Die unbarmherzigen Schwestern von Godella

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Trotz trifft auf Trotz: Eva Sanchis, Gemeindepräsidentin von Godella, muss sich gegen die millionenschweren Ansprüche von Ordensschwestern wehren. Foto: PD

 

Man sollte sich von grossen Namen nicht allzu sehr beeindrucken lassen, nicht immer jedenfalls, etwa von diesem hier: Hermanas del Sagrado Corazón de Jesús. Die Schwestern des Ordens Heiliges Herz Jesu von Godella, einer Kleinstadt bei Valencia, 14’000 Einwohner, beweisen, mit Verlaub, nicht eben sehr viel Herz für die irdische Gemeinde, in der sie eine mächtige Präsenz haben. Seit vielen, vielen Jahren. Auch eine Schule gehört dazu. Eva Sanchis, die neue Bürgermeisterin von Godella, besuchte diese Schule. Nun fotografierte sie die Zeitung «El País» vor dem Eingang des Gymnasiums, die Arme über Kreuz, mit wehendem Haar: Aus dem Bild spricht viel Trotz. In Godella trifft Trotz auf Trotz.

Der Streit zwischen den «monjas», den Nonnen, und der Stadtverwaltung begann vor 24 Jahren schon. Doch jetzt, nach einem Gerichtsentscheid, wird er akut, ja geradezu lebensbedrohlich für die Gemeinde. Es geht um ein Stück Land, 20’000 Quadratmeter Grünfläche am Rand der Stadt. Das Land gehört den Schwestern. 1990 beschloss der damalige Gemeinderat im Rahmen einer neuen Raumplanung, dass der Orden um dieses Stück Land enteignet und dafür entschädigt würde, wie das nun mal vorkommt, damit alle Bürger davon profitieren können: für sportliche Ertüchtigung und Erholung.

Wäre der Beschluss damals zügig vollzogen worden, hätte die Gemeinde rund 180’000 heutige Euro dafür bezahlen müssen. Doch die Schwestern wehrten sich, zogen den Streit immer weiter. Jahre gingen ins Land. Die Gesetze änderten sich, die Preise wuchsen, die politische Zusammensetzung des Gemeinderats wechselte mehrmals.

Nun also hat das Verwaltungsgericht entschieden, dass Godella 11 Millionen Euro plus Zinsen bezahlen muss, insgesamt 16 Millionen. Die Schwestern hatten noch viel mehr gefordert. Zum Vergleich: Das Jahresbudget der Gemeinde beträgt 9 Millionen Euro. Man suchte das Gespräch mit dem Orden und der Diözese, um sich auf einen einigermassen tragbaren Betrag zu einigen. Immer wieder offenbar. Doch die Hermanas del Sagrado Corazón de Jesús blieben, wie soll man sagen: unbarmherzig. Mit den Zeitungen, die dieser romanhaften Provinzposse in den letzten Wochen grosse Artikel widmeten, mochten sie auch nicht reden.

Für Godella ist die Geschichte doppelt bitter. Sie war nämlich eine von wenigen Gemeinden in der Region gewesen, die während des Baubooms dem Ruf des schnellen und billigen Geldes widerstehen konnte und vernünftig wirtschaftete. Als die Blase geplatzt war, gingen rundherum all jene Gemeinden pleite, die dem Abenteuer, der Bonanza, wie es die Spanier mit einem netten Bild nennen, blind aufgesessen waren. Godella aber überlebte – als Modell.

Noch steht das Urteil des obersten Gerichts aus. Folgt das Tribunal der unteren Instanz, dann muss die Stadt alle nicht absolut essenziellen Dienste sofort einstellen und alles nicht absolut unabdingbare Personal entlassen. Es gäbe dann also keine Musikprofessoren mehr in Godella, keine Sozialarbeiter, keine Erwachsenenbildner und keine Schulpsychologen. Schon jetzt werden alle Investitionen der Gemeinde unterbunden.

Kürzlich wollte man einige Strassen mit frischem Asphalt überziehen, überall da, wo der alte brüchig und löchrig geworden ist: «Doch man lässt uns keine Baustelle eröffnen», sagt Eva Sanchis, die Bürgermeisterin, «sobald wir Geld für eine Initiative sprechen, meldet sich die Kongregation und sagt: ‹Entschuldigung, zuerst kommen wir. Zahlt zunächst mal eure Schulden.›» Ein Machtspiel wie aus Don Camillo und Peppone, eine buchstäbliche Umsetzung des Prinzips der Trennung von Kirche und Staat. Wenn darob nur mal Jesu Herz nicht bricht!

