Eine Gottfrau kämpft um ihren Ruf


Ihre Farbe ist das Rot. Sie trägt prächtige Saris, behängt sich mit Gold und Diamanten, und auf ihrer Stirn funkelt ein grosser Stein, Tikka genannt. Gerne zeigt sie sich in einem Meer von Blumen. Ihren Verehrern gilt sie als Wiedergeburt der Hindu-Gottheit Durga, die in der indischen Mythologie als furchtlose Töterin des Büffeldämons in Erscheinung tritt.

Ihre Anhänger verehren Radhe Maa als «Gottfrau», sie glauben, dass sie übernatürliche Kräfte besitzt und Wunder vollbringen kann. Doch das half der 50-Jährigen wenig, als ein Hacker kürzlich ihre Website attackierte und Fotos in Umlauf brachte, die Indiens Netzgemeinde in Aufruhr versetzten: Da war die sonst so heilig anmutende Radhe Maa plötzlich in einen roten Minirock und rote Stiefel geschlüpft. Unfassbar! So viel Beinfreiheit galt vielen schon als obszöner Exzess.

Ein Gehilfe sprang Radhe Maa zur Seite und erklärte, das seien nur Geschenke von Anhängern aus dem Westen. Um deren Gefühle nicht zu verletzen, müsse sie das manchmal tragen. Doch die Aufregung war schon nicht mehr aufzuhalten, das Mini-Outfit betrachten viele Inder als untrügliches Zeugnis westlichen Sittenverfalls. Einige klagten, sie fühlten sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt: «Sie hat Göttin Durga beleidigt, indem sie westliche Kleider trug», wetterte eine Frau in Mumbai und wollte schon vor Gericht ziehen. Andere versprühten Hohn und Spott.

Bereits zuvor hatte sich Radhe Maa in grössere Streitereien verstrickt. Die Polizei untersucht Vorwürfe der Nötigung. Sie soll einen Bekannten dazu angestachelt haben, von dessen Frau höheres Brautgeld zu erpressen, was sie vehement bestreitet. Wegen der Ermittlungen wurde sie von religiösen Festlichkeiten vorläufig ausgeschlossen.

Manche fragen sich schon, ob Indien gerade dabei ist, eine Scharlatanin zu entlarven. Das wiederum erbost ihre Anhänger, die hoffen, irgendwann ihre Hand zu küssen, um so göttliche Segnung zu erfahren. Bei Versammlungen lockt Radhe Maa angeblich Tausende Menschen an, sie schart Reiche und Prominente um sich. Es heisst, sie tanze mit ihnen und lasse sich auch schon mal durch die Menge tragen. Vertraute der Inderin bestreiten das.

Die Frau mit der göttlichen Aura stammt aus bescheidenen Verhältnissen, sie kam 1965 im Punjab zur Welt und wuchs unter dem Namen Sukhwinder Kaur auf. Ihre Mutter verlor sie früh. Sie heiratete mit 18 einen Süssigkeiten-Verkäufer und verdiente als Näherin dazu. Als ihr Mann als Arbeiter ins Ausland zog und Frau und Kinder zurückliess, sah es bitter für sie aus. Doch dann soll ein Guru ihre Kräfte entdeckt haben. Und so begann ihr Aufstieg zur schillernden spirituellen Führerin.

Jetzt kämpft sie um ihren Ruf. Reporter interessieren sich nicht nur für den göttlichen Segen, sondern auch für diverse Limousinen, die ihr gehören sollen. Sie aber pocht auf Bescheidenheit: «Ich habe nie jemanden um Luxus oder Helikopter gebeten.»

Radhe Maa äussert sich inmitten ihrer Anhänger zu den Luxus-Vorwürfen. (Youtube)

 

10 Kommentare zu «Eine Gottfrau kämpft um ihren Ruf»

  • Werner E. Nievergelt sagt:

    In Indien ist Aberglaube weit verbreitet; man lebt dort im 17. wie auch im 21. Jahrhundert und niemand ist wirklich daran interessiert das zu ändern. Man will die Dummen dumm behalten und die Armen und Kastenlosen sollen nur so bleiben. Die obere Mittelschicht und Reichen profitieren nur davon und wollen nichts wissen wollen.

  • Olivia sagt:

    Also das ist doch mal eine Heilige die Spass macht! 😀 Hipster-Guru nenne ich das!

  • Christian Weiss sagt:

    Ich bin noch ganz zufrieden mit dem „westlichen Sittenzerfall“. Immerhin kann man in hiesigen Breitengraden mit Minirock rumlaufen, ohne an der nächsten Ecke eine Vergewaltigung befürchten zu müssen.

    • Melanie Steiner sagt:

      Ne, hier nur an der Übernächsten…aber schön andere Länder kritisieren, als gäbe es in der Schweiz nicht regelmässig sexuelle Übergriffe.

      • Edi Rey sagt:

        Frau Steiner, waren Sie schon in Indien? Gehen Sie hin, öffnen Sie Ihre Augen weit und lesen Sie die Tageszeitungen. Und wenn Sie zurück sind empfehle ich Ihnen einen Gedankenaustausch mit Herrn Weiss

  • CHRIS sagt:

    Super, bis jetzt wollten alle meine Freundinnen irgend eine „vergessene“ Prinzessin gewesen sein, jetzt kenne ich eine die sogar eine Göttin ist! Kann denn wenigstens die in Indien alleine Bus Fahren?

  • Peter Wyler sagt:

    Vor allem die Sonnenbrille, die die vermeintliche Göttin während des Interviews im Video trägt, ist ausgesprochen göttlich.

  • Andreas Müller sagt:

    Aus atheistischer Sicht muss man sich das mal auf der Zunge zergehen lassen. Gläubige werden in ihren religiösen Gefühlen verletzt – durch ihre Gottheit! Das ist schon der Hammer.

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