Pizza für die Polizei

Heute mal wieder sehr rückwärtsgewandt: Dank eines übergestülpten Kopfhörers schmalzen in den Ohren die Supremes, ein weiblicher Gesangsverein, der rund um die erste Mondlandung populär war. «Halt! Im Namen der Liebe», trällert der Liederkranz anrührend und begleitet so die Lektüre einer bedenklichen Geschichte, die sich vergangene Woche in der Kleinstadt Corbin im Staat Kentucky zugetragen hat.

Dort marschierte ein gewisser Michael Harp betrunken in ein Einkaufszentrum und beging einen Ladendiebstahl. Was ihn veranlasste, sich zu betrinken, ist ebenso unbekannt wie Fabrikat oder Dichte des entwendeten Gegenstands.  Jedenfalls erschien umgehend die Polizei. Und nicht irgendein Polizist, sondern ein «Captain» namens Coy Wilson, ein ranghoher Vertreter der Ordnungsmacht von Corbin. Captain Coy nahm Herrn Michael unverzüglich fest und transportierte ihn zum Gefängnis, wo der Eingesperrte bat, mit seinem Handy einen Anruf machen zu dürfen.

Wie Musik doch ablenkt! Obwohl die Story mit Captain Coy und seinem Gefangenen einem Höhepunkt zustrebt, wird das Gehirn von einer weiteren Schnulze der Supremes strapaziert. «Ich höre eine Sinfonie», zwitschern sie, wenngleich nirgendwo eine Sinfonie zu hören ist. Also eine glatte Lüge!

Pizzas wie Roulette-Kessel

Herr Michael setzt sich unterdessen nicht mit einem Anwalt oder seiner Mama in Verbindung, sondern ruft bei Domino’s Pizza an. Es handelt sich hierbei um eine landesweite Kette industrieller Pizzerien, die frei Haus liefert und ihre Pizzas mit allem garniert, was verdaut werden kann. Gebacken wird zudem zum Dumpingpreis: Acht Dollar für eine Pizza von Umfang und Tiefe eines Roulette-Kessels mit Salami, Schinken, Hackfleisch und Tomaten. Dazu reichlich Salz und Käse, bis Blutdruck und Cholesterin raketengleich abheben.

Seltsamerweise bestellt Herr Michael nicht unter seinem eigenen Namen, sondern gibt sich als Captain Coy Wilson aus. Auch ordert er gleich fünf Salami-Pizzas, was den Preis der Lieferung auf beachtliche 40 Dollar stemmt. Die verschlagene Art der Auftragserteilung belegt zweifelsfrei, dass der Besteller aus reiner Rachsucht und damit aus niedrigen Beweggründen handelt: Warum sonst hätte er fünf Pizzas unter Captain Coys Namen bestellt? Zumal ein Angestellter von Domino’s Pizza zurückruft, um sich zu vergewissern, dass ein Captain Coy Williams auch wirklich Mega-Pizzas geordert hat – was Herr Michael fernmündlich bejaht! Er habe «als Captain Wilson geantwortet», sagt der Angestellte später aus.

Der Geruch billigen Salamis weht durchs Revier

Schon wieder überflutet Musik die Sinne: «Wohin ist unsere Liebe gegangen?», fragen die Supremes via Kopfhörer. Wo immer diese Liebe sein mag: In Corbin nimmt das Unheil seinen Lauf. Als die Pizzas auf der Wache angeliefert werden, telefoniert Captain Coy. Der völlig ahnungslose Polizist Jeff Hill nimmt deshalb die Lieferung entgegen und bezahlt. Beissend weht der Geruch billigen Salamis durch das Revier, als die üblen Machenschaften des Herrn Michael auffliegen und Captain Coy auf massig Pizzas zum Kampfpreis von 40 Dollar sitzt.

Jetzt geht es natürlich hoch her auf der Wache, denn Captain Coy liest Herrn Michael die Leviten. Auch wird die Anklage gegen ihn erweitert: Neben dem Diebstahl im Einkaufszentrum wirft man ihm «Identitätsdiebstahl» vor, weil er Captain Coy «imitiert» habe. Die Zukunft des Beklagten sieht also düster aus. Zu Recht: Wo kämen wir hin, wenn jeder im Namen der Polizei Pizzas bestellte? Jegliche Ordnung implodierte und der Naturzustand bräche aus wie bei Thomas Hobbes. Da wollen wir nicht hin. Lieber hören wir eine Sinfonie und verlangen einen Halt im Namen der Liebe! Aber wohin ist unsere Liebe gegangen? Hallo?

So berichtete das amerikanische TV über den Fall:
(Quelle: Youtube)

Der Soundtrack zur Geschichte
The Supremes: «Stop! In the Name of Love» (1965)
(Quelle: Youtube)

The Supremes: «I Hear a Symphony» (1966)
(Quelle: Youtube)

The Supremes: «Where Did Our Love Go» (1964)
(Quelle: Youtube)

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