Stucki und der starke Franken

Stucki und der starke Franken

Las Vegas war teuer, seit der Euro zur Müllwährung mutiert war. Abends verzehrten sie billigste Hotdogs der Marke Carolina Pride. Foto: Carolina Pride PD

Stucki befand sich auf der Heimreise. Er wartete in New York auf seinen Anschlussflug nach Zürich. Die Geschäfte in Las Vegas waren miserabel gelaufen. Dabei war er mit grossen Hoffnungen zur «Internationalen Messe für Schrauben und Nägel» gereist. Die «International Screw and Nail Fair» fand jeden Januar im Spielerparadies in der Wüste Nevadas statt. Und Stucki hatte seinen Stand frühzeitig reserviert, um seinen Arbeitgeber – die Schraubenfirma Bohrlocher in Frauenfeld – gut in Stellung zu bringen.

Umsonst war alles gewesen, dachte er bitter und schlürfte bedächtig seinen Latte mit Preiselbeersirup, der umgerechnet rund 14 Rappen gekostet hatte. 14 Räppler! Nach dem schwarzen Donnerstag war alles anders geworden, dachte er. Am schwarzen Donnerstag, just als die Messe in Las Vegas öffnete, war Stucki in seinem Zimmer im Hotel Venetian Resort aufgewacht und hatte wie üblich sein iPad konsultiert. Dann traf ihn der Schlag: Der Franken kletterte und kletterte und begrub den Euro. Auch gegenüber dem Dollar legte der Franken derart zu, dass der Preis von Stuckis Hotelzimmer über Nacht erheblich geschrumpft war.

Zitternd rief er Bohrlocher in Frauenfeld an. Jawohl, die verdammte Nationalbank habe kapituliert. Mit erhobenen Händen seien die Notenbanker über die heruntergelassene Zugbrücke und den leeren Burggraben geradewegs zur Terra incognita marschiert, ungeheuerlich, nicht wahr! Bohrlocher begann zu schluchzen. Hastig beendete Stucki das Gespräch. Ihm war peinlich, wenn der Chef weinte. Dann ging er zur Messehalle, vorbei an Betrunkenen, die aus den Kasinos quollen, und vorbei an grellen Zeitungsplakaten. «Swiss Apocalypse!» stand auf ihnen.

Stucki war übel. Als er die Halle betrat, begannen die Amerikaner zu tuscheln. «Poor guy», hörte Stucki. Gemeint war wohl er. Jawohl, armer Kerl: Der verdammte Franken hatte wie wahnsinnig zugelegt, seine Schrauben waren völlig überteuert. Er deckte den Stand auf und verfolgte auf einem TV-Schirm den Frankenkurs. 18 Rappen gleich einem Dollar. 29 Eurocent gleich einem Franken.

Deprimiert zeichnete Stucki die Schraubenpakete neu aus. Bauschrauben, Blechschrauben, Sechskantschrauben, Justierschrauben, Edelstahlschrauben, Fassadenschrauben, Senkschrauben – das gesamte Sortiment musste der Entwicklung auf den Devisenmärkten angeglichen werden. Stucki platzierte die neuen Preisschilder auf die kleinen Schraubenkästen. Es war zum Heulen. Eine Sechskantschraube, vorher 34 US-Cents, kostete jetzt knapp zwei Dollar.

schraube

Vor dem Stand der Firma Bohrlocher – «Thurgau Precision»! – sammelte sich eine Menschenmenge. Die Leute lachten und klopften sich auf die Oberschenkel beim Anblick der Preise für Stuckis Ware. «One screw one dollar!» – eine Schraube einen Dollar! –, schrie ein fetter Amerikaner und prustete los. Die Konkurrenz aus Deutschland war gleichfalls aufmarschiert, die Firma Alois Heidegger aus dem badischen Messkirch. Es tue ihnen leid, sagten sie. Der Kollege aus Frauenfeld befinde sich währungspolitisch «in der toten Zone», ja nun, und überhaupt!

Stucki verkaufte nichts am Donnerstag. Auch am Freitag verkaufte er nichts. Die Kollegen aus Messkirch tätigten hingegen viele Abschlüsse. Abends verzehrten sie billigste Hotdogs der Marke Carolina Pride. Las Vegas war teuer, seit der Euro zur Müllwährung mutiert war. Aber die Deutschen verkauften: Abdeckkappen, Tellerkopfschrauben und so weiter. Stucki trank abends einen Edel-Whiskey namens Knob Creek. Das Glas hatte umgerechnet zwei Franken gekostet.

Jetzt wurde sein Flug aufgerufen. Müde checkte Stucki ein. Morgen früh erwarteten ihn Frauenfeld und Bohrlocher.

16 Kommentare zu «Stucki und der starke Franken»

  • Hans Kummer sagt:

    Bohrlocher weint wohl Freudentränen, denn auch der Renmimbi ging in den Keller, so dass die Produktionskosten dieselben blieben. Endlich kann er Stucki moralisch korrekt durch einen billigen Ami vor Ort ersetzen.

  • Marcel Müller sagt:

    Scön gemachte Satire, aber es trifft den Kern recht gut.
    An dieser Stelle möchte ich gerne John Connally zitieren: „It’s our currency, but it’s your problem.“
    So einfach kann das manchmal sein.

    Grüsse
    M

  • Michael Ferster sagt:

    Satire ist, wenn man trotzdem lacht. Gut geschrieben, Herr Kilian! Nur bei „29 Eurocent gleich einem Franken“ haben Sie sich vertan. Bei diesem Kurs wäre der Franken die Müllwährung, nicht der Euro. Sie hätten ähnlich wie beim Dollar schreiben sollen: „19 Rappen gleich einem Euro“.

