Latinos und Lateiner

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Ein Latino und ein lateinisch sprechender Römer. Fotos: Aceboy Models, Mary Harrsch, Flickr.

Der neuenglische Bundesstaat Vermont gilt als ausgesprochen nett. Ben & Jerry’s Cookie Dough Eiscreme kommt ebenso aus Vermont wie Bernie Sanders. Bernie ist einer der beiden Senatoren Vermonts in Washington und ein Sozialist! Man stelle sich das vor: ein Sozialist! Vermont ist grün und ländlich und beschaulich und ein wenig hinter den sieben Bergen. Wie es sich eben für einen Bundesstaat gehört, der grün und ländlich ist.

Die Leute dort sind ausgesprochen milde gestimmt, und das Motto des Staats könnte nichtssagender kaum sein: «Freiheit und Einheit» lautet es – kein grosser Wurf, nicht wahr, aber immerhin griffig. Nun kam eine Achtklässlerin namens Angela Kubicke auf die Idee, dem Staat ein lateinisches Motto zu verpassen. Miss Angela lernt Latein und dachte zu Recht, dass ein klassischer Slogan in der Sprache Ovids das kleine Vermont in den Augen der Welt aufwerten und die Bürger Vermonts als gebildete Humanisten vom Schlage des Johann Joachim Winckelmann («edle Einfalt, stille Grösse») ausweisen werde.

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Senator Joe Benning war schockiert von seinen Mitbürgern. Foto: Vimeo.

Zu diesem Zweck wandte sich Miss Angela vertrauensvoll an den Staatssenator Joe Benning und schlug als Motto «Stella quarta decima fulgeat» vor – «der 14.Stern scheint hell» auf deutsch. Dieser rundherum poetische Slogan erinnerte an den Umstand, dass Vermont der amerikanischen Union als 14. Staat beigetreten war. Nachdem Senator Joe einen entsprechenden Antrag im Staatsparlament eingebracht hatte, bat ein örtlicher TV-Sender auf seiner Facebookseite um Kommentare.

Daraufhin brach eine verbale Hölle los, und statt Winckelmann gab es Saures. Denn nichts an der Einfalt der Kommentierer war edel, von stiller Grösse konnte überhaupt keine Rede sein. Statt dessen wähnte die Plebs einen kolossalen Ausverkauf des Staats an illegale Einwanderer, die – kaum war es zu glauben! – jetzt auch noch ein eigenes Motto in ihrer Sprache erhielten!

«Ich dachte, Vermont sei Amerika und nicht Lateinamerika», schäumte eine gewisse Dorothy Lynn Lepisto. «Schmeisst sie aus dem Land, und sagt ihnen, sie sollen Obama mitnehmen», reagierte Frau Judy Lemoureux. «Dazu ein grosses NEIN: Wenn du in den USA lebst, musst du Englisch lernen», schrieb Chris Ferro. Ein gewisser Kurtis Jones winkte ebenfalls ab: «Nein, denn Vermont ist kein Latino-Gebiet, lasst das Motto so wie es ist», erklärte er. «ABSOLUT NICHT, mir hängt diese Scheisse zum Hals heraus, die haben ihre eigenen Länder», empörte sich Kommentator Zeb Swierczynski.

Schier endlos brach sich der Zorn der vermontinischen Volksseele Bahn, denn nichts am Hut hatte sie mit Einwanderern wie Cicero Ortiz oder Marcus Vipsanius Agrippa Escobar oder Tiberius Sempronius Gracchus Hernandez oder Publius Cornelius Scipio Mexicanus Herrera. Nein, die verdammten Latinos sollten ihr Motto einpacken und sich gefälligst trollen.

Senator Joe war total geschockt: «Worauf ich nicht vorbereitet war, ist dieser ätzende verbale Angriff von Leuten, die den Unterschied zwischen den Klassikern und illegalen Einwanderern aus Südamerika nicht kennen», sagte er traurig. Miss Angela war gleichfalls peinlich berührt und befand, man habe es hier mit einem profunden «Mangel an Wissen» zu tun. Mag sein. Aber vielleicht auch nicht. Die Sache spricht für sich selbst. Res ipsa loquitur, Baby!

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