Der Krieg um die Monumente

Eines Tages hatte Chumani Maxwele die Schnauze voll. Der Politikstudent der renommierten Universität von Kapstadt sammelte einen kleinen Eimer Kot aus den Plumpsklos, die in den Townships ausserhalb des Touristenmekkas noch immer gang und gäbe sind, und warf es gegen die Statue Cecil Rhodes, die seit mehr als 100 Jahren im Zentrum des imposanten Universitätsgeländes am Fusse des Tafelbergs thront. Er habe es satt, den britischen Oberkolonialisten und Erzrassisten Tag für Tag passieren zu müssen, gab Maxwele bekannt.

Es war der Pearl-Harbor-Moment des Monumentenkriegs, der daraufhin in Südafrika ausbrach. Hunderte zumeist dunkelhäutiger Studenten fanden sich zu Protesten vor dem Denkmal des Erzvaters des britischen Imperialismus ein: Viele hatten sich Folien mit der Aufschrift #RhodesMustFall über den Mund geklebt. Die junge Partei der «Economic Freedom Fighter» nahm die Streitaxt der Studenten auf und rückte den Standbildern auch in anderen Teilen des Landes zu Leibe: Darunter das Denkmal für den einstigen Buren-Führer Paul Krüger im Zentrum von Pretoria, einer Reiter-Statue in Port Elizabeth, die eigentlich der geschundenen Pferde im Burenkrieg gedenken soll, sowie einem in Bronze gegossenen Mahatma Gandhi in Johannesburg, dessen Widerstandsaktionen in Südafrika ebenfalls nicht frei von Rassismus gewesen sein sollen.

Die Reaktion auf die Standbilderstürmer liess nicht lange auf sich warten. Vor allem bleiche Südafrikaner haben den Denkmalbeschmutzern vorgeworfen, Teile der Geschichte ausradieren zu wollen: Die Hexenjagd auf die verstorbenen Helden sei genauso abzulehnen, wie das einstige Bully-Regime der Apartheidherrscher. Eine burisch-stämmige Sängerin kettete sich – die alte Nationalhymne des Landes schmetternd – an das Krüger-Denkmal in Pretoria: Auf diese Weise suchte sie den alten Burengeneral zu retten. Bereits seit Tagen wird auch die Journaille am Kap in Atem gehalten: «Die Regenbogennation liegt in Scherben!», fasste der liberale Kolumnist Max du Preez niedergeschmettert zusammen.

Dabei ist das Verblüffendste am Standbildersturm, wie lange er auf sich warten liess. Über 20 Jahre lang durften die kompromittierten Heroen nach dem Gezeitenwechsel am Kap noch ihre ausserordentlichen Standorte geniessen. Das hatten sie in erster Linie Nelson Mandela zu verdanken, der den Bewohnern der Regenbogennation einbläute, die Zukunft wichtiger als die Vergangenheit zu nehmen. Mit der «Mandela-Rhodes-Foundation» ging er selbst sogar eine Allianz mit den Nachlassverwaltern des Erzimperialisten ein. Viele Bleichgesichter verstanden Mandelas Versöhnungsbotschaft so, dass sie von ihren lieb gewonnenen Vorstellungen und Privilegien nicht lassen müssten – selbst ihre bronzenen Vorbilder wurden ja nicht angetastet.

Dass die Schonzeit der Standbilder nun vorüber ist, liegt an den vielen jungen dunkelhäutigen Südafrikanern, die mit dem Lauf der Dinge am Kap der Eingetrübten Hoffnung nicht zufrieden sind. Galt ihre erste Attacke noch dem Symbolischen, werden mit Sicherheit bald weitere Angriffe folgen – aufs Eingemachte, etwa die mangelnde Chancengleichheit. Einen ersten Triumph können die Denkmalstürmer bereits verbuchen: Die Hierarchie der Kapstädter Uni liess den alten Rhodes schliesslich von seinem Sockel holen. Er wird vermutlich in einem Museumspark für ausgemusterte Vorbilder endgelagert: Mit Bänkchen für all diejenigen, die sich dort gerne festketten möchten.

