jede/r hat, je nachdem, wie er/sie aufgewachsen ist, mehr oder weniger Probleme mit sich selber, die sich dann in der Beziehung mit der Aussenwelt zeigen. In einer völlig materialisten Welt lebend, sind wir zu grossen Verträngern unserer inneren Mängel geworden. Gerade Machtmenschen sind noch mehr betroffen davon als andere. Wie sollen diese Grossvertränger nun Verantwortung übernehmen für andere? Wer sein eigenes Leben nicht versteht, hat keine Chance, andere zu verstehe

    • Martin Hauser sagt:

      Deutschland übernimmt „gesteigerte Verantwortung“. Was dann etwa heisst, dass Deutschland meine Defizite an Selbstliebe, Wertschätzung und Achtung, die mir ein eigenverantwortliches, erfülltes, glückliches Leben garantieren, irgendwie auffüllt. Also muss ich nur den Liegestuhl nehmen und mich ins Kanzleramt legen, dann passiert alles von alleine.

  • geezer sagt:

    wie sagte schon Samuel Johnson: „when a man is tired of London, he is tired of life“. das gilt wohl für alle grossstädte. auch die londoner bezeichnen sich nicht als solche. sie kommen aus hackney, hounslow, ealing etc.

    aus schweizer perspektive haben wir immer das gefühl, eine ganze stadt kennen zu müssen, weil das in unserem land von kleinstädten möglich ist. grossstädter kennen diese sichtweise nicht. ich war kürzlich das erste mal in bangkok. 8 millionen menschen leben dort. gleich viel, wie in der gesamten schweiz. ich fühlte mich ehrlich gesagt ein wenig verloren. es ist unmöglich, den ‚überblick‘ zu haben. darum: quartier=zentrum in der grossstadt.

  • Löwenherz sagt:

    Sehr guter Artike!

    Das beste, was ich seit langem gelesen habe, fern von Berghain, Checkpoint Charly und „Stadt der Freiheit, hier kann man seine leere Bierfalsche einfach auf die Straße fallen lassen!“

    Liebevoll beobachtet, schön das mit der Ernsthaftigkeit, dem Dienen und den breiter werdenden Schultern.

    Und wie schon immer gilt: Wer Berlin kennen will, lese Fontane, höre Otto Reutter und Claire Waldoff.

  • Löwenherz sagt:

    Also ich bin 1971 in Berlin geboren, habe es -wie es sich gehört- nie länger als vier Wochen am Stück verlassen und nenne mich selbstverständlich „Berliner“.
    Die „geographische“ Einordnung dient der sozialen Erkennung: „Zehlendorf/Lankwitz/Frohnau“= Vorstadtspießer, „Kreuzberg/Neukölln“Friedrichshain“= pseudounangepasst, ich liebe alle und alle lieben mich, Mitte/Prenzlauer Berg: „Habs geschafft und will mittendrin sein“, Grunewald/Heiligensee“ „Habs geschafft und will draußen Ruhe haben“, Chalrlottenburg: ganz recht beobachtet: „Ach, früher war alles besser“, Wedding/Lichtenberg: „kene Kohle, aber bald, und dann…

  • Waldi Noellmer sagt:

    Das Berlin gibt ja auch so eigentlich nicht, denn wenn Sie einen echten Bewohner aus Berlin fragen, woher er herkommt, antwortet er „aus Kreuzberg“, wenn er aus dem Stadtteil Kreuzberg kommt oder „aus Neukölln“, wenn er aus diesem Stadtteil kommt. Er sagt niemals, dass er aus Berlin kommt. Die echten Stadtteilbewohner sind also keine Berliner.

    Und weil sie sich nicht als Berliner fühlen, kennen sich viele von ihnen auch schlechter aus in Berlin, als viele Neuberliner und Touristen.

    Nur Neuberliner nennen sich „Berliner“ und Touristen u. Geschäftsreisende sprechen von Berlin und sind in Berlin, wenn sie sich dort aufhalten

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