Wer zuletzt kommt, ist ein Loser

Die vergangene Woche war eine besondere im Leben von T.B. Waffle. Es war die Woche des amerikanischen Erntedankfests, zugleich aber die Woche des Black Friday. An jenem unerhörten Tag nach dem Erntedankfest gehen die Amerikaner orgiastisch shoppen und stürmen in der Hoffnung auf irrsinnige Deals kurz nach Mitternacht die Tempel des Konsums.

Schon der Montag fand Waffle in aufgeräumter Stimmung. Denn in Erwartung des Black Friday hatte er sich ein «falsches Bewusstsein» zugelegt: Er warf ein paar Bücher von Marx und Adorno in den Müll und entwickelte bei ausgedehnten Erkundungen in den Verkaufsräumen von Walmart und Target, Home Depot, Best Buy und Kmart «falsche Bedürfnisse».

Waffle zählte sich zu jenen Amerikanern, die Thomas Jeffersons «Streben nach Glück» unbedingte Gefolgschaft leisten. Schon deshalb fuhr er einen Chevy Suburban LS mit acht Zylindern, 5,3 Litern Hubraum und einem gewaltigen Schadstoffausstoss. Er wollte das Fossilzeitalter mit einem Ausrufezeichen feiern! Insgesamt war Waffle ein begeisterter Anhänger des American Way of Life. 1992 hatte er George Herbert Walker Bush gewählt, weil Bush bei einer Umweltkonferenz in Rio erklärte, der American Way of Life sei «nicht verhandelbar». Yo, Bush!

Nachdem er am Donnerstagabend die traditionelle Truthahnbrust verdrückt und mit Pepsi hinuntergespült hatte, begann sich Waffle für den Black Friday zu wappnen. Man musste vorsichtig sein: Seit 2008 waren sieben Leute beim nächtlichen Sturm auf die Kaufhäuser ums Leben gekommen, 90 verletzt worden. Darunter ein gewisser Walter Vance aus West Virginia, den im Kaufhaus Target ein Infarkt ereilte. Die entfesselten Shopper waren über Walter hinweggestiegen. Er mochte sterben, aber er war ein Hindernis.

Andernorts wurden Leute angeschossen oder verprügelt. Waffle gab sich keinen Illusionen hin: Es war ein Dschungel da draussen, der Naturzustand bei Thomas Hobbes ein Klacks dagegen. Er zog sich Knieschützer, wattierte Hosen, eine schusssichere Weste sowie einen Motorradhelm an und packte die geladene Kanone ein. Und Schlagringe. Für alle Fälle. Den Flachmann füllte er sorgfältig mit Whiskey der Marke George Dickel.

Dann fuhr er ins Einkaufszentrum und wurde Teil von Baudrillards «Spektakelrealität». Davon aber hatte Waffle keine Ahnung. Er kannte Baudrillard nicht. Er parkte und dachte an Bush: Der American Way of Life sei «nicht verhandelbar». Hell, no! Waffle stieg aus und stöpselte sich Musik in die Ohren: «Symphony of Destruction» von Megadeth. Oh Mann, wie das rumste! Langsam kämpfte er sich in der Menge voran. Manche Leute zelteten bereits seit Wochen vor dem Einkaufszentrum. Sie wollten sich die Super-Sonderangebote krallen: Computer mit «Intel Inside» für 100 Dollar, TVs mit 55-Zoll-Flachbildschirm für 199 Dollar. 55 Zoll! Das füllt dein Wohnzimmer aus, Baby!

Schlag Mitternacht öffneten sich die Türen, worauf die Leute schreiend und fluchend hineinströmten. Wachmänner gingen mit Pfefferspray auf die Menge los. Waffle schob sich am Aufruhr vorbei. Natürlich gab es nur wenige 55-Zoll-Fernseher für 199 Dollar – wer zuletzt kommt, ist ein Loser! Waffle arbeitete sich rasch zur Sportabteilung vor: Vier Tischtennisschläger samt Bällen und Netz für 50 Cents! Er bezahlte schnell und begab sich sofort zum Auto. Nicht dass er das Zeug gebraucht hätte: Er kannte Pingpong nur aus chinesischen Filmen.

