Wie wird man Patriot?

Sollen sich als Nigerianer fühlen: Mitglieder des Yoruba-Stammes in Ogun, Nigeria. (Foto: Ben Curtis/Keystone, AP)

Sollen sich als Nigerianer fühlen: Mitglieder des Yoruba-Stammes in Ogun, Nigeria. Foto: Ben Curtis (AP)

Nigerias National Orientation Agency ist in einem stattlichen Gebäude in der Hauptstadt Abuja untergebracht. Im ersten Stock des Hauses sitzt Generaldirektor Mike Omeri, der manchmal auch Journalisten empfängt. Er scheint eine Art Regierungssprecher zu sein, zumindest wird er gelegentlich so vorgestellt. Obwohl Nigerias Regierung kürzlich wechselte, befindet sich Mike Omeri noch immer an Ort und Stelle. Ob das von seiner Macht oder von seiner enormen Flexibilität zeugt, weiss ich nicht. Ehrlich gesagt, weiss ich auch nicht, was die National Orientation Agency eigentlich tut: Wen die Agentur auf was ausrichten will. Vielleicht hätte man die Agentur früher Propaganda-Amt genannt.

Jetzt hat mich eine Pressemitteilung zumindest ein wenig schlauer gemacht. Darin heisst es, dass die National Orientation Agency die Einführung eines neuen Lehrstuhls an der Universität in Abuja betreibe – und zwar eines Lehrstuhls für Patriotismus. Leider war die Mitteilung eher knapp und enthielt keinerlei Hinweise darauf, was man sich unter einem Studium des Patriotismus vorzustellen hat. Was wird da gelehrt? Die Nationalhymne auswendig vorzusagen oder zweistimmig zu pfeifen? Dass man sich gerne einer vergammelten Armee anschliesst, um sich im Kampf gegen Boko Haram die Gurgel durchschneiden zu lassen? Oder dass man den Präsidenten verehrt, wer auch immer den Job gerade ausführt?

Patriotismus scheint in Afrika ein neues Modewort zu sein – zumindest in den einigermassen erleuchteten Regierungskreisen, die davor zurückschrecken, blinden Gehorsam zu verlangen. Kürzlich forderte Südafrikas Sportminister Fikile Mbalula einheimische Journalisten im Zusammenhang mit den Schmiergeldzahlungen für die Fussballweltmeisterschaft 2010 zum Patriotismus auf: Vermutlich meinte er damit, dass sie über den Skandal, der den Ruf ihrer Heimat zu ruinieren droht, am besten gar nicht berichten. Wie kann man sonst auf patriotische Weise über einen Schmiergeldskandal berichten? Indem man nur Ausländern die Schuld gibt?

Patriotismus ist ein eher junges Konzept in Afrika. Viele Bewohner des Kontinents haben niemals ein Nationalbewusstsein entwickelt, weil ihre Nationen einst von ausländischen Kolonisatoren künstlich zusammengestückelt worden sind. Sie fühlen sich eher ihrer «Ethnie», ihrem Volk oder ihrer Sippe verbunden. Vermutlich soll mit dem Studium des Patriotismus in Nigeria erreicht werden, dass sich das in dem Vielvölkerstaat ändert: Dass sich die fast 170 Millionen Einwohner nicht mehr als Yoruba, Igbo oder Haussa, sondern als Nigerianer verstehen.

Wie das durch einen Studiengang erreicht werden soll, bleibt allerdings bis auf weiteres das Geheimnis der nationalen Orientierungsagentur. Wie wäre es, wenn in Abuja stattdessen zur Abwechslung mal eine verantwortliche Politik betrieben würde, die dem ganzen Volk zugutekommt? Da käme der Nationalstolz von ganz allein.

1 Kommentar zu «Wie wird man Patriot?»

  • ruedi mueller sagt:

    Nach einem Besuch nach Johannesburg habe ich die Zukunft im Hillboro, in der Stadt Johannesburg gesehen.Es sieht aus wie in einm Saustall.Die Europaer leben hinter elektrischen Zaeunen und Alarmanlagen und mit Pistolen und Gewehren im Haus verteilt. Wenn man in Europa nicht aufpast sind sie in ein paar Jahren auch so weit.

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