Arme Goldgräber

A woman digs for gold on the outer harbour beach at Folkestone in southeast England

Nach einer Kunstaktion liegen am Strand von Folkestone immer noch Goldbarren vergraben. Foto: Luke MacGregor, Reuters.

Es begann mit dem Wunsch, «Leute einzubeziehen». Und mit der stillen Hoffnung auf lokale Regeneration. Im vorigen August lud die südenglische Stadt Folkestone im Rahmen ihres «Triennial Arts Festival» zur Goldsuche in ihren Hafen ein. Ein Künstler vergrub am Strand 30 kleine Goldbarren im Gesamtwert von 10’000 Pfund. Wer das Gold finde, verkündeten die Organisatoren, dürfe es behalten.

Das liessen sich viele Hundert Menschen nicht zweimal sagen. Die sommerliche Klondyke-Performance wurde, vom Umfang her, zu einem Riesenerfolg. Weltweit schlug sich die Aktion damals in den Medien nieder. Doch ein Dreivierteljahr nach dem «Ereignis» kommt aus Folkestone eine bedenklich stimmende Nachricht. Einige Einheimische graben nämlich noch immer unerbittlich den Strand um – in der Hoffnung, eines Tages fündig zu werden.

Dabei sind die versteckten Goldbarren winzig, keine massiven Goldklumpen. Und die Kunstaktion ist lange abgesagt. Das hindert die verbliebenen «gold diggers» aber nicht daran, weiter ihr Glück zu versuchen. «Das Buddeln», schütteln örtliche Reporter den Kopf, «hat einfach nie aufgehört

Eine Erklärung dafür hat der «Guardian»-Autor Stephen Armstrong gefunden: «Die meisten der Goldgräber sind, soweit ich sehe, Arbeitslose. Oder sie beziehen Hungerlöhne hier in der Stadt.» Armstrong hat die letzten Monate über Stimmen vom Strand gesammelt. Er hat die mal mit Treibholz, mal mit blossen Händen schaufelnde 41-jährige Michelle Moorin getroffen, die in einem Laden in Folkestone arbeitete, der voriges Jahr in Konkurs ging. Oder den 39-jährigen John Knott, der seinen Job verlor, als die Musikkette HMV vor Ort 2013 ihre Tore schloss.

Oder die 23-jährige Becky Rachman, die ebenfalls vergeblich nach einem Arbeitsplatz fahndet. «Ich habe vorher im Verlagswesen gearbeitet, aber da ist jetzt nichts mehr los – also bin ich Goldgräberin geworden», hat sie Armstrong erklärt. «Es ist besser, als nur daheim vor der Mattscheibe zu sitzen.» Für den örtlichen Pfarrer, David Adlington, wirft das Ganze freilich ein trübes Licht auf seine im Niedergang befindliche Gemeinde. Er finde es «gelinde gesagt geschmacklos», meint Adlington, «als Kunst-Gag Gold unter der Nase der Armen zu verstecken».

Angeblich sollen noch immer 22 der 30 Goldbarren im Hafen vergraben liegen. Aber genau weiss das niemand, weil kein Finder je verpflichtet war, über seinen Fund Auskunft zu geben. Manchmal, seufzt der 53-jährige Graham Sopp, der seinem alten Job in einem Supermarkt nachtrauert, schaue er bei Ebbe halt mal nach, ob das Meer Sand weggewaschen habe und ob es Gold gebe. «Aber», sagt Sopp, «es gibt nie Gold.»

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5 Kommentare zu «Arme Goldgräber»

  • Marcel Senn sagt:

    Ganz so klitzeklein dürften die ja auch nicht wirklich sein, da es sich vermutlich um 10 gramm Goldbärreli handelt und die sind handelsüblich 31×18 mm und 1 mm dick!
    .
    Die Schatzsuche hat die Menschen schon immer fasziniert und es wird eine Spannung im Gehirn erzeugt ähnlich wie beim Glücksspiel (man will das Belohnungszentrum aktivieren mit einem Fund) – irgendwie verstehe ich die Menschen dort v.a. die Arbeitslosen.
    So sind sie wenigstens an der frischen Luft und haben Bewegung — besser als vor der Glotze abzuhängen und fett und träge zu werden.

  • Ronnie König sagt:

    Wenn in einem entwickelten und doch noch recht reichen Land wie England so viele Menschen ihre Hoffnung auf Gold finden bekunden, dann stimmt einiges nicht! Da graben sie unermüdlich, also keine faulen Zeitgenossen, aber kommen zu nichts ausser zu Bergen von dem Material das sie arbeitslos machte. Quasi.

    • Rolf Rothacher sagt:

      Die Leute graben wenigstens freiwillig, während wir unsere Arbeitslosen zwangsweise in meist sinnfreie Beschäftigungs-Verhältnisse zwingen, die sie weit mehr blockieren, als sie bei der Suche nach echter Bezahlarbeit weiterbringen. Und Hand aufs Herz: wenn in einem Flüsschen in der Schweiz jemand einen 3’000 Franken Goldfund vermelden würde, wären seine Ufer zwei Wochen später auch umgegraben. So ist nun mal der Mensch und das ist auch gut so. Denn nur wer hofft, bewegt sich noch.

      • Martin Weidmann sagt:

        Das ist schlichtweg falsch. Die Leute graben genauso unfreiwillig nach Gold wie sie unfreiwillig in Beschäftigungsverhältnissen sind. Sie versuchen sowohl beim einen wie auch beim anderen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der einzige Unterschied ist, dass Goldgräber in unserer Zeit eher auffallen. Mit gut hat das Ganze nun wirklich nichts zu tun, sondern eher der bitteren Wahrheit, dass unsere Gesellschaft nicht in der Lage ist unsere Güter gerecht zu verteilen.

  • Max Wartenberg sagt:

    „Ein Künstler vergrub am Strand 30 kleine Goldbarren im Gesamtwert von 10’000 Pfund“ Da kann man sich wohl fragen, ob er die Goldbarren wirklich vergraben hat und das Ganze nicht ein offensichtlich gelungener Scherz war.

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