  • Georges Teitler sagt:

    Unglaublich, wie wenig Humor die Kommentartoren haben. Kaum einer hat gemerkt, dass es eine Satire war. Typisch schweizerisch!

  • D. Hadorn sagt:

    Freedom of speech:
    Dass der CHF stärker geworden ist,dachte auch ich. Wenn man die AHV aus der Schweiz kriegt, ist dies gut. Überrascht war ich, als mein Betrag ziehmlich unter dem Norm in mein Konto überwiesen wurde. Der CHF, welcher mit Gold gesichert ist vs. der US Dollar welcher mit riesen Schulden auf wertlosem Papier versumpft, da stimmt was nicht. Diese Pleite hat ebenfalls mit deren stehten Kriegen zu tun, denn dies stopft den „Oberhäuptern“ ihre Bankkontos. „War is good for our economy“ und „Ammunition is the most lucrative commodity,” so kalt warden die sklaven der Kriegsmaschine programmiert. Die „Charlie Hebdo“ affäre dient bloss zu sehen wie gut das programmieren der Massen mit deren „HAARP Technology funktioniert. Um die Welt gegen den Islam zu hetzen zur Erweiterung derenBürgerkriege.

  • John J Feller, SCV sagt:

    Dank Obama I werden wir die USD Weltwaehrung noch ganz anders erleben. Im Keller, wegen den massiven Schulden dioe der erste schwarze Praesi angehaeuft hat.

  • Anh Toan sagt:

    Der Kilian schreibt feine Satire, über die man mit ein wenig Humor sogar lachen kann, wenn sie einen selbst trifft, beweist wirtschaftliches Verständnis (eine harte Währung nützt nicht dem, der sie sich erarbeiten muss), und verpackt das unprätentiös in kleine Geschichten. (Ich denke an Loriot, Kishon)

  • Kurt B. Stucki sagt:

    Coole Story wie meistens, Martin, danke.

  • Stephan sagt:

    Wo kann ich wechseln? Bei 18 Rappen für 1 USD möchte ich gerne USD kaufen. Sorry, der Wechselkurs kann nicht stimmen. Wenn ich jetzt den Kurs anschaue, dann beträgt der Kurs 86 Rappen für 1 USD. Vorher war er ja 1:1. Vorher kostet die Schraube 34 US-Cent, das entsprach bei 1:1 ja. 34 Rappen. Wenn die Schraube jetzt 1 USD kosten sollte, dann kostet die Schraube jetzt 86 Rappen. Zu diesem Preis kauft sicher niemand eine Schraube..

  • Jeanclaude sagt:

    Die Schraubenstory ist nun wirklich ein schlechtes Beispiel! Die braucht niemand auf der Welt aus der Schweiz kaufen.

    • Anh Toan sagt:

      von der Webseite der Bruno Bärtschi Drehteile AG, CH-4562 Biberist

      „Wir fertigen Präzisionsschrauben nach Kundenspezifikation bereits ab 500 Stk. Auf mehr als 40 Maschinen produzieren wir die ganze Welt der Schrauben.“

      • Manfred Grieshaber sagt:

        Der erste Satz ihres Zitats zeigt das ganze Dilemma der CH-Industrie: „… nach Kundenspezifikation…“. Beispiel Kfz-Industrie, heute wird jedes noch so kleine Teil in der Konzernzentrale entwickelt und designed. Der Zulieferer produziert diese dann nach Vorgabe. Früher war das anders. Da suchte der Konzern sich die besten Teile am Weltmarkt und integrierte die dann in sein Endprodukt. Und die besten Teile kamen oft aus der Schweiz. Aber, es war ja bequemer und einfacher auf eigene Entwicklung zu verzichten. Und Aquise brauchte man auch nicht mehr als man sich zur verlängerten Werkbank eines Konzerns machte. Und wenn die Anforderung neue Verfahren oder neues Material verlangte und man dafür kein Know How in der Schweiz fand holte man sich ausl. Fachkräfte. Da sparte man auch noch an der Weiterbildung. Dank niedriger Unternehmenssteuern war das lange ein Erfolgsmodell, jetzt aber hat der hohe Frankenkurs den letzten Wettbewerbsvorteil vernichtet.

  • Gruber sagt:

    Zitat von oben. Eine Sechskantschraube, vorher 34 US-Cents, kostete jetzt knapp zwei Dollar.
    Spinne ich oder Martin Kilian oder Stucki ??

    • Brunner sagt:

      Anscheinend hat CHF sich mehr als verfünfacht nur die Schiweizer in der Schweiz wissen noch nichts davon.

    • John J Feller, SCV sagt:

      Kilian war noch nie gut im Rechnen.
      Nur Obama ist der Gute, der Tuechtige der Beste….in Kilians Meinung.

    • Franz Vontobel sagt:

      Satire übertreibt – kann einem irritieren, wenn man sich das nicht gewohnt ist, ich weiss…

      In Kilians Glosse ist der Dollar eben auf 18 Rp gefallen, also etwa 1:6 – die 34 Cent Schraube ist also nun 6 mal teurer, also etwa 2 Dollar.

      Einen Fehler hat der Text aber tatsächlich: „29 Eurocent gleich 1 Fr.“ würde natürlich bedeuten, dass der Euro 3 Fr. Wert hätte.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.