27 Kommentare zu «Die unbarmherzigen Schwestern von Godella»

  • hein butendiecks sagt:

    ein blick auf einen aktuelle landkarte würde genügen, um diesem kuriosen streit mehr verständniss zu erbringen. auch ordensschwestern kennen die momentanen grundstückspreise.zudem in spanien zZ wohl jeder versucht, das letzte aus inmobilien zu holen. (hacer su agosto)
    zudem landen viele staatsgeschäfte heute vor dem obersten spanischen gerichtshof (TSJ), so dss man den eindruck bekommt, das T>SJ regiert und nicht die politik. dies um den unqualifizierten, vorausgegangenen diskussionen ein weiteres argument zuzufügen. ich höre schon den spruch: unter dem gaudillo wäre sowas nie passiert……..

  • Hagmann sagt:

    Heute Fokussen wir auf die Juden und die Moslem und vergessen die Grausamkeit, welche bei den christlichen Häuptlingen
    In Rom herrschte und offensichtlich immer noch herrscht. Der richtige Weg heisst, den Pabst abschaffen und die seit
    Metternich noch verbleibende Aristrokratie = EU beseitigen.

    • Laila sagt:

      Wenn eine „Obrigkeit“ beseitigt wird, folgt die nächste. Die Geschichte zeigt auf allen Erdteilen, dass dies – leider – zutiefst menschlich ist…Banker und Rohstoffhändler, Mafiosi etc.

  • Bosshart Martin Kurt sagt:

    Ich finde es sehr gut,wie die Schwestern von Godella sich gegen die KORRUPTE Regierung wehren, für Sportplätze und Fiestas reicht das Geld immer nur nicht für die eingegangenen Verpflichtungen. Das Land wollten sie aber von den Schwestern aber bezahlen NEIN.

  • Marco Jaiza sagt:

    Hier sieht man, wie Menschen in der Kirche, gerade in der spanischen katholischen Kirche, sehr auf ihre Rechte und auf ihr Geld bedacht sind. Das Gebot der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit vergessen sie für dieses Mal und wollen sich auf Kosten der Allgemeinheit das beste Stück für sich nehmen. Diese Schwestern machen ihrem Herrn nur Schande. Ich verstehe nicht, wieso die Kirche und ihr Chef sich dort nicht einmischen, denn das hat nichts mit der Demuthaltung zu tun, die Papst Franziskus vorlebt. Vergessen wir nicht, die Kirche hat Jahrhunderte das Geld der Armen genommen, um ihnen das Himmelreich zu verkaufen, Ablasshandel hat man das genannt. Dieses dreckige Geld klebt nun an ihren Händen.

  • pablo santi sagt:

    Eva Sanchis vertritt die Partei PSPV-PSOE (Partido Socialista del País Valenciano). Also der Vergleich mit Peppone ist nicht schlecht gewählt.

  • pablo santi sagt:

    Ich würde auch gerne Bauland für 9 Euro/m2 erwerben…

  • Beat Gerber sagt:

    Könnte es vielleicht Land sein, das während der Inquisition u.a. den Juden weggenommen wurde? Was ist mit dem Land geschehen, das den Ungläubigen gehörte und von der katholischen Kirche unter den Nagel gerissen wurde nachdem die Leute umgebracht wurden.?

  • Walter Sahli sagt:

    Was wollen die Nonnen denn mit dem vielen Geld machen? Einen Gentechniker engagieren, der Kamele, welche durch ein Nadelöhr passen, synthetisiert?

  • Jürgen Ott sagt:

    Der entscheidende und mE grottenfalsche Satz im Artikel lautet: „..wie das nun mal vorkommt..“ So, so, Enteignung kommt nun mal vor.. Wenn sich dann jedoch ein Eigentümer gegen den Staat wehrt, ist das nach heutiger Qualitätsmedienmeinung äusserst verwerflich. Hätte die Gemeinde das Entschädigungsgeld damals angelegt, wäre es heute auch in der geforderten Höhe zur Auszahlung parat. Das Problem aller Regierungen auf diesem Planeten ist, dass sie nur auf Pump leben, von der Hand in den Mund. Es liegt in diesem Falle nicht am Eigentümer !

    • Walter Sahli sagt:

      Natürlich kommen Enteignungen vor! Oder glauben Sie etwa, der Staat sei schon immer Eigentümer des Landes gewesen, auf dem Bahngleise und Autobahnen stehen?

  • Waldi Noellmer sagt:

    Aus dem Artikel ist zu entnehmen: Falsche starrsinnige Gemeindepolitik (typisches Machtgehabe einer Politikerin) einer Bürgermeisterin führt eine Stadt ins finanzielle Fiasko. Wieso deshalb diese Bürgermeisterin vom Autor noch gelobt wird ist unverständlich.

