Desaster der dichtenden Kunst

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North Carolinas Elite wacht über das kulturelle Erbe: Bibliothek mit historischen Büchern. Foto: Getty

Es ist nicht jedem gegeben, mit Worten zu hantieren. Auch ist es eine Sache, als billiger Lohnschreiber Sätze zusammenzufügen, eine andere aber, in die hehren Gefilde der Poesie vorzustossen, wo es von Bildern, Metaphern und Worthülsen wimmelt, die nur im Rauschzustand gedanklich anzapfbar sind.

Nicht einmal Goethe war gegen den poetischen Absturz gefeit. Sonst hätte er keine Sachbeschädigung begangen und 1780 auf die Holzwand der Jagdaufseherhütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau «Wandrers Nachtlied» gekritzelt. «Über allen Gipfeln ist Ruh/ Bald wipfelst auch Du», dichtete er. Meine Güte! «Bald wipfelst auch Du?» Wie bitte? Was möchte uns Goethe damit sagen? Oder Hermann Hesse: «Herrlich ist für alte Leute/ Ofen und Burgunder rot/ Und zuletzt ein sanfter Tod», fabulierte er – als ob ein roter Burgunder nur alten Leuten zusagte!

Gouverneur gegen Kulturelite

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Ungeliebte Staatspoetin: Valerie Macon. Foto: PD

Solche mentalen Aussetzer und überhaupt so manches Kauderwelsch bringen die Poesie insgesamt in Verruf. Wie beispielsweise im Staat North Carolina, wo vorletzte Woche eine erst kürzlich zur «Dichterin des Staats» gekürte Person namens Valerie Macon von ihrem Ehrenposten zurücktrat und für einen Eklat sorgte. North Carolina bekränzt seit Jahrzehnten einen heimischen Dichter mit Lorbeer und verleiht ihm eine Urkunde mitsamt einer Handvoll Dollar, damit die bekränzte Person im Staat umherreisend wie einst Winckelmann das Schöne besingt und Teenager vor Rap und Hip-Hop und hässlichen Worten wie «Fuck» bewahrt.

Anstatt den Lorbeerbekränzten aber wie bislang üblich durch einen kunstverständigen Beirat zu bestimmen, agierte der republikanische Gouverneur, ein Mann namens McCrory, diesmal im Alleingang. Um volksnah zu sein und es der dichtenden Elite des Staats mal richtig zu zeigen, verlieh er Frau Macon den Lorbeerkranz und bescherte den feinsinnigen Poeten damit einen existenziellen Freak-out. Denn Valerie Macon hatte nichts vorzuweisen ausser zwei Gedichtbändchen im Selbstverlag und arbeitete zudem im Hauptberuf als Staatsangestellte an einem abgelegenen Tatort der Bürokratie.

Daraufhin setzte sich die hoffärtige Elite vehement zu Wehr, sprach von einem «Desaster» und wurde so böse, dass ihr Zorn über allen Wipfeln loderte. Erschrocken gab Frau Macon ihren Lorbeerkranz wieder in der Garderobe der schönen Künste ab: Sie wolle nicht, dass negative Schlagzeilen «auf das Amt des lorbeerbekränzten Dichters abfärben». Gouverneur McCrory bezichtigte die dichtende Elite des Staats prompt der «Feindseligkeit» sowie einer «herablassenden Haltung», ohne aber aus Frau Macons Œuvre zu zitieren und damit den Nachweis vorzüglicher Dichtkunst zu liefern.

Verdeckte Jugendgefährdung?

Der Gouverneur hätte beispielsweise auf das Gedicht «Vegetarische Fleischliebhaberin» verweisen können. Darin begeben sich eine Frau und ein Mann zu «Vinney’s Pizza», die Frau in «Jimmy Choo Platform Pumps», der Mann in «Flip Flops». Sie ist fast einen Meter achtzig gross, er hingegen sieht wie «Unkraut» aus. «Sie bestellt vegetarische Pizza/ Der Boyfriend, die Arme um sie gelegt/ Bestellt das Sonderangebot für Fleischliebhaber».

Die lausige Übersetzung wird dem Reimschema mit seinem fabelhaften Versmass und seinen hüpfenden Kadenzen gewiss nicht gerecht. Andererseits aber, na ja, also wie soll man es sagen? Hier wird gewipfelt, dass es eine Pracht ist und Ofen wie Burgunder beim Lesen rot werden: Frau Jimmy Choo ist die vegetarische Fleischliebhaberin, weil sie Herrn Flip Flops Fleisch liebt, was durchaus jugendgefährdend klingt und Miss Macons Verse bedenklich in die Nähe garstiger Rap-Reime von Lil Wayne und 50 Cent rückt. Wie abscheulich ist das denn?!

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