Botschafter der Nächstenliebe im Anflug

SWEDEN PRIDE CONCHITA WURST

Grosse Ehre für die ESC-Gewinnerin: Conchita Wurst singt in Brüssel. Foto: Keystone

Es soll ein klares Signal sein, ein Beweis, dass Europa für Toleranz steht: Am 8. Oktober wird die Sängerin Conchita Wurst in Brüssel das EU-Parlament besuchen und auf der Esplanade Solidarnosc vor dem Parlamentsgebäude ein Konzert geben. Die österreichische Gewinnerin des Eurovision Song Contests 2014 kommt auf Initiative der grünen Vizepräsidentin des EU-Parlaments Ulrike Lunacek.

Unter Landsfrauen: Ulrike Lunacek hat Wurst eingeladen. Foto: Reuters

Unter Landsfrauen: Ulrike Lunacek hat Wurst eingeladen. Foto: Reuters

Die Menschen in Europa hätten mit ihrem Votum für Conchita Wurst beim ESC ein grossartiges Zeichen für Offenheit und Nicht-Diskriminierung gegeben, begründet die Abgeordnete aus Österreich die Einladung. «Die Politik in der EU und den Mitgliedstaaten muss dies in gesetzliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen für ein Leben und Lieben ohne Angst für alle umsetzen.»

Lunacek hofft, dass die Sängerin mit ihrem Lied «Rise Like a Phoenix» diesem Auftrag musikalisch zu neuem Schwung verhelfen wird. Conchita Wurst alias Thomas Neuwirth wird ihr einstündiges Gratiskonzert zur besten Mittagszeit geben. Die Künstlerin selber erklärte, die Einladung sei eine grosse Ehre. Für ein Europa der Aufklärung, der Menschenwürde und der Gleichstellung einzutreten, sei ihr wichtig.

Grosse Bühne für ein stündiges Konzert über Mittah: Die Esplanade Solidarnosc. Foto: europarl.europa.eu

Grosse Bühne für ein stündiges Konzert über Mittag: Die Esplanade Solidarnosc. Foto: europarl.europa.eu

Die Einladung wird von einer Gruppe Abgeordneter quer durch das politische Spektrum getragen. Die EU hat Imageprobleme in den Mitgliedstaaten, der Einsatz für Eurorettung oder für sichere Lebensmittel wird vom Publikum kaum honoriert. Da demonstriert man Nähe zu den Bürgern halt mit einem Auftritt der populären Botschafterin für «mehr Liebe, Respekt und Toleranz». Die Message ist zumindest klar verständlich.

Beatrix von Storch hält Auftritte «dieser Wurst» für Verschwendung. Foto: blu-news.org/Flickr

Beatrix von Storch hält Auftritte «dieser Wurst» für Verschwendung. Foto: blu-news.org/Flickr

Vielleicht fällt ja etwas ab vom schillernden Glanz der Diva mit Bart auf das graue EU-Parlament mit seinen verkannten Abgeordneten. Allerdings stösst der Auftritt der schrillen Dragqueen im EU-Parlament nicht nur auf Begeisterung. Kritik kommt vor allem von ganz rechts, wie etwa von den neuen Abgeordneten der Alternative für Deutschland (AfD). Die Abgeordnete Beatrix von Storch kritisierte, das Europäische Parlament kümmere sich «laufend um unsere vielfältige Sexualität». Mittel und Energie des Parlaments würden mit Auftritten «dieser Wurst» verschwendet.

Doch die Kritiker des Wurst-Auftritts können beruhigt sein. Nur kurz nach dem Auftritt der Sängerin wird ein anderer Botschafter der Nächstenliebe das EU-Parlament mit einem Besuch beehren. Gerade noch rechtzeitig kam die Zusage aus dem Vatikan, dass Papst Franziskus im November die Europaabgeordneten besuchen will. Vorgänger Benedikt XVI. hatte sich da noch vergeblich bitten lassen. Vielleicht wird das EU-Parlament doch noch zum Nabel der Welt.

Papst Franziskus will die Europaabgeordneten, anders als sein Vorgänger, ebenfalls besuchen. Foto: Keystone

Papst Franziskus will die Europaabgeordneten ebenfalls besuchen. Foto: Keystone

8 Kommentare zu «Botschafter der Nächstenliebe im Anflug»

  • Ylene sagt:

    Warum sollte ‚der‘ Westen kuschen vor der Meinung anderer? ‚Denn ich bin davon überzeugt, dass im 21. Jahrhundert wirklich JEDER Mensch das Recht hat, so zu leben, wie er möchte, solange niemand anderer in seiner Freiheit eingeschränkt oder verletzt wird.‘ Finde ich doch eine lobenswerte Einstellung von Tom Neuwirth resp. seiner Kunstfigur Conchita Wurst. Bärtige Damen sind zudem wirklich keine Neuheit. Bspw. kommt eine bärtige Dame sogar im Kinderbuchklassiker ‚Immer dieser Michel‘ von Astrid Lindgren vor (Millionen von Kinder haben deswegen kein Trauma) und Helena Antonia war eine Zofe im 16. Jh. bei der Kaiserin Maria von Spanien, welche erzkatholisch war. Zumindest diese Dame hätte vermutlich niemand ungestraft als dekadent bezeichnet.

  • rascha kocher sagt:

    Ich täte die Dekadenz nicht überspitzen.
    Was man global dem Westen zuschiebt muss man nicht noch einschlagen…
    Reine Provokation.
    Welche Werte sollen über den Westen wahrgenommen werden?
    Ich meine, im Vergleich bemüht um die Reputation zum Beispiel einer Schweiz steht die aufgeklärte westlich orientierte Gesellschaft noch relativ da.

  • Achim Frill sagt:

    Europa steht für Toleranz? Schon mal das EU-Toleranzpapier gelesen? Das stehen einem die Haare zu Berge. Die EU plant tatsächlich einen Toleranz-Zwang, d.h. andere Meinungen, dh. sowohl öffentlich als auch privat(!) geäussert, sollen dann gemäss Papier verfolgt, bestraft und „eliminiert“ werden können. Was immer das bedeutet. Sehe ich das Gebahren von Conchita Wurst, GenderMainstreaming, Feminismus oder anderen modernen Strömungen also anders als die EU das will, dann kann ich vielleicht bald dafür in den Knast wandern. Die EU ist nicht tolerant, sondern immer mehr totalitär. Das Geschwafel von Wurst und Co ist einfach nur mit triefendem Pathos gefüllt, das gut tönt, der breiten Masse gefällt, und so flugs zur gesellschaftlichen Norm erkoren wird.

  • Salome F. sagt:

    Ich mag der Wurst allen erdenklichen Erfolg gönnen. Sie ist eine spannende und intelligente Person.
    Allein dadurch unterscheidet sie sich von vielen Politikern, vor allem von denen, die in diesem Europa Parlament sitzen. Was auch immer die dort sonst so tun (mich interessierts nicht): es tut den Parlamentsmenschen gut, ab und zu mit dem Leben und der Liebe konfrontiert zu werden.

  • Edith Hugentobler sagt:

    Herr Conchita Wurst —–Es ist nur lächerlich und dekadent.

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