Der Athlet, der auf der Strasse landete

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Im Internet wurde bereits eine Spendenaktion für den obdachlos gewordenen Sportler gestartet. Bild: www.gofoundme.com

Jimmy Thoronka könne einmal einer der schnellsten Läufer dieser Welt sein, meint Abdul Karim Sesay vom sierraleonischen Leichtathletikverband. «Er ist nicht nur ein brillanter Sprinter, ein geborener Athlet und unglaublich schnell», sagt der Sportfunktionär dem britischen «Guardian». «Er ist auch diszipliniert und lauscht aufmerksam den Trainern, um seine Leistung zu verbessern.» Gegenwärtig ist Jimmy Thoronka von jeder Hochform allerdings weit entfernt: Er ist hungrig, ausgezehrt und ununterbrochen den Tränen nahe.

Die im «Guardian» veröffentlichte Geschichte des 20-Jährigen rührte weltweit Tausende von Herzen an. Ende vergangener Woche stolperten Polizisten in einem Londoner Park über den Westafrikaner: Er sah mitgenommen aus und führte lediglich einen kleinen Rucksack mit sich, in dem sich eine zweite Hose, Unterhose, eine Zahnbürste und ein Päckchen Schmerztabletten befanden. Als die Cops den vermeintlichen Landstreicher aufs Revier mitnahmen, brach der Athlet dort in Tränen aus: Nicht ohne Grund befürchtete er, dass er nun in seine westafrikanische Heimat abgeschoben würde – sein Visum war schliesslich bereits seit Monaten abgelaufen. Doch zu Hause, schluchzte Thoronka, würden nur Tote auf ihn warten: Seine leiblichen Eltern seien bereits im Bürgerkrieg vor 15 Jahren gestorben, seine Adoptivmutter erlag zusammen mit vier seiner Adoptivgeschwistern vor einem halben Jahr dem tödlichen Ebolavirus. «Ich kann nicht zurück», weinte der Sportler: «Meine Familie ist ausradiert. Und alleine werde ich es nicht schaffen.»

Er schlief in Nachtbussen

Ausser dem Rucksack führte Thoronka noch ein Armband mit sich, das von den Commonwealth-Spielen in Glasgow vom Juli des vergangenen Jahres stammte. Der Athlet hatte als Staffelläufer an den Wettkämpfen teilgenommen – dass er keine Medaille gewann, führt er auf den Umstand zurück, noch während der Spiele vom Ebolatod seines Onkels erfahren zu haben. «Ich konnte nicht aufhören zu weinen, bin aber trotzdem gerannt.»

Wie viele andere westafrikanische Sportler beschloss Thoronka, nach dem Turnier nicht nach Hause zurückzukehren: «Ich hatte Angst, dass das Virus auch mich tötet.» Von Glasgow aus wollte der Athlet nach London reisen: Doch bereits am Bahnhof der schottischen Stadt wurde ihm der Koffer einschliesslich Geld und Pass gestohlen. Ein Bekannter bot ihm an, vorübergehend bei ihm und seiner Frau in Leicester zu wohnen: Doch nach ein paar Wochen war die Gastfreundschaft des Ehepaares aufgebraucht. Thoronka zog es nach London, wo er den gesamten Winter in Parks verbrachte. Er pflegte sich und seine Ersatzhose in öffentlichen Toiletten zu waschen und suchte, wenn es gar zu kalt wurde, in Nachtbussen etwas Schlaf.

Weltweite Unterstützung

Fürs Essen musste er betteln: Über die Monate hinweg verlor er einen erheblichen Teil seiner einst 75 Kilogramm Körpergewicht. Auch ans Trainieren war nicht zu denken: Thoronka rannte höchstens, um sich etwas Wärme zu verschaffen. Unter solchen Bedingungen hätte man meinen können, dass die Verhaftung durch die Polizei als Erleichterung kam: Doch die Vorstellung, in seine vom Ebolavirus verheerte Heimat zurückzukehren, war für Thoronka offenbar noch schlimmer als ein Landstreicherleben in verregneten britischen Parks.

Mit der Veröffentlichung seiner Geschichte im «Guardian» scheint sich das Blatt für den Sportler gewendet zu haben. Leser aus aller Welt boten dem Läufer Unterkunft, Verpflegung oder Kleider an: Selbst auf der Londoner Polizeistation, in der er vorübergehend festgehalten wurde, erschienen Sympathisanten mit Esspaketen. Die US-Aktivistenorganisation change.org startete eine Solidaritätskampagne, und die US-Spendenwebsite «Gofundme» brachte in Windeseile 20’000 Pfund zusammen. Über die Reaktion zeigte sich nicht nur Thoronka beglückt: «Wenn er in Europa bleiben und dort trainieren könnte, wäre das grossartig für ihn», meint Athletikfunktionär Sesay. Nur an einem hakt es noch: Die britische Immigrationsbehörde wird über ihren Schatten springen müssen.

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