7 Kommentare zu «Der Krieg um die Monumente»

  • Margrit Müller sagt:

    Danke Serge de la Reye! Wenn man die Geschichte kennt, hätte Rhodes schon längst ntfernt werden müssen. Aber Ihre Aspekte vom ANC und Julius Malema sind richtig. Es kann dem junen Hitzkopf durchaus einfallen, statt millioneneschwerer Geburtstagsparties den“Bösen Weissen“ das Land wegzunehmen! Und wer ernährt dann die Bevölkerung, die jetzt schon unter den immensen Preiserhöhungen für die Basis-Artikel wie Brot und Mais, und nichtzu vergessen den Strom, stöhnt. Die Hoffnung stirbt zuletzt – daran halten wir uns, achten aber durchaus aufs tägliche Geschehen im ganzen Land
    Margrit aus Pretoria

    • Serge de la Rey sagt:

      Tja, ich verließ Zimbabwe 2002. Später hörte ich dann, dass viele weiße Farmer nach Zambia gingen. Woher Zimbabwe wiederum später dann Mais importierte…

  • christopher hungerbühler sagt:

    mit denkmälern ist es so eine sache. geschichte wird immer neu geschrieben. muss immer neu geschrieben werden. ethische und moralische werte ändern. denkmale, fossilien alten zeitgeistes, reklamieren überwundene werte. hier genauso wie überall auf der welt. schaut man genauer hin, so müssten – sollten – wir den grossteil unserer broncen überdenken und vielleicht richtigerweise aus dem verkehr ziehen. machen wir platz für neues, frisches!

  • Serge de la Rey sagt:

    Sicherlich nicht ganz unrichtig, was Johannes Dieterich da schreibt. Allerdings lässt er ein, zwei ganz wichtige Aspekte aus: erstens der Umstand, dass der ANC die Hoffnungen der Mehrheit der Bevölkerung enttäuscht hat. Gleich wie in Zimbabwe muss also ein Sündenbock her. Gut gibt es viele Ausländer im Land, die nehmen den Südafrikanern ja die Arbeit weg. Dann geht es natürlich den Weißen immer noch viel zu gut, also richtet sich der Unmut auch gegen uns, zunächst in Form der Denkmäler, aber Morde geschehen auch genug.
    Das wird dann, und das ist der zweite Punkt, von Politikern wie Julias Malema ausgenutzt. Und seit Mandela als Gewissen der Nation nicht mehr da ist, kann nun Südafrika munter den Weg Zimbabwes und Mugabes gehen.
    Es wäre nett, wenn Johannes Dieterich auch mal diese Seite beleuchten würde. Schwarz schreiben und weiß leben ist unaufrichtig.

    • Diane sagt:

      Hey spannende Antwort . Merci. Muss man schon in Südafrika gewesen sein um solches zu Wissen, zu Schreiben.

      • Peter Bernhard sagt:

        Kommentar eines Afrika-Schweizers, (35 Jahre auf dem Kontinent). Seit 1994 verbringen wir mehrere Monate pro Jahr in Südafrika. Unsere grossen Hoffnungen nach dem Ende der Apartheid zerschlagen sich von Jahr zu Jahr mehr. Madibas Hoffnungen, Träume und Wünsche gehen konstant den Bach runter. Die Ideale des ANC verrinnen, dessen Führer übernehmen die Eigenschaften der afrikanischen „Elite des ganzen Kontinents“: Familien-Nepotismus, Korruption, mangelnde finanzielle Uebersicht…. Egal ob Schwarz oder Weiss befragt – sie alle sehen das Südafrika ihrer Enkel den Weg des gesamten schwarzen Kontinentes gehen. Infrastruktur, Sicherheit, Erziehung, Zukunft………….?

  • george steiner sagt:

    Das Denkmal in ein „denk mal“ verwandeln wäre vielleicht besser als Geschichte vergessen und nichts daraus lernen

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