Kein Strom, aber irre Rechnungen

Kein Licht am Ende des Tunnels: Stromausfälle wie in diesem Laden in Kapstadt sind Alltag. Foto: Mike Hutchings (Reuters)

Kein Licht am Ende des Tunnels: Stromausfälle wie in dieser Imbissbude in Kapstadt sind alle drei Tage Alltag. Foto: Mike Hutchings (Reuters)

Über die Bedeutung eines Staatswesens habe ich als Korrespondent in Südafrika in den vergangenen Jahren mehr erfahren als in einem halben Jahrhundert zuvor. Mit dem Staat verhält es sich nämlich wie mit der Luft: Man nimmt sie erst richtig wahr, wenn sie fehlt oder verpestet ist. Aus Südafrikas Staat geht derzeit die Luft raus wie aus einem Autoreifen, mit dem man über ein Nagelbrett gefahren ist.

Das fängt damit an, dass sich der Staatschef derzeit sein Privatanwesen mit Schwimmbad, Auditorium und Viehkoppel auf Kosten der Steuerzahler ausstatten lässt. Sämtlichen Protesten, auch von der Verfassung eingerichteter Kontrollbehörden, zeigt Jacob Zuma die kalte Schulter. Die Baumassnahmen seien aus Gründen der Sicherheit nötig, heisst es. Kein Wunder, dass sich die Steuermoral der Kapbewohner auf einem Tiefpunkt befindet. Viele fragen sich ohnehin, warum sie Steuern zahlen, wenn sie für Strassen, Sicherheit, Krankenhäuser und Schulen extra berappen müssen. Gibts denn sonst noch Leistungen, die man vom Staat erwartet?

Der staatliche Stromriese Eskom provoziert mit seinen Fantasiepreisen Demonstrationen wie hier, Mitte Mai in Soweto. Foto: Siphiwe Sibeko (Reuters)

Der staatliche Stromriese Eskom provoziert mit seinen Preisen Demonstrationen, hier Mitte Mai in Soweto.

Ach ja, Wasser und Strom. Die fliessen zurzeit auch in Johannesburg noch, allerdings schwach und mit Unterbrechungen. Alle drei Tage wird für mehrere Stunden die Elektrizität abgeschaltet, weil dem staatlichen Stromriesen Eskom bei der Bedarfsberechnung grössere Rechenfehler unterlaufen sind.

Doch auch das ist noch nicht alles. Derzeit flattern den sprachlosen Johannesburgern Fantasierechnungen für die nur sporadisch gelieferte Elektrizität ins Haus. Ich soll zum Beispiel 3000 Euro nachzahlen, weil mein Stromzähler 45.658 Einheiten anzeige. In Wahrheit zeigt das Gerät jedoch nur 27.354 Einheiten an. Eine freundliche Stimme, die nach 45 Minuten Wartezeit das Telefongespräch entgegennimmt, nimmt meine Beschwerde entgegen und gibt sogar eine Referenznummer aus.

Dennoch kommt zwei Wochen später ein Team von City Power angerast und schneidet kurzerhand vor meinem Haus das Stromkabel durch. Weil ich die Rechnung nicht in vollem Umfang bezahlt habe, erwidert nach 45 Minuten Wartezeit die freundliche Stimme am Telefon. Ich könne den angerichteten Schaden allerdings wiedergutmachen, wenn ich ins Büro der städtischen Stromversorgung käme, dort drei Stunden warte und schliesslich eine Zahlungsverpflichtung unterschreibe. Tue ich das nicht, bleibt der Strom weg. Tue ichs und zahle, werde ich innerhalb der nächsten drei Tage womöglich wieder angeschlossen. So ähnlich müssen vor 500 Jahren die europäischen Raubritter mit ihren Untertanen umgesprungen sein.

