Unter Russlands Gürtellinie

Welttheater

Sexy Unterwäsche werden sich in Russland bald nicht mehr alle Frauen leisten können: Models bereiten sich auf ihren Auftritt an einer Modeschau in Moskau vor. Foto: Maxim Shipenkov (Keystone)

Früher war alles einfach: In der Sowjetunion gab es keinen Sex. Das heisst, es gab natürlich welchen, aber man redete nicht darüber. Er war unsichtbar. Lust und Kommunismus, das passte irgendwie nicht zusammen.

Dann kam die grosse russische Erotikrevolution. Die Neunzigerjahre. Miniröcke, Stöckelschuhe, frivoles Vergnügen im Dampfbad. Und jede Disco zwischen Moskau und Wladiwostok beschäftigte Stripperinnen. Auch das männliche Publikum liess an manchem feuchtfröhlichen Abend die Hose runter. So war das.

Jetzt schlägt das Pendel zurück. Eine neue Welle der Prüderie kriecht durchs Land. Darüber, dass man in der Öffentlichkeit keine sexualisierten Flüche mehr verwenden darf, haben wir schon berichtet. Die nächsten Opfer des züchtigen Zeitgeistes: Spitzenunterwäsche und ein zwei Millimeter grosser Penis auf der 100-Rubel-Note.

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Der Schein des Anstosses: Ausschnitt aus der 100-Rubel-Note. Foto: PD

Mit dem perversen Zaster hat es folgende Bewandtnis: Den Geldschein ziert ein Abbild des griechischen Gottes Apollon – im Adamskostüm. Wer genau hinschaut, erkennt ein winziges himmlisches Zipfelchen. Zu viel für den rechtsnationalen Abgeordneten Roman Chudjakow. In einem Brief an die Zentralbank bittet er inständig, das Design der Note zu ändern oder diese wenigstens mit dem Warnhinweis «18+» zu versehen, wie er auch auf anderen pornografischen Produkten zu finden ist. Begründung: Der 100-Rubel-Schein (ca. 2.50 Franken) werde häufig als Taschengeld an Minderjährige abgegeben. Das antike Gemächt, glaubt Chudjakow, könnte zarte Kinderseelen schädigen.

Von Erfolg gekrönt ist der prüde Vorstoss bisher nicht. Ein anderes Objekt des Anstosses musste aber schon dran glauben: Spitzenunterwäsche. Die russisch-weissrussisch-kasachische Zollunion, eine Art Ost-EU, hat die aufreizenden Kleidungsstücke per 1. Juli verboten. Nicht weil sie den Beamten nicht gefallen, sondern «aus technischen Gründen»: Ein Kunstfaser-Spitzenhöschen nimmt nur 3 Prozent der Umgebungsfeuchtigkeit auf. Erforderlich wären aber 6 Prozent – so steht es im Reglement der Zollunion. Man fragt sich schon, wie diese Grenzwerte zustande gekommen sind und wie sie im Ernstfall gemessen werden.

Bei den Betroffenen jedenfalls ist das Verbot nicht gut angekommen. In Kasachstan sind mehrere Frauen verhaftet worden, weil sie aus Protest mit Slips auf dem Kopf durch die Stadt spazierten. Das russische Journal «Snob» empörte sich derweil darüber, dass sich künftig nur noch zahlungskräftige Damen sexy Unterwäsche leisten können. Aus Seide und anderen teuren Naturfasern gefertigte Spitze nämlich ist vom Verbot ausgenommen.

10 Kommentare zu «Unter Russlands Gürtellinie»

  • monger sagt:

    Also insgesamt können sich die Russen da mit den Amerikanern in Sachen verlogener Prüderie zusammentun! Während Magazine wie Penthouse und Playboy in den USA Fotos veröffentlichen, die in Deutschland nicht gezeigt werden, habe ich selbst eine Umfrage in Florida gehört, bei der es darum ging, wie die Leute „Oben-ohne“ von Frauen am Strand finden. Zitat:“ Nicht so schlimm, wenn keine Kinder in der Nähe sind.“ Was für ein Schmarrn! Gerade Kinder finden das völlig natürlich…
    Russland sucht den Anschluss 😉

  • Mala sagt:

    Da bin ich aber erleichtert, dass in Basler-Discos alles so freizügig einher geht und jeder die Hosen runterlassen kann ohne von der Polizei belästigt zu werden. Noch erfreulicher ist die Tatsache, dass in Zürich die Prostitution in jedem Straßenzug erlaubt ist und jeder Wirt ohne Zusatzgenehmigungen Stripperinnen engagieren kann.