Hinter ihm schlugen Konsumenten aufeinander ein, er glaubte Schüsse zu hören. Die Leute streben nach Glück, dachte er. Dabei stand Cyber Monday, der Super-Online-Einkaufs-Montag nach dem Erntedankfest, erst noch vor der Tür! Waffle gab Gas.

6 Kommentare zu «Wer zuletzt kommt, ist ein Loser»

  • Geri Marivir sagt:

    Der Fall ist klar: Der Kapitalismus gräbt sich sein eigenes Grab.
    Leute, fangt an, darüber nachzudenken,
    welche Sozialordnung wir uns am Tag seiner Bestattung geben wollen.
    Es gibt mindestens eine gute Alternative.
    Man findet sie, wenn man auf die Suche geht.
    Aber bequem ist sie nicht, weil sie gesundes Denken voraussetzt.
    Und man muss sie heute schon vorbereiten.

  • King Kongomüller sagt:

    Hoffentlich findet dieses peinliche Schrottereignis nicht auch noch seinen Weg in die Schweiz. So wie Halloween es schon tat.

  • Ueli sagt:

    Das Waterloo des warenproduzierenden Systems alias Kapitalismus ist nicht nur ein ökonomisches (die globale Gesamtmasse der produktiv vernutzten abstrakten Arbeit sinkt aufgrund der permanent gesteigerten Produktivkraft schon seit 30 Jahren in der kapitalistischen Geschichte absolut und das bedeutet: unabhängig von der konjunkturellen Bewegung), sondern auch ein kulturelles. Weit davon entfernt, die allgemeine Wohlfahrt und ein gedeihliches Zusammenleben ohne autoritäre Zwänge hervorzubringen, zerstört der von neuem und auf siner höchsten Entwicklungsstufe entfesselte Markt die letzten Reste menschliches Sozietät. Die abstrakten Individuen beginnen moralisch zu verwildern, auch diejenigen, die von der Ökonomik des Geldes noch nicht als „unbrauchbar“ ausgespuckt worden sind. In den Poren der zerfallenden Warengesellschaft wuchern die Geschwüre von rassistischer Gewalt, Konsumterror, Strassenterror, sexueller Wut, Hassausbrüchen und lachender Menschenverachtung. Es ist keineswegs allein die verzweifelte und bewusstlose Rache der Massen von sozial Ausgegrenzten, die sich in solchen Formen äussert. Vielmehr zeigt sich darin die kulturelle Verwahrlosung der Warensubjekte überhaupt an. Es gibt gar keine eigene kapitalistische Kultur, weil die Realabstraktionen von Ware und Geld an sich völlig inhaltslos sind. Der Anschein von Kultur konnte nur durch die Spannung zwischen dem Marktsystem und den vor- bzw. nichtwarenförmigen Alltagsstrukturen im Aufstiegsprozess der Warengesellschaft aufrechterhalten werden. Die letzte Entfesselungsstufe der Warensubjekte lässt jede Form von Kultur hinter sich, weil sie keinerlei inhaltliches und qualitatives Kriterium oder Sensorium mehr besitzt.

    • Klaver sagt:

      „In den Poren der zerfallenden Warengesellschaft wuchern die Geschwüre von rassistischer Gewalt, Konsumterror, Strassenterror, sexueller Wut, Hassausbrüchen und lachender Menschenverachtung.“
      Wahrscheinlich braucht das der Kapitalismus sogar, Zerstörung und Wiederaufbau, der perfektionierte Zyklus Produktion, Konsummation, Produktion… Wenn man diesem System eins lassen muss, dann das: Es ist so perfekt, dass es praktisch alles absorbieren und zu seinen Gunsten produktiv machen kann. Kapitalismus funktioniert unter dem Deckmäntelchen von Diktaturen, Demokratien, totalitären Systemen… Wer also die Hoffnung hat, diese Unruhe in der Bevölkerung würde den Kapitalismus schwächen, liegt komplett falsch. Das Gegenteil dürfte der Fall sein, das System wird daran noch stärker werden.

    • Dieter Neth sagt:

      Und das Ende des entfesselten Kapitalismus neoliberaler Prägung kann man in Ciudad Juarez in Mexiko bestaunen.

  • Bart sagt:

    Zu geil.
    In den USA haben die Führer längst erkannt, dass Dummheit, schlechte Pisa-Tests und fehlende Bildung der Masse nicht schlecht sind fürs Land, sondern ideal für die Wirtschaft und fürs System.

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