Vom Staat fürs Volk: Strommasten ausserhalb von Johannesburg. Foto: Siphiwe Sibeko (Reuters)

Spannung: Strommasten ausserhalb von Johannesburg. Fotos: Siphiwe Sibeko (Reuters)

16 Kommentare zu «Kein Strom, aber irre Rechnungen»

  • Beat sagt:

    Grundsätzlich hat der Author recht, wenn er auch etwas übertreibt.
    Im Gegensatz zu den meisten Kommentatoren bin ich nicht (mehr) Tourist in ZA, sondern lebe seit 4 1/2 Jahren hier, nachdem ich über 10 Jahre in Kinshasa (DRC) verbracht habe. Ausser ZA besuchte ich berufshalber 9 andere Afrikanische Länder. Afrika kennen ist ein grosses Wort, ich möchte mich nicht dahin versteigen.
    Hier einige meiner Erfahrungen: Nach Kinshasa erscheint uns ZA wie ein Europäisches Land, was die Infrastrukturen angeht. Der Strom wird hier (an der Südküste) von der Gemeinde verteilt (wie in etlichen CH Gemeinden), den Zähler füttern wir regelmässig mit gekauften kWh zum Voraus, der Tarif soll diesen Monat wieder erhöht werden. Ach ja, diesen Abend war wieder Lastabwurf (Abschaltung) programmiert, hat aber nicht stattgefunden. Durchschnittlich findet dies 1 bis 2 mal pro Woche statt, nach Programm jeweils 2 1/2 Stunden, jedoch tatsächlich nie über 2 Stunden, oft gar nur eine. Für Industrie und Gewerbe natürlich recht behindernd.
    Dafür erleben wir eine äusserst freundliche Bevölkerung, in Geschäften und Restos eine Bedienung, wie man sie in CH nur noch träumen kann.
    Gewiss profitiern wir hier, eine kleine Gruppe von Pensionierten, vom starken CHF, andere würden sagen von der Armut der Bevölkerung, andererseits bringen wir Geld ins Land und direkt wie inderekt auch Arbeit.
    Was die Politik angeht ist Zuma nicht besser, nicht schlechter als die meisten Afrikanischen Politiker, man müsste sich mal fragen, von wem sie’s (die Korruption) gelernt haben.

  • Wie war es eigentlich zu Zeiten des Apartheid-Regimes?
    Dürfen wir von Südafrika eine Flüchtlingswelle erwarten, weil alles zusammenbricht?

  • Remo Brunner-Schori sagt:

    Bereisen ist ein Ding, dort leben etwas völlig Anderes. Milch und Honig fliessen für diejenigen, die sich in die völlig korrupte Günstlingswirtschaft einmischeln können. Ausserhalb dieses Klüngels ist ein vernünftiges Leben unmöglich. Nur in einem sind sich die schwarzen Einwohner einig: in ihrem Rassismus gegen Weisse, Inder und Chinesen. Geschäftstüchtigkeit und harte, tägliche Arbeit sind nicht gefragt und produzieren Neid, Missgunst und schnell auch Gewalt. Nach 48 Jahren SA war für mich genug. Meine weiteren Kommentare und Geschichten würden mir hier wahrscheinlich eine Klage wegen Rassismus einbringen, also lasse ich es bleiben. Die Wahrheiten werden mittlerweile auch in der CH nicht mehr toleriert.

    • M. Kohler sagt:

      Ja leider ist es so, dass man als weisser, gelber oder coloured benachteiligt wird. Ich sag nur BEE. Auch wenn ich an die Uni möchte und beste noten habe ist es zum teil nicht möglich sich einzuschreiben. Der Grund hierfür ist meistens ein aufgebrauchtes Hautfarbenkontingent. Und so geht es weiter und weiter.

    • Eine Klage ist nicht möglich, wenn Sie die Geschichten so schreiben, wie Sie diese erlebt haben, und dann idealerweise auch keine Wertungen hineinfliessen lassen.
      Wenn Sie doch eigene Wertungen hineinfliessen lassen wollen, müssen Sie einfach schreiben „Meine Meinung ist, dass…“ Sie dürfen Ihre Meinung einfach nicht als objektive Wahrheit darstellen, sondern eben als Ihre Meinung.
      Bsp.: Alexander Müller hatte eine Klage am Hals, weil er getwittert hatte „Braucht es eine Kristallnacht für Muslime?“ o.ä. Er hätte aber twittern können: „Meine Meinung ist, dass es eine Kristallnacht für Muslime braucht.“ Ich vermute, dass ihm die Richter dann nichts hätten anhaben können.
      Bei Ehrverletzungen und Beschimpfungen funktioniert dies, müsste auch beim Art. 261 bis StGB so sein.