    Übrigens es wurde keine Spitzenunterwäsche verboten, sondern Plastikhöschen.

  • Jörg Müller sagt:

    Gut, dass es Klugscheisser gibt, die von aussen Russland sagen müssen, was richtig und was falsch ist.
    Wo kämen wir hin, wenn Russland selbst entscheiden würde, was nach russischer Ansicht gut ist und was nicht.
    Da könnte ja jeder kommen !
    Nein, nein, wir haben recht, das war schon immer so. Die Russen müssen lernen, dass sie ihre Gestze nicht einfach nach eigenem Gutdünken machen können ohne uns zu fragen. Von was träumen die eigentlich ?
    Also liebe Russen, macht das Gesetz wieder rückgängig. Es gibt mehrere Boulevard-Journalisten, denen das nicht gefällt.

    • Minando sagt:

      Immer mit der Ruhe. Niemand will Russland irgendwas vorschreiben. Wir erlauben uns lediglich, uns über die eine oder andere Eigenheit der russischen Gesetzgebung zu amüsieren. In einer Demokratie ist sowas zum Glück erlaubt…versuchen Sie das mal in Russland bei Putin…

  • Mutu Kabar sagt:

    Ich komme eben vom Artikel über die Hunger-Lolitas.
    Totale Übersexualisierung und Schamlosigkeit in NY, totale Verbote und Prüderie im Moskau.
    Der Westen total lustig, der Osten die vollkommene Unlust.
    Ich finde beides nicht lustig.

  • Ben sagt:

    …nacktwandern dürfte dann das ultimative freiheitsgelübte sein, völlig wurscht was andere dazu sagen, den die sind da eh prüde…

    • Adrian Wehrli sagt:

      … ja Nacktwandern ist explizit zu befürworten, solang es auf dem eigenen Privatgrund geschieht. Ebenso offen Spitzenwäsche zu tragen, solange ausserhalb der eigenen vier Wände etwas darüber getragen wird. Und ja, Ben, Sie sind prüde ….

      • Mogli sagt:

        Da sind Sie ja genauso prüde. Weshalb soll man sich denn in der Öffentlichkeit verhüllen müssen? Etwa um die armen Kinder vor dem unzüchtigen Anblick nackter Haut zu schützen? Da sage ich Ihnen gleich: Ich wünsche meinen zukünftigen Kindern von Herzen, mal ein paar Nacktwandern zu begegnen. Dann lernen sie nämlich, dass Nacktheit etwas völlig Normales ist und definitiv nichts, wofür sie sich schämen müssten. Und dieses ganze Sexualisieren von Nacktheit ist ein blöder Erwachsenen-Trend. Ironischerweise haben ausschliesslich Erwachsene Gedanken, vor denen sie ihre Kinder behüten wollen. Für ein Kind ist ein Penis oder eine Vagina ganz einfach ein interessanter, aber unspektakulärer Körperteil wie ein Auge oder eine Zunge. Ich wünschte mir, es würden mehr Leute nackt oder in Spitzenunterwäsche herumspazieren. Ich wüsste nicht, was daran schlimm sein soll. Rationale Argumente gibt es nicht, deshalb hantieren all die Prüden halt mit der Emotionskeule: „das gehört sich nicht. Ich kann nicht sagen warum, es gehört sich halt einfach nicht.“

        • Bruno Müller sagt:

          Nein Mogli. Sexualität hat ihren Reiz und ihre Poesie im Geheimnis, im Verhüllen, im Spiel mit Andeutungen. Das Öffentliche Entblössen ist abstossend, weil es diesen Schleier der Fantasie zerstört mit plumper Banalität.

          • Stefan Juergens sagt:

            Nacktwandern hat eigentlich nichts mit Sexualität zu tun.
            Erst im Auge des Betrachters entsteht diese Verbindung.
            Ursachen sind vielfältig, unsere Erziehung und vermittelten
            Werte sind nur zwei davon. Ihre Wortwahl zeigt auch in diese
            Richtung („abstoßend“, „plumpe Banalität“).

            Beispiel:
            im FKK-Gebiet wird Nacktheit als etwas Natürliches gesehen
            und fällt nach einiger Zeit gar nicht mehr auf. Im Gegenteil, dort
            würde man mit Badehose erst auffallen. Im FKK-Gebiet können
            natürlich AUCH sexuelle Gedanken entstehen, aber das tun sie
            im Textilbereich ebenso! (C:

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