    • Alexander Roski sagt:

      Interessant wäre zu erfahren, wie die Gemeinde damals bei der Planung vorgegangen ist. Hat sie das Gespräch mit den Nonnen gesucht, oder gleich die Enteignung eingeleitet? Sollte nur enteignet werden, damit man nicht den Marktpreis bezahlen musste?

    • Veronica sagt:

      Eva Sanchis ist erst jetzt Burgemeisterin, nicht vor 24 Jahr.

  • Ray sagt:

    Was will uns dieser Artikel sagen? Enteigne Menschen. Und wenn sich sich wehren, dann sind sie an allem schuld.

    • tststs sagt:

      So wie ich es verstehe, wehren sich die Nonnen/Kirche nicht gegen die Enteignung; ganz im Gegenteil, sie wollen nur mehr Geld dafür…

    • Benno Stechlich sagt:

      Sind sie Banker? Sie scheinen der Theorie zu huldigen, dass viele für wenige bezahlen sollen. Für das Land, das damals EUR 180’000.– gekostet hat, soll der Steuerzahler nun EUR 16’000’000.– bezahlen. Es steht niergends, dass das Land nicht weggegeben werden soll.

  • Rolf Rothacher sagt:

    Mir scheint das hier eher ein Beispiel, wie die heutige Obrigkeit (der Staat) glaubt, mit all seinen Untertanen umgehen zu können, insbesondere der früheren, geistlichen Obrigkeit. Warum wurden gerade diese 20’000 m2 beansprucht? Wenn schon ein Bauboom in der Gemeinde verhindert wurde, dann hätte doch Bauland in Hülle und Fülle vorhanden sein müssen? Der Preis von 9 Euro pro m2 vor 24 Jahren bedeutet jedoch, dass es sich um Kulturland handelte, welche die Gemeinde beschlagnahmen wollte, um es anschliessend in Bauland umzuwandeln. Hier ist viel mehr faul im Karton, als uns der Artikel weis machen will. Ich kann nur sagen: „Adelante, Hermanas del Sagrado Corazón de Jesús, adelante. Lasst euch vom Staat nicht einfach abzocken.“

    • R.E.Michel sagt:

      Sie haben wohl den Artikel nicht gelesen – es geht nicht um Bauland als solches sondern das Land sollte der „sportlichen Ertüchtigung und Erholung“ zugute kommen. Aber wir alle wissen ja dass die Kirche nur für sich und ihre Machtverhätlnisse schaut, die Menschheit kann darob zu grunde gehen. Sie hätten damals das Geld nehmen können – aber dass heute über 11 Millionen Euro dafür verlangt werden ist eine Frechheit!

      • schikaui sagt:

        @R.E. Michel & @Markus – so naiv sollte man auch nicht sein… Es ist doch ein üblicher Trick, das Land günstig als Kulturland zu übernehmen und es dann – sobald es in eigenem Besitz ist – mittels Gemeinderatsbeschlusses auf demokratische Weise in Bauland umzuwandeln. Das lohnr sich doch im Normalfall. Offensichtlich sind die Ordensschwestern clever genug, sich nicht über den Tisch ziehen zu lassen!

    • Benno Stechlich sagt:

      Erstaunlich, was sie für eine Einstellung haben und was sie alles in den Bericht hineininterpretieren. Für mich ist der Staat die Allgemeinheit und die Nonnen der Kirche, welche Predigt: „Geben ist seliger als nehmen“, habe durch die Verzögerung den Preis in die Höhe getrieben und nun soll der Staat abgezockt werden. Und sol lange nichts anderes geschrieben wird, lag das Land für mich brach! Forwärts Bürger von Godella, lasst euch von der Kirche nicht abzocken.

    • Markus sagt:

      Lesen Sie doch nochmals den Artikel in Ruhe durch Herr Rothacher. Die Gemeinde beanspruchte das Land als Sport- und Erholungszone (Sprich: für einen Fussballplatz und als Parkanlage) und nicht als Bauland.

    • Javier López sagt:

      Lassen wir mal die Schuldfrage bei Seite. Die katholische Kirche Spaniens könnte sich ein Beispiel an seinen Gläubigern nehmen. In vielen Gemeinde Spaniens haben gläubige Katholiken uneigennützig kirchliche Gebäude renoviert und gebaut. Seit Jahren lässt nun die katholische Kirche Spaniens diese Gebäude, die von den Gläubigern bezahlt wurden, als ihr Eigentum in den Grundbüchern eintragen.

      • Heinz Vogler sagt:

        @López – Gläubige nicht Gläubiger. Es glauben zwar beide, aber die Gläubigen an Gott und die Gläubiger, dass der Schuldner bezahlt.

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