Volle Pyramiden und hohle Politiker

Nach Monaten anspruchsloser, ja beschämender Unterhaltung für die breiten Massen hat der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf endlich Niveau erreicht. Er bewegt sich neuerdings im Reich der Ägyptologie. Dank hierfür gebührt dem pensionierten Neurochirurgen Ben Carson, der sich an der Spitze des republikanischen Kandidatenfelds tummelt und bisweilen total Erstaunliches sagt.

So behauptete der Doktor etwa in einem kürzlich zutage geförderten Video aus dem Jahr 1998, bei den ägyptischen Pyramiden handle es sich um Getreidespeicher. Sie seien mithin eine altertümliche Version moderner Silos, wie sie sich etwa im US-Weizenstaat Kansas nahe den Eisenbahn­linien auftürmen. «Meine eigene persönliche Theorie ist, dass Josef die Pyramiden erbaut hat, um darin Getreide aufzubewahren», sagte Carson. Der alttestamentarische Josef hielt sich bekanntlich in Ägypten auf, wo nach sieben Jahren fetter Ernten gigantische Getreidespeicher ­gebraucht wurden.

Dass Carson seine «eigene persönliche Theorie» biblisch begründet, ist verständlich: Er ist Christ und Mitglied bei den Siebenten-Tags-Adventisten. Deren Doktrin schweigt allerdings zum Thema der Pyramiden. Auch in der Bibel steht nichts darüber. Carson lässt sich jedoch nicht beirren. «Ja, daran glaube ich immer noch», sagte er letzte Woche über die Silos der Phara­onen. Dagegen lässt sich nichts einwenden. Schliesslich wollte nicht einmal Immanuel Kant («Von den Bewohnern der Gestirne») ausschliessen, dass Ausserirdische nach ihrer Landung nahe Macchu Picchu sackweise Quinoa an Bord ihrer Raumschiffe brachten und nach kurzem Flug in den Pyramiden von Gizeh speicherten. Statt Weizen hätten sie dort eben Quinoa ­gelagert. Oder sogar das Powerkorn Amaranth! Für den langen Rückflug!

Moderne Ägyptologen mögen behaupten, die Pyramiden seien exklusiv für tote Könige erbaut worden. Aber Dr. Carsons Bildung reicht eben weiter zurück. Der Kandidat kann auf den fränkischen Pilger und Mönch Bernard verweisen, der 870 A. D. befand, die Pyramiden seien «Überreste von Getreidespeichern». Oder auf den Bischof Gregor von Tours, demzufolge das Getreide «durch eine winzige Öffnung an der Spitze» in die Pyramiden geschüttet wurde. Ausserdem gibt es im Markusdom in Venedig sogar eine mittelalterliche Darstellung, welche die Pyramiden als Getreidesilos zeigt. Wie in ­Kansas!

Insgesamt muss also eingeräumt werden, dass sich Ben Carson auf solidem wissenschaftlichem Grund befindet, wenn er die Pyramiden als Kornspeicher bezeichnet. Dass sie nicht hohl sind und daher nur begrenzte Lagermöglichkeiten bieten, besagt überhaupt nichts: Die Statik war womöglich eine Schwachstelle Josefs und der Ägypter. Ben Carson vorzuwerfen, er befinde sich nicht auf dem neuesten Forschungsstand und sei im Mittelalter stehen­ geblieben, wäre zudem extrem unfair: Eine Präsidentschaftskandidatur ist zeitraubend und anstrengend. Ist man erst einmal im Weissen Haus, bleibt genügend Zeit für Nachhilfe in obskuren Wissensgebieten wie der Ägyptologie.

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