Römisches Recycling

Recycling sieht eigentlich anders aus: Mülltüten vor dem Konstantinsbogen in Rom. Foto: Tony Gentile/Reuters

Seit die Stadt ihre Bewohner mit ziemlich rabiaten Mitteln dazu erzieht, den eigenen Müll fein säuberlich zu recyceln und ihn an bestimmten Tagen in die vorgesehenen Tonnen zu legen, wächst in vielen Römern dieser unbändige Drang, sich zuweilen mit einem grossen Gestus von allem gleichzeitig zu entledigen. Organisches, Plastik, Metall, Papier, Glas – alles ungetrennt in einen Eintopf, wie früher, als es noch überall diese grossen Abfallcontainer gab.

So kommt es also schon mal vor, dass man sich unter Nachbarn beim Flanieren mit Abfallsäcken trifft, einander wissend und gar etwas solidarisch zublinzelt – und nach illegalen Müllhalden in dunklen Gassen sucht. Beliebt sind auch die städtischen Abfalleimer auf der Piazza und auf den Gehsteigen, die oft am Morgen schon überquellen und bis zum Abend unter wahren Abfallbergen verschwinden. Im historischen Zentrum, zwischen den schönen Kirchen und Monumenten, sieht das besonders unhübsch aus. Die höchsten Berge häufen die Restaurants an, und zwar nicht selten gleich neben dem Eingang. Die Möwen machen sich dann daran zu schaffen, von kleineren Tieren ohne Flügel ganz zu schweigen.

Freilich, auch den Italienern leuchten die Vorzüge des Recyclings für Umwelt und Klima ein. Doch kosten sollte es nichts, schon gar keine Mühe. Der Sinn für das Gemeinwohl war hier immer schon prekär, es wird gerne mit dem Gemeinwesen, dem ungeliebten Staat, verwechselt. Und der hat die Italiener schon so oft enttäuscht, dass er als Pädagoge ausfällt. Und so wirkt nur die harte Tour: Geldstrafen. In Rom etwa wird der ganze Wohnblock bestraft, wenn ein einziger seiner Bewohner den Plastikverschluss nicht aus der Tetrapackung Milch herausgeschnitten hat, bevor er sie entsorgt. Die Geldbusse wird dann durch die Anzahl Hausbewohner geteilt. Man hofft da wohl auf den erziehenden Effekt des Gruppendrucks.

Ein bisschen hat das Umdenken aber doch stattgefunden, wenn auch nicht überall im Land gleich stark. Im Norden Italiens werden bereits 55 Prozent des Abfalls recycelt, im Zentrum sind es 36 Prozent, im Süden erst 29 Prozent.

Es ist ja auch gar nicht so einfach, in der Küche Platz für fünf Abfalleimer zu finden. Kompost in der Stadtwohnung? Ist auch nicht immer eine Freude, zumal wenn er zu faulen beginnt. Vor allem aber nagt ständig ein grosser Zweifel an der individuellen Disziplin, einer, der im tiefen Misstrauen gegenüber der Obrigkeit modert: Wo entsorgt der Staat den fein säuberlich getrennten Abfall? Bleibt er da auch wirklich getrennt? Oder endet er auf einem ganz grossen Berg irgendwo vor den Toren der Stadt? Oder in einem Tal der Schande, von dem noch niemand weiss und das dann in einigen Jahren Schlagzeilen macht? Wo wohl?

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