¡Viva México, cabrones!

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Bekenntnisse eines Mexiko-Fans: Die mexikanische Bevölkerung ist genauso hilfsbereit, gastfreundlich und liebenswert, wie es das Klischee besagt. Foto: Getty Images

Trotz Drogenkrieg, Korruption, Armut und miesepetrigen Korrespondenten: Mexiko ist das schönste Land auf dem amerikanischen Kontinent.

Zugegeben, es ist angesichts der haarstäubenden Nachrichten aus Mexiko nicht der beste Moment, aber es drängt mich doch danach, es einmal zu schreiben. Denn seit einiger Zeit wirft man mir vor, immer nur Negatives über Mexiko zu berichten. Der Leser Roberto Peña zum Beispiel bemängelt in einem Onlinekommentar: «Benini ist es offensichtlich unwohl hier in México (sic). Ich kann mich nur an Schlechtmacherei und Negativismus aus seiner Feder erinnern.»

Dass das in dieser absoluten Form nicht zutrifft, beweist dieser Artikel. Zu meiner Verteidigung möchte ich ausserdem Folgendes anführen: Es ist grundsätzlich und in allen Lebensbereichen so, dass «bad news» mehr Aufmerksamkeit erregen als «good news». Über ein glückliches, harmonisch zusammenlebendes Ehepaar wird im Bekanntenkreis weniger getratscht als über eines, das sich einen gnadenlosen Scheidungskrieg liefert. Oder, um ein frei erfundenes Beispiel zu nehmen: Ein tadellos geführtes medizinhistorisches Museum ist den Medien kaum eine Nachricht wert. Stapeln sich jedoch in seinem Keller unkatalogisiert die Schrumpfköpfe, könnte das eventuell einen Skandal provozieren. Diese allgemeinmenschliche, sich gerade auch in den Medien niederschlagende Aufmerksamkeitsökonomie wird im Falle Mexikos dadurch verstärkt, dass sich hier in jüngster Zeit leider viele schreckliche Dinge ereignen. Und dass die potenziell erfreulichen Auswirkungen der von Präsident Enrique Peña Nieto durchgesetzten Strukturreformen noch nicht spürbar sind. Falls sie es denn je sein werden. Aber das ist ja schon wieder Negativismus. Perdón, Señor Peña. (Gemeint ist der Leser, nicht der Präsident).

Jedenfalls sei es jetzt nach über zehnjährigem Aufenthalt endlich einmal gesagt: Mexiko ist trotz Drogenkrieg, Korruption, Armut und vielen anderen Übeln das grossartigste Land des amerikanischen Kontinents, weil es nirgendwo sonst eine derart faszinierende Kombination aus Naturschönheit (Meer, Berge, Wüste, Urwald), präkolumbianischer Kultur, spanisch-kolonial-architektonischer Pracht und atemberaubender Moderne gibt. Weil man – abgesehen von Peru – nirgendwo besser isst. Weil – abgesehen von den Mitgliedern der Drogenmafia – die mexikanische Bevölkerung genauso hilfsbereit, gastfreundlich, liebenswert ist, wie es das Klischee besagt. Weil das Licht heller ist und die Farben intensiver leuchten als irgendwo sonst. Weil das Land magisch und geheimnisvoll ist und man darum nie das Gefühl bekommt, es jemals wirklich verstehen oder ergründen zu können. Weil einem das mexikanische Spanisch mit dem Wort «pinche» ein wunderbares Mittel bietet, um seine Sätze zu würzen. All dies und vieles mehr ist gemeint mit dem patriotischen Ruf: ¡Viva México, cabrones! Was wörtlich übersetzt heisst: «Es lebe Mexiko, ihr Böcke!» Die Selbstironie und der Witz, die darin mitschwingen, sind weitere mexikanische Tugenden.

13 Kommentare zu «¡Viva México, cabrones!»

  • Andi sagt:

    Dass es nirgendwo sonst in Amerika eine solch faszinierende Kombination aus Naturschönheit gibt, möchte ich doch bezweifeln. Peru verfügt genauso über die Kombination Meer (Mancora, Paracas, usw.), Berge (Cusco, Machu Picchu, Arequipa, etc.), Wüste (Ica, Nasca, etc.), Urwald (Amazonas), beim kulinarischen Vergleich wurde Peru berechtigterweise
    bereits erwähnt (man mag anfügen, dass die peruanische Küche für den europäischen Gaumen und Magen tendenziell wohl bekömmlicher ist). Spanisch-koloniale Architektur lässt sich auch in Peru finden (bspw. in Rimac, Lima), präkolumbianische Kultur zweifelsohne ebenfalls (Inca, Moche).
    Peru bietet ausserdem den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass man kaum je mit der Drogenmafia konfrontiert werden dürfte (die Existenz einer solchen in Peru möchte ich jedoch nicht bezweifeln). Im Vergleich zu Peru müsste man also die Grossartigkeit von Mexiko innerhalb Amerikas nur aufgrund der genannten Kriterien durchaus etwas relativieren, ganz abgesehen davon, dass man zweifelsohne auch noch viele andere Vergleichskriterien heranziehen könnte…

  • Bohnenblust Daniel sagt:

    Eigentlich ein guter Artikel! Aber dieser Seitenhieb auf irgendwelches (!) „medizinhistorisches Museum“ ist wirklich gesucht und deplaziert, wenn man weiss, oder zu wissen glaubt, von was die Rede ist und man die Hintergründe etwas kennt.

