Eine Wilde namens Wanda

«Sag für Amore»: Der Superhit «Bologna» der Band Wanda. Video: ProblembaerRecords (Youtube)

wanda1

Borgte sich den Namen einer Zuhälterin: Michael Marco Fitzthum alias Marco Michael Wanda. (Bild: Universal)

Manche halten sie für eine Sensation. Andere schlicht für die Hölle. Es gibt kaum jemanden, der zur österreichischen Popband Wanda keine Meinung hat. Im vergangenen Jahr landeten die fünf jungen Männer mit «Bologna» den Hit des Sommers, jetzt touren sie mit dem zweiten Album «Bussi» durch Österreich, Deutschland und die Schweiz. Das Konzert in Zürich Anfang Dezember ist bereits ausverkauft.

Sicher: Man kann sich über die Banalität der Musik und das Macho-Gehabe der Gruppe rund um Sänger Marco Michael Wanda auch ganz prächtig ärgern. Aber ein Verdienst ist dem Quintett nicht zu nehmen: Dass sie mit ihrem Namen ein Stück Wiener Zeitgeschichte ehren, das beinahe in Vergessenheit geraten wäre.

Diese Geschichte beginnt in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Vielleicht auch schon etwas früher. Auf alle Fälle zu einer Zeit, als die Interpreten von «Bussi Baby» und «Bologna» noch nicht geboren waren. Wien war damals eine kleine graue Stadt nahe des Eisernen Vorhangs. Besonders grau war der zweite Bezirk, die Leopoldstadt, deren Monotonie nur durch mattrote Neonlampen der vielen Bordelle durchbrochen wurde. Das Odeonviertel, wo heute die Bourgeois Bohemiens (kurz. Bobos) die Mietpreise in die Höhe treiben, war früher ein berüchtigtes Rotlichtquartier. In den Puffs und Spielhöllen verkehrte die Elite der Wiener Unterwelt: Der «Notwehr-Krista», der «G’schwinde», die «Schmutzer-Brüder». Jeder hatte einige Jahre Gefängnis hinter und viele Jahre vor sich.


«Bussi Baby»: Der neue Wanda-Hit. Video: Universal (Youtube)

Ein bekannter Treffpunkt für Nutten, Zuhälter und Taxifahrer war das Café Kärnten in der Rotensterngasse. Hier sass die «Wilde Wanda» und rechnete die Einkünfte ihrer «Damen» ab. Wanda Kuchwalek, geboren 1947 als Tochter einer Schlangentänzerin und eines Besatzungssoldaten, war die einzige Frau, die sich im Wiener Milieu als Zuhälterin durchsetzen konnte. Mit Charisma allein schaffte sie das nicht. Kuchwalek war extrem brutal und misshandelte ihre Prostituierten mit der Stahlrute oder zerschnitt ihnen das Gesicht mit Rasierklingen. Zwei Frauen sollen aus Verzweiflung Selbstmord begangen haben. So verteidigte die sehr kräftig gebaute Wanda ihren Platz über Jahre. Immer wieder musste sie vor Gericht, immer wieder ins Gefängnis. Und immer wieder kehrte sie ins Café Kärnten zurück.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs blieb im Wiener Milieu kein Stein auf dem anderen. Banden aus Jugoslawien und der Türkei übernahmen den Strich. In der Leopoldstadt machte die Gentrifizierung den Rotlichtlokalen den Garaus. Die Puffs und düsteren Beizen wichen hellen Büros von Architekten und Steuerberatern. Das Cafe Kärnten wurde vom bekannten Szenewirt Georg Aichmayr übernommen, der daraus die Absinth-Bar «Shabu» machte, die Einrichtung aus den Siebzigerjahren aber weitgehend original liess. Taxifahrer und Nutten verschwanden, Studenten, Journalisten, Künstler kamen. Auch Michael Marco Fitzthum, Sohn einer Psychotherapeutin, frequentierte das Lokal mit seinen Freunden. Kellner haben sie in Erinnerung: Als sehr laut und häufig sehr betrunken.

Es muss wohl an einem dieser lauten, alkoholgeschwängerten Abende in der Bar Shabu gewesen sein, dass Fitzthum zum ersten Mal die Geschichte von der wilden Wanda hörte. Offenbar gefiel ihm der Name. Er übernahm ihn für die neue Band und gleich für sich selbst.

Das Interieur aus den siebziger Jahren, in dem die Wilde Wanda Hof hielt und in dem die Idee zur Band Wand geboren wurde, landete unlängst im Sperrmüll. Gastronom Aichmayr musste das «Shabu» aufgeben, seine Nachfolger entsorgten lieblos die alte Theke, Holzvertäfelung, Tische und Bänke. Die «wilde» Wanda Kuchwalek starb 2004 friedlich im Spital. Die Musik von Wanda hätte ihr vielleicht gefallen.

Beliebte Blogbeiträge

Kommentarfunktion deaktiviert.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.