Mit Reissnägeln gegen Radfahrer

new forest wiggle

Diese Strecke besticht nicht nur durch die Kulisse: Teilnehmer am New Forest Wiggle.
(Foto: ukcyclingevents.co.uk)

Es wäre ein schöner Fall für Sherlock Holmes gewesen – der Fall der Reissnägel auf der Strasse von Bransgore, in Englands idyllischem New Forest. Die örtliche Polizei hat bis heute nicht herausfinden können, wer sie ausstreute. Dagegen besteht kein Zweifel daran, welchem Zweck sie dienten.

Die Reissnägel von Bransgore nämlich haben zu tun mit der plötzlichen Popularität des Radfahrens auf den Britischen Inseln. Sie sind ohne dieses neu erwachte Interesse an Zweirädern nicht zu verstehen. Laut jüngsten Statistiken haben die Briten nach einer Ewigkeit kollektiven Widerstands mit einem Mal das Radfahren entdeckt. Fast jeder zweite im Lande soll inzwischen ein Rad besitzen.

Trügerische Idylle: In Bransgore werden Velotouristen sabotiert. (Foto: Stuart Buchan, Wikimedia)

Trügerische Idylle: In Bransgore werden Velotouristen sabotiert. (Foto: Stuart Buchan, Wikimedia)

Mehr als drei Millionen Briten, heisst es, benutzen ihre Räder mindestens dreimal die Woche. Das kann bezeugen, wer als Radveteran in London seine Kreise zieht. Die wenigen existierenden Radfahrwege haben sich zunehmend gefüllt, in den letzten Jahren. Spaziergänger und Jogger müssen darauf gefasst sein, von klingelnden Landsleuten überholt zu werden. Autofahrer, die früher die Strasse für ihr Eigentum hielten, sehen sich unsanft abgebremst. Sie können nicht glauben, dass sie «ihre» Welt plötzlich teilen sollen.

Eine Dreiviertelmillion Briten fährt, laut letzter Volksbefragung, inzwischen mit dem Rad zur Arbeit. Zehn Jahre zuvor war es nicht mal ein Achtel gewesen. Hohe Benzinpreise, enorme Nahverkehrskosten und permanenter Grossstadtstau haben natürlich zu dieser Entwicklung beigetragen. Immer mehr Inselbewohner schwingen sich jetzt auf ihre Stahlrösser, um billiger und schneller voranzukommen – Regen, Schnee, Sturm, Wind und Fluten zum Trotz.

Britain's Chris Hoy rides to the finish in the track cycling men's team sprint gold finals at the Velodrome during the London 2012 Olympic Games

Freut sich über Landsleute, die aufs Rad umsteigen: Olympiasieger Chris Hoy, im Bild auf dem Weg zum Weltrekord im Teamsprint. (Foto: Reuters)

Endlich, hat der sechsfache britische Olympiasieger Chris Hoy erklärt, beginne seine Heimat im internationalen Massstab aufzuholen. Dabei habe Grossbritannien allerdings «noch einen weiten Weg» vor sich, bis es gewisse kontinentale Länder eingeholt habe. Vor allem in Sachen Sicherheit hapert es noch mächtig. Mehr als 3000 verletzte Radfahrer meldet das Vereinigte Königreich jedes Jahr. Plus über hundert Tote, darunter ein Dutzend Kinder.

Viele Strassen auf der Insel sind zum Radfahren schlicht ungeeignet. Und zu viele Autofahrer denken nicht daran, ihren Fahrstil auf die neuen Verkehrsteilnehmer einzustellen. Immerhin: Dem wachsenden Willen zu selbsttätiger Fortbewegung auf Rädern in England zollt die Sportwelt nun besondere Anerkennung. So beginnt die Tour de France am 5. Juli nicht in Frankreich, sondern in Leeds, mit zwei Etappen durch Yorkshire und einer (am 7. Juli) von Cambridge nach London. Überall laufen Vorbereitungen, sind Blumenbeete frisch gepflanzt worden, flattern schon aufgeregt Wimpel zur Begrüssung der Tour-Teilnehmer.

Nicht überall aber ist die Radlermeute so willkommen wie an der Tour-de-France-Strecke. Im New Forest etwa, im Süden Englands, sind die Einheimischen «ihre» radelnden Gäste gründlich leid. In dem für seine Ponys berühmten Nationalpark wird mehrmals im Jahr das sogenannte New Forest Wiggle – eine zweitägige Radsportveranstaltung – abgehalten. Inzwischen beteiligen sich 4000 Radler an diesen Treffen. Das sind den empörten Dörflern 4000 Radler zu viel.

Die von überallher Angeradelten nämlich, klagen sie, behinderten den Pony-Auftrieb und überhaupt das Marktleben im New Forest. Sie gefährdeten Esel, Schafe und Autofahrer in gleichem Mass. Sie pinkelten an Bäume und Zäune und würfen Plastikflaschen weg, an denen sich die Tiere beim Kauen die Mäuler verletzten. Kein Wunder, dass der New Forest dem Radrummel feindselig gegenübersteht.

In den letzten zwei Jahren haben einzelne Radhasser sogar mit kleinen Sabotageakten begonnen. Sie haben, um die Radler irrezuführen, zum Beispiel Wegweiser im New Forest verdreht. Ein Bauer hat eine dicke Lage Mist auf eine Strasse geschüttet. Und am Rande der Ortschaft Bransgore sind mehrfach Reissnägel ausgestreut worden. Das letzte Mal sind 15 Wiggle-Teilnehmer mit einem «Platten» auf der Strasse gesessen, bevor sie die anderen Fahrer warnen konnten. Aber die Polizei hat beim besten Willen keinen Verantwortlichen entdeckt.

Hier Krieg gegen Radler, dort überschwengliche Willkommensgrüsse: Noch müssen sich die Briten an die neue Verkehrsform erst gewöhnen.


Laut dem Veranstalter ein «Must do»: Das New Forest Wiggle hat sich in fünf Jahren zu einem der grössten Radsportevents auf der Insel entwickelt.


Wer würde hier nicht in die Pedale treten wollen? Impressionen von der letzten Grossveranstaltung im New Forest im April 2014.

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