Stell dir vor, es ist Streik – und keiner merkts

Dass etwas nicht in Ordnung war, bemerkte ich erst, als ich eines Tages mal wieder einen altmodischen Brief in einem Johannesburger Postamt aufgeben wollte. Derzeit würden keine Briefe zur Beförderung angenommen, erklärte der freundliche Postbeamte: Seine streikenden Kollegen würden die Sendung ohnehin nur vernichten. Wie lange der Streik denn schon anhalte, wollte ich wissen: Seit vier Monaten, sagte der freundliche Schaltermann.

Vergebene Liebesmüh: Ein Kind schreibt dem Weihnachtsmann ...

Möglicherweise vergebene Liebesmüh: Ein Kind schreibt dem Weihnachtsmann …

Da dämmerte mir, dass ich tatsächlich schon länger nichts mehr in meinem Briefkasten gefunden hatte: ein Umstand, der mir zuvor nicht aufgefallen war. Schliesslich werden mit der Schneckenpost schon lange nur noch Sendungen von zweifelhaftem Wert befördert – wie Strafzettel, die Rechnungen der Strassenmautbehörde, jährliche Mitteilungen der Lebensversicherung aus Deutschland oder Einladungen zur goldenen Hochzeit weisshaariger Kollegen. Selbst im finsteren Afrika wird Wichtiges längst über E-Mail und Internet verschickt – und wenn es statt um Geschriebenes um reelle Gegenstände geht, muss ohnehin ein Kurier herhalten. Denn Päckchen pflegen die Pöstler am Kap der Guten Hoffnung genauer unter die Lupe zu nehmen und ihren Inhalt bei Gefallen zu behalten.

... einen Brief. Der müsste einen Weg zu ihm finden, ...

… einen Brief. Der müsste einen Weg zu ihm finden, …

Irgendwann muss sich der Streik der Austräger auch unter einheimischen Journalisten herumgesprochen haben. Jedenfalls füllte sich die Sendezeit im lokalen Radio plötzlich mit ausführlicher Berichterstattung über die Zustände in der Postverwaltung: Sie hörten sich an wie Depeschen aus dem somalischen Kriegsgebiet. Da war von unbezahlten Löhnen, vom Verschwinden der Pensionsrücklagen, von Coups im Aufsichtsrat und dem ehemaligen Geheimdienstminister die Rede, der nach der Verurteilung seiner Rauschgift schmuggelnden Frau im Postministerium entsorgt worden war. Die Details der Berichterstattung verfolgte ich zugestandenermassen nicht mit voller Aufmerksamkeit: Für mich klang das Ganze wie ein Erlebnisbericht aus «Jurassic Park».

... und zwar so direkt wie möglich. Das ist in Südarfika ...

… und zwar so direkt wie möglich. Das ist in Südafrika …

Denn, seien wir ehrlich, wen interessiert die Post schon noch? Den Briefträgern könnte es passieren, dass sie im 15. Jahr des Streiks plötzlich feststellen, dass ihr Betrieb bereits vor zehn Jahren bankrottgegangen ist. Möglich wäre auch, dass die Pöstler nach fünf Jahren wieder ihre Arbeit aufnehmen – nur um festzustellen, dass es für sie nichts mehr zu befördern gibt, weil ihr Geschäft inzwischen von E-Mail- und Kurierdiensten übernommen wurde. Nach dem Motto: Stell dir vor, es ist Streik, und keiner merkts.

... aber kaum möglich: Alter Briefkasten vor einem Postamt in Kapstadt. Alle Fotos: Flickr

… leichter gesagt als getan: Alter Briefkasten vor einem Postamt in Kapstadt. Alle Fotos: Flickr

In unserem Fall kam den Austrägern allerdings eine Einrichtung zugute, die noch älter und etablierter als ihr Beförderungsgewerbe ist: Weihnachten! Die Eltern noch unaufgeklärter Kinder fragten sich plötzlich aufgeregt, wer denn nun die ganzen Briefchen an den Weihnachtsmann überbringt: Machen Sie mal einem Dreijährigen klar, dass der Coca-Cola-Mann im Schlitten aus welchen Gründen auch immer die Räder stillstehen liess. Plötzlich füllten sich auch wieder die Sendungen des Lokalradios an, dieses Mal mit den Schreien verzweifelter Eltern, die die Postbeamten um Gnade anflehten.

Ihre Intervention hatte tatsächlich Erfolg. Kürzlich nahmen die Austräger wieder ihre Arbeit auf – als Erstes erhielt ich einen Strafzettel für eine Geschwindigkeitsübertretung Mitte August. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die Pöstler ihren Ausstand keineswegs den verzweifelten Eltern zuliebe beendet hätten. Vielmehr pflegen die Austräger vor Weihnachten jeden Haushalt um eine saisonale Abgabe zu bitten und hätten sich diese Gelegenheit wohl nicht entgehen lassen wollen. Meine Antwort werden sie in der mir vertrautesten Mundart zu hören bekommen: Mir gäbed nix.

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