Die arme Mechas und der ferne Präsident

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Mechas‘ grosser Tag: Zwei Tage vor der erfolgreichen Wahl zum kolumbianischen Präsidenten reiste Juan Manuel Santos zum Besuch nach Villavicencio. Foto: flickr

 

Täglich hofft die 85-jährige Kolumbianerin Ana Mercedes Plata, der Präsident werde Wort halten. Täglich geht sie in ihrer Heimatstadt Villavicencio zu einem Trödelladen, dessen Besitzerin Anrufe für jene Nachbarn entgegennimmt, die kein Telefon haben.

Vor einigen Monaten hatte jemand gefilmt, wie Ana Mercedes Plata alias Mechas erklärte, weshalb sie bei den Wahlen am 15. Juni Präsident Juan Manuel Santos ihre Stimme geben werde. Die Aufnahme erschien auf «Youtube» und machte Mechas berühmt. Den Amtsinhaber nannte sie «Juanpa Santos», aus dem Namen seines rechtskonservativen Herausforderers Óscar Iván Zuluaga machte sie «Zurriaga». Sie wähle Juanpa, weil er armen alten Leuten wie ihr zu einem Häuschen verhelfen werde. Als sie von einem Smartphone sprach, nannte sie es «esa maricada que hacen el dedo pa‘lla y pa‘ca», diesen Schwachsinn, auf dem sie mit dem Finger hin- und herfahren. Mit ihrer Nichte, die den bösen Zurriaga wählen wolle, habe sie sich zerstritten. «Mi sobrina, qué coma mierda», beendete sie ihre fulminante Rede, frei übersetzt und etwas milder wiedergegeben als im Original: Ihre Nichte solle ihr den Buckel runterrutschen.

Mechas‘ Video war hinreissend, weil darin die ungekünstelte, vitale Stimme des sogenannt einfachen Volkes zu vernehmen war. Dem um seine Wiederwahl bangenden Präsidenten kam es gerade recht. Er rief seine greise Anhängerin an, selbstverständlich vor laufenden Kameras. Er stellte sich als Juanpa vor und sagte, ja, er werde den alten Leuten mit Sozialwohnungen helfen, da habe sie absolut recht. Die arme Frau und der Staatschef sprachen miteinander, als wären sie Freunde seit ewig.

Seit der Wahl wartet sie vergeblich

Das Publikum war gerührt. Offensichtlich ist Santos doch nicht so abweisend, arrogant und aristokratisch, wie man immer sagt, dachten viele. Zwei Tage vor der Wahl reiste der Präsident nach Villavicencio, um Mechas zu umarmen. Die Medien berichteten über ihr entbehrungsreiches Leben. Täglich musste ihr die Besitzerin des Trödelladens Anfragen von Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern überbringen.

Dann kam der 15. Juni, und Juan Manuel Santos wurde glänzend wiedergewählt. Mechas hörte das Gerücht, sie sei zur Siegesfeier eingeladen. Ihre Nachbarn vermuteten, eine dringend notwendige Augenoperation werde nun zügig durchgeführt, und vielleicht erhalte sie sogar das versprochene Häuschen. Aber nichts geschah. Tag für Tag geht Mechas seither zum Trödelladen, immer mit derselben Frage: «Haben sie angerufen?» Zunächst tröstete sie die Besitzerin: Nach der Amtseinführung werde sich bestimmt jemand aus dem Präsidentenpalast melden. Mittlerweile hebt sie bloss noch bedauernd die Schultern. Nur als Mechas kürzlich mit akuten Herzproblemen in eine Klinik eingeliefert wurde, schrieb Santos auf Twitter: «Wir sorgen uns sehr um die Gesundheit von Doña Mechas und wünschen ihr baldige Genesung.»


Quelle: Youtube

1 Kommentar zu «Die arme Mechas und der ferne Präsident»

  • Klaus Grambauer sagt:

    Durchaus eine menschliche Geste vom Präsidenten Juan Manuel Santos. Ich denke schon, das er sein Versprechen mit den Sozial-Wohnungen in unmittelbarer Zukunft einhalten wird!

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