Die Mutter aller Plätze


Früher war mehr los im Haus, sagen die Schwestern Monteverdi. Über uns, im Dachgeschoss, hatte die kommunistische Gewerkschaft ihren Sitz. Und im Innenhof gab es eine kleine Kneipe, die von einem Männerpaar geführt wurde. Am Abend des 30. April gingen die Gewerkschafter jeweils da hin und tranken sich einen an. Sonst marschierten sie gern mit roten Fahnen durch das Treppenhaus. Das war früher, vor 50 Jahren. Jetzt ist es fürchterlich ruhig, sagen die Schwestern Monteverdi.

Man muss dazu sagen, dass die beiden Schwestern nicht mehr ganz so gut hören, die ältere ist gerade 101 geworden, die jüngere ist immerhin 98. Beide erfreuen sich bester Gesundheit, obwohl oder weil sie unverdrossen rauchen wie die Schlote – im Sommer am Fenster über ihren Kanarienkäfigen, im Winter vor dem Aufzug. Um wenigstens in ihrer Wohnung die Stille zu vertreiben, haben die Schwestern Monteverdi eine Grossfamilie aus Bangladesh adoptiert.

Wir finden ja, es ist eigentlich genug los. Bei uns an der Piazza Vittorio, dem grössten Platz von Rom. Tag und Nacht braust der Verkehr, und wer im Innenhof unseres riesigen Gründerzeit-Palazzo so etwas wie Ruhe sucht, der ahnt nicht, dass Römer Schlaf für Zeitverschwendung halten. Okay, so ab zwei Uhr morgens fallen dann doch die meisten ins Bett, aber vorher wird laut und vernehmlich gelebt, natürlich bei offenen Fenstern. Wir wissen, welche Fernsehprogramme unsere Nachbarn bevorzugen und dass einer ganz bestimmt in den Himmel kommt, weil er 20 Stunden am Tag Radio Maria hört.

Das Liebesgestöhn, Buddha und das erste Bier

Wir kennen den Zustand der meisten Ehen und hören nolens volens das Liebesgestöhn aus dem zweiten Stock links (sie bleibt merkwürdigerweise immer still) oder die Schreitiraden des winzigen Grossmütterchens aus dem Erdgeschoss von gegenüber, das ausdauernd seinen Gatten verflucht, obwohl der schon lange tot ist. Uns von der Piazza Vittorio ist eigentlich nichts Menschliches fremd. Auf dem Weg zum Markt, morgens um acht, sehen wir schon die ganze Welt: Chinesen beim Tai-Chi oder beim Paartanz. Inder, die ihre Kleiderstände aufbauen. Und jede Menge Männer aus aller Herren Länder beim ersten oder letzten Bier.

Es gibt natürlich an unserem grossen Platz viele schöne, alte Kirchen und neuerdings auch einen buddhistischen Tempel. Wenn wir aber wirklich eine Oase suchen, einen Ort der Stille und der Konzentration, dann besuchen wir die Fratelli Romeo. Diese Brüder, beide um die siebzig, einer schlank mit schlohweisser Löwenmähne, der andere rundlich und fast kahl, betreiben gemeinsam – eine Autowerkstatt. Aber die Fratelli Romeo sind nicht einfach Kfz-Mechaniker. Mit ihrer Seelenruhe und etwas altmodischen Höflichkeit therapieren sie jeden noch so nervösen Kunden: «Buongiorno Signora, wo steht denn das Auto? Sollen wir es holen, oder mögen Sie es uns bringen? Perfekt, Signora. Und machen Sie sich keine Sorgen.» Vor allem der letzte Satz ist unbezahlbar. Machen Sie sich keine Sorgen! Ja, wer sagt uns denn noch so was? Wer träufelt uns solchen Balsam auf die Seele?

Stunden später ist alles gerichtet. «Ihr Wagen steht an der Via Bixio neben der grossen Schule», klingt es. «Sollen wir ihn holen, oder mögen Sie es selbst tun?» Es folgt, begleitet mit sparsamen Gesten, eine minutiöse Beschreibung der Operation, alles im lupenreinen Italienisch alter Meister. Die Fratelli Romeo betreiben ihr Kfz-Atelier an der Via Petrarca, das kann kein Zufall sein. Wenn sie abends ihren Blaumann abgelegt haben, dann dichten sie noch weiter am grossen Epos der kleinen Welt an der Piazza Vittorio.

Kurzer Abriss der wechselvollen Geschichte des Platzes.
(Quelle: Jo Vanni, Youtube)

Die Piazza Vittorio 1948 in Vittorio de Sicas Film «Ladri di biciclette».
(Quelle: Youtube)

Einmal rund um die Piazza Vittorio Emanuele II.
WT- cropped PlakatSehenswerter, kleiner Fotoblog von Zak MC.

Der Plan: So hat die Stadt Rom den Platz umgestaltet.
WT - cropped Rom PlanUm das gesamte PDF zu sehen, bitte hier klicken.

9 Kommentare zu «Die Mutter aller Plätze»

  • Ph Jutzi sagt:

    Rom? Ich hätte eher auf China oder Indien getippt, hätte ich den Artikel nicht vertieft gelesen und nur die Bilder studiert …

    Gut gemacht, Italien – Heimat pur !

  • B. Fröhlich sagt:

    Trotzdem ein toller Platz – auch heute noch. Schön, haben auch Beiträge über Orte platz, die „kein Mensch kennt“!

  • H R Isler sagt:

    Heute ist der Platz das Zentrum der römischen Chinatown, und der Park voller Obdachlosen. Die Mutter des Verfalls.

  • Mario von Burg sagt:

    Und ich? Ich bin kein Mensch? … Das Schoene an diesem Beitrag fuer Sie lieber Herr Schneider: Sie haben etwas Neues
    gelernt!

  • Markus Schneider sagt:

    Kein Mensch kennt diesen Platz. Als bloss die Mutter aller idiotischen Überschriften.

    • mario sagt:

      Kein Mensch ? Sie sind wohl der einzige Mensch der diesen Platz nicht kennt. Geschichte lässt grüssen.

      • beat lauper sagt:

        Also dass es die Piazza Venezia vor dem Monument Vittorio Emmanuele II und nicht die Piazza Vittorio Emmanuele II ist bedingt natürlich schon lokale Kenntnisse, mit Geschichtskenntnisse hat das nichts zu tun.

        • Ornella Kieffer sagt:

          Herr Lauper, geben Sie mit Ihren lokalen Spitzenkenntnissen doch einfach mal auf Google Maps die Koordinaten 41.894648, 12.504255 ein. Dann können Sie unschwer feststellen, dass es von der Piazza Vittorio Emmanuele II zu „Ihrer“ Piazza Venezia ein rund halbstündiger Spaziergang – über die Via Nazionale oder die Via Cavour oder die Via Giovanni Lanza – ist. Und falls Sie sich verlaufen sollten, können Sie sich hier ja wieder melden.

    • Sandra Bongni sagt:

      Ich kenne ihn sogar sehr gut .

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.