Rom für Ungläubige

Es gibt Zeiten, da drückt die Agenda der katholischen Kirche so stark auf den römischen Alltag, dass so manche Römer Appetit auf eine Portion Priester hätten. Metaphorisch natürlich. «Mangiapreti», Priesterfresser – so nennt man in Italien die Antiklerikalen, die radikalen Liberalen und rabiaten Republikaner, die noch immer an der tatsächlichen Trennung von Staat und Kirche zweifeln und auch schon mal den Gehsteig wechseln, wenn Männer und Frauen in langen, steifen Röcken des Weges kommen. Etwa so, wie das andere bei schwarzen Katzen tun.

Nun laufen also wieder solche Zeiten der vatikanischen Vereinnahmung der Stadt. Ein ganzes, heiliges Jahr lang. Die grossen italienischen Zeitungen, die sich alle als durch und durch säkular beschreiben würden, publizieren dicke Beilagen mit historischen Abrissen über frühere Jubiläumsjahre. Der «Corriere della Sera» hält in einer Serie von 15 DVDs Rückschau und zählt dabei auf die Popularität des jetzigen Papstes: Jede Scheibe von «Il Giubileo di Papa Francesco» kostet 9,99 Euro. Da sind, wie es in der Werbung heisst, auch «die schönsten Bilder mit Franziskus» drauf. Aus den Zeitungen erfährt man ausserdem, wie man von der Basilika San Giovanni in Laterano oder von Sankt Paul vor den Mauern am besten zu Fuss zum Petersdom gelangt, pilgernd und betend.

Nun, bei so viel Frömmigkeit wächst leicht das Verlangen nach einem alternativen Stadtrundgang. Die linke italienische Zeitschrift «Left» stellt in ihrer jüngsten Ausgabe einige Stationen vor, die bei der Begehung des unheiligen Roms auf keinen Fall ausgelassen werden dürfen.

Da wäre zum Beispiel der Campo de’ Fiori, der Marktplatz. In dessen Mitte, auf einem schmucklosen Sockel, steht die Statue von Giordano Bruno mit weit ins Gesicht gezogener Kapuze. Der Dominikaner und Zweifler im Geist war vom Tribunal der Inquisition verurteilt und auf dem Campo verbrannt worden, bei lebendigem Leib, im Jahr 1600. Ein Muss ist auch der Besuch des «Palazzaccio», wie die Römer ihren Justizpalast am Tiberufer nennen, weil er so massiv und hässlich ist: Der wurde nämlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur deshalb so gross gebaut, weil in der damaligen Stadtregierung ein Haufen Priesterfresser sassen, die damit die Sicht auf die Kuppel von San Pietro etwas verstellen wollten. Das ganze Viertel hinter dem «Palazzaccio», das geometrisch angelegte Prati, ist voller Strassen und Plätze, die nach heidnischen Dichtern, nach Häretikern und nach hohen Militärs benannt sind, die den päpstlichen Heeren zugesetzt haben. Fehlen darf da auch ein Besuch bei der Porta Pia nicht, wo der Artillerie des Königs 1870 der Einfall gelang. Sie entrissen Rom den Päpsten – für immer, wahrscheinlich.

So kommen etliche Kilometer Fussmarsch zusammen. Für die leibliche Stärkung des Gegenpilgers, will er beim Thema bleiben, gibt es auf vielen Speisekarten Roms «strozzapreti», Priesterwürger – eine unförmige, daumenlange Pasta mit allerlei assortierten Saucen. Glaubt man der Legende, dann wurden die «strozzapreti» von Hausfrauen in der ehedem kommunistischen, norditalienischen Emilia erfunden. Sie sollten den Herren Pfarrern, den Don Camillos jener Zeit, quer im Halse stecken bleiben. Das ist zum Glück lange her.

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5 Kommentare zu «Rom für Ungläubige»

  • Hurter sagt:

    Das heilige Jahr von 25 Jahren auf 15 Jahre zu reduzieren, ist nicht anderes als ein grosses Geschaeft, Paul

  • Rosa Schenk sagt:

    Informativer und gleicgzeitig witzig geschriebenrt Artikel, den ich mit vergnügen las. (Was für Kommentar Ruf nicht gilt). Danke Herr Meiler „unes guets Nöis“.

  • ruf sagt:

    Hierzulande schreibt man nicht Jungs, sondern Jungen oder Buben, eventuell noch Knaben, aber sicher nicht Jungs. Wie wärs mit der Integration?

  • Stefano Martino sagt:

    Nicht „strozzapetri“ sondern „strozzapreti“.

  • Sophie sagt:

    Wohne in Luzern und obwohl wir genau wissen, was uns die Touristen bringen, ist man oft in Versuchung loszufluchen. Da es vermutlich in Rom noch viel schlimmer ist, Pilger im Allgmeinen nur die Strassen verstopfen, ohne gross Geld in die Stadt zu bringen, kann ich mir gut vorstellen, dass ein heiliges Jahr an den römischen Nerven zehrt.

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