    • Franz Vontobel sagt:

      Es steht doch klar und deutlich „frei erfundenes Beispiel“ – was auch immer sie da hineininterpretieren scheint eher mit ihnen als mit dem Artikel zu tun zu haben…

  • Peter Weber sagt:

    Lieber Sandro

    kannst du deinem Kollegen in Moskau sagen, dass es mir ähnlich geht. Wohne seit 20 Jahren in Russland und das ewige Russlandbashing geht mir auch auf die Nerven. Derart faszinierende Kombination aus Naturschönheit und Menschen die das Leben geniessen trifft auch hier zu.

    Pjotr

  • André Joho sagt:

    Den Nagel auf den Kopf getroffen. Gracias Sandro Benini

  • Tom sagt:

    Zufällig hatte ich gestern einen guten Freund zu Gast, der seit zwei Jahren sogar exakt in diesem Bundesstaat wohnt. Es sind auch für ihn die freundlichen, hilfsbereiten und genügsamen Menschen und die atemberaubende Natur, die ihm das heimisch werden dort so leicht machen. Er sieht in der primären Negativberichterstattung etwas programatisches. Andererseits hätte die Natur, wie z.B. die tausenden von Schildkröten an den kilometerlangen Traumstränden so wenigstens ihre Ruhe. Sicher nur eines von vielen touristischen Trümpfen dieses Landes, die andere schon lange ausgespielt oder durch Unachtsamkeit bereits verspielt haben.

  • Georg Hofmann sagt:

    Vielen Dank Herr Benini, ich habe zwar nicht ganz Amerika bereisen können bis jetzt, allerdings habe ich eine Zeit in Mexiko gelebt und bin mit einer Mexikanerin verheiratet. Ich teile Ihre Meinung. Mexiko ist ein unglaublich gastfreundliches, offenes Kulturland mit sensationellem Essen, den tollsten Farben, einem Humor, der seinesgleichen sucht und allen existierenden Klimazonen. Faszinierend und immer eine Reise wert. Man muss sich wirklich sehr ungeschickt anstellen, um vom Drogenkrieg betroffen zu sein. Der Tourismus und die Solidarität mit den Mexikanern ist enorm wichtig. Die Schweiz ist in Sachen Drogenkonsum die Nummer 4 weltweit. Die mexikanischen Dealer sind längst hier am Geld verdienen und anlegen. Also tun wir das unsere, um zu helfen. Legalisieren ist das Einzige mögliche.

  • Helene Rüedi Schwarzenecker sagt:

    Der Titel „Viva Mexico Cabrones“ sollte überdacht werden, nicht in jedem Spanisch sprechenden Land ist das Wort „cabron“ angebracht

    • Max Wartenberg sagt:

      „nicht in jedem Spanisch sprechenden Land ist das Wort “cabron” angebracht“ Y que? Herr Benini berichtet aus Mexico und da ist es legitim, einheimische Ausdrücke zu verwenden.

    • Cati sagt:

      Mei, da muss man generell aufpassen. In Mexiko sag ich auch „yo soy una chingona“, das sollte ich z.B. in der Dom Rep lieber nicht sagen. Aber der Artikel ist über Mexiko, in Mexiko sagt man „Viva Mexico Cabrones“, das hat sich der Autor nicht ausgedacht.

  • Suizo sagt:

    Wie recht er hat. Ich habe vier Jahre in México gelebt und würde es sofort wieder tun. Faszinierend, schön, wild…unbeschreiblich.

  • Franz Vontobel sagt:

    …ein frei erfundenes Beispiel…

    Auch frei erfundene Beispiele sollten sich zumindest im Rahmen des Möglichen bewegen, Herr Beninin! Ein vermoderndes medizinhistorisches Museeum! So was Abstruses gibt’s wohl nicht mal in Mexiko!

    • Kaiser sagt:

      1. es steht nirgendwo, ausser in ihrem Komentar das Wort vermodernd!
      2. Wieviele Museen haben schon Schätze entdeckt die sie seit Jahrzehnten im Keller/Archiv lagerten?
      3. Ihnen kann man auch gar nichts recht machen!

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