Roms heilige Stolpersteine

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Das Leben in Rom spielt sich auf Pflastersteinen ab. Foto: flickr/Eric Molina

Die Römer nennen ihre Kopfsteine «sampietrini». Warum profan, wenn es auch heilig geht? In welcher Beziehung genau der Begriff zu San Pietro steht, von dem er sich ganz offensichtlich ableitet, konnte nie zweifelsfrei erörtert werden – mal abgesehen davon, dass natürlich auch der Petersplatz mit vielen kleinen Quadern gepflastert ist. Wahrscheinlich gibt es diese Beziehung, wie in Rom alles irgendwie wunderlich und ewig dramatisch zusammenhängt. Die «sampietrini» sind, um noch einmal die höheren Kategorien zu bemühen, Segen und Fluch der Stadt. Wenn nun vor einigen Tagen der Bürgermeister Ignazio Marino zurücktreten musste, dann lag das auch ein bisschen am Fluch mit dem Kopfsteinpflaster. Vielleicht hätte er sein Amt behalten können, wenn er nur die Geschichte mit den schönen, aber so unpraktischen «sampietrini» gelöst hätte. Zumindest lässt sich die These verhandeln. Die «sampietrini» sind ein ständiges Politikum.

Gäbe es sie allein in den Fussgängerzonen im historischen Zentrum, auf der Piazza Navona etwa oder vor dem Pantheon, dann hätten nur die Damen auf hohen Schuhen ihre Mühe. Doch die «sampietrini» liegen auch auf Strassen, auf denen der Verkehr zugange ist, laut dröhnend und chaotisch, zum Beispiel rund um die Piazza Venezia, den monumentalen Kreisel im Herzen der Stadt. Wenn es regnet, sind die Steine an ihrer Oberfläche so rutschig, dass die Motorradfahrer, diese Zentauren des Verkehrs, alle Verwegenheit der Sicherheit opfern. Und selbst wenn es nicht regnet, sind die Motorradfahrer ständig gefährdet, fehlen doch oftmals gleich mehrere Steine im Pflaster. Wahre Löcher klaffen da. Die Römer nennen sie «buche», und man übertreibt nicht, wenn man sagt, die «buche» böten täglich Stoff für das grosse Lamento.

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Es ist eine Kunst, Pflastersteine zu verlegen: Piazza dell’Orologio in Rom. Foto: flickr/Anthony Majanlahti

Richtig abenteuerlich gestaltet sich da auch eine Fahrt mit dem Bus, Linie 87 etwa, entlang der Kaiserforen. Der Strassenbelag ist an gewissen Stellen so dramatisch holprig, dass jeweils die gesamte Innenausstattung zittert. Es gibt Busse, deren Deckenverschalungen herunterhängen. Man hält sich dann am Sitz fest, schaut mit Sorge zur Decke. Und draussen passieren die Ausgrabungsstätten, dieses Spektakel der Antike. Natürlich liessen sich die «buche» stopfen, mit fein geschnittenen «sampietrini». Die Unebenheiten liessen sich einebnen. Aber das erfordert grosse Unterhaltsarbeit, viel Geld auch. Hätte Marino, der gestürzte Bürgermeister, einen Teil seiner Zeit dafür aufgewendet, einige Strassen in Ordnung zu bringen, und sich dabei zuweilen als Baumeister mit gelbem Helm gezeigt, dann wäre er womöglich noch im Amt. Dann hätten die Römer vielleicht daran geglaubt, dass da einer ist, der etwas tut.

Die Via Nazionale, übrigens, soll nun asphaltiert werden. Gerade noch rechtzeitig für das päpstliche Jubiläumsjahr, das im Dezember beginnen wird. Auf der Via Nazionale, muss man dazu wissen, verkehrt Bus Nummer 64 – vom Hauptbahnhof zum Vatikan, Sankt Peters Hauptzulieferer auf der Pilgerachse zum Papst.

6 Kommentare zu «Roms heilige Stolpersteine»

  • Chris Fogg sagt:

    Als wir diesen Frühling das erste Mal in Rom waren, waren wir total von der Stadt enttäuscht. Touristisch hatte die Stadt absolut nichts für uns zu bieten als alte Steinhaufen der Römer, Verkehr und marode Strassen. Selbst das Essen hat uns nicht überzeugt. Da lobe ich mir 1000x lieber Barcelona oder andere Städte in Europa.

  • Uri Liebeskind sagt:

    Die Ironie ist, dass „alten die Römer“ ja die ersten professionellen Stassenbauer waren. Wenn diese die desolaten Strassen Roms heute sehen würden, würden sie die Verantwortlichen an Festspielen den Raubtieren zum Frass vorwerfen.

  • Lisbeth Brügger-Roth sagt:

    Am Problem des himmeltraurigen Zustandes von Roms Strassen dürfte sich kein Bürgermeister noch die zuständigen Ämter die Finger verbrennen. Wir haben diesen Sommer erlebt, was für ein Lamento bei der Sperrung infolge Reparaturarbeiten einer kleinen Nebenstrasse ausbricht. Die Römer befahren ihre Strassen Tag und Nacht und es erscheint als unmöglich, eine Hauptverkehrsachse durch die Stadt zu sperren – das Chaos wäre unvemeidlich. Ich jedenfalls war froh, dass bei unseren vielen Busfahrten das Fahrzeug nicht auseinander gebrochen ist. Eigentlich sind das – für eine so wunderschöne Stadt wie Rom – unwürdige Zustände.

  • Barbara sagt:

    1 fehlender Pflasterstein und meine flachen, sehr sehr flachen Sandalen waren kaputt… und doch: Rom ohne sampietrini wäre komisch… Finde ich.

  • Uri Liebeskind sagt:

    Als ich dieses Jahr in Rom war, habe ich mich über den schlechten Zustand der Strassen gewundert. Die Erfahrungen mit Bus und Roller dieses Artikels kann ich nur bestätigen – es ist zuweilen ein intensives 3-D Erlebnis. Bella Roma würde dort wo es viel Verkehr hat ein paar asphaltierte Stassen vertragen.

    • Flavius Fidibus sagt:

      Eben nicht Asphalt. Schauen Sie was aus dem ehemals schönen Paradeplatz geworden ist, nachdem man ihn asphaltiert hat. Ein potthässlicher Platz. Im Sommer heiss wie ein Glutofen, im Winter eine Eisbahn und wie gesagt, hässlich uniform anzusehen. Lediglich bequem für die Stadtreinigung um dort kostensparend ihrer Tätigkeit nachgehen zu können.

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