  • Markus Weidmann sagt:

    Südafrika wird am Ende genauso zugrunde gehen wie das ehemalige Rhodesien, heute Simbabwe. Schon heute ist Südafrika faktisch ein weiterer failed state in Afrika. Nun bekommen jene Recht, die schon damals warnten, als der ANC an die Macht kam, Südafrika werde scheitern! Der Westen kann sich schon heute darauf einstellen, dass in wenigen Jahren grosse Flüchtlingsströme von Südafrikaner nach Europa stattfinden werden!

    • Michu sagt:

      Ein bisschen weit hergeholt.

      Im Moment reisen viele NACH Südafrika, weil dort „Milch und Honig fliessen“ (kein Witz, so gehört).

      SA gilt trotz vieler Probleme nach wie vor als das Land in Afrika, wo alle hinmöchten.

      Als Tourist hatte ich viele schöne Erlebnisse, da man auch flexibel ist. Als Bewohner hat man dann halt andere Probleme, da man gebundener ist.

      Und ja, der Korruption muss Einhalt geboten werden.

      Und wie abhängig man von Strom geworden ist, realisiert man erst wenn er fehlt (kein warmes Essen, Kreditkarten funktionieren nicht, kein Internet, etc.)

      Da aber die Vorteile von SA überwiegen, werde ich das Land sicher wieder bereisen. Es war soooo schön.

      • Joe Schweizer sagt:

        Tja Michu, als Tourist sieht so manches schön und super aus, was in Wirklichkeit alles andere als Toll ist. Für einige wenige (Gutqualifizierte Ausländer?) mag in SA tatsächlich Milch und Honig fliessen. Für die Mehrheit geht’s aber den Bach runter. Die stärke eine Kette entscheidet sich immer am schwächsten Glied.
        Und ich beobachte auch bei uns das der Staat immer mehr Grundaufgaben an (gewinnorientierte) Private abgibt (z.B. Elektrizitäts und Wasserversorgung) und sich unwesentlichen Dingen widmet, welche für das Alltagsleben nicht notwendig sind (Wellnesskurse für Minderheiten, Förderung der Kaninchenzucht usw.).
        Sowas nenne ich Realitätsverlust pur!!

      • Andreas sagt:

        Südafrika ist bereits gescheitert bevor der ANC an die Macht kam. Ein Staatswesen, das eine Zweiklassengesellschaft mit unterschiedlichen Rechten aufbaut, legt den Grundstock für eine schlechte Zukunft.

      • Auf mich wirken Sie echt durchgeknallt.
        2 Wochen Ferien in einem Entwicklungsland sind etwas anderes, als dort zu leben, und die Sauerei tagtäglich zu erleben.

        • Michu sagt:

          @R.K.M: Tja, ich glaube darum habe ich es ja auch geschrieben, dass es als Tourist anders ist.

          Dennoch ist SA kein Entwicklungsland. Es läuft einfach nicht alles immer am Schnürchen wie bei uns.

          Die Leute gehen da hin. Wenn es so schlecht wäre, würden sie weggehen.

          Und Potential nach oben ist immer offen.

        • Michu sagt:

          @RKM: Nachtrag.

          Sie sollten es vielleicht vermeiden, in einer Diskussion den anderen gleich als durchgeknallt, etc. zu bezeichen.
          Das hilft nicht wirklich weiter und stellt meistens den Angreiffer in ein schlechtes Licht.

          btw: Wie oft waren Sie schon in SA?

          • Ich war noch nie in SA.
            Unsere Meinungen sind geteilt.
            SA wird immer mehr zu einem Entwicklungsland.
            Und so wie ich Ihren Kommentar verstanden habe, verharmlosen Sie die desolaten Zustände. Deshalb habe ich dann auch gleich durchgedreht 🙂 Aktion-Reaktion.

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