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Van Gogh vor der Linse

Webflaneur am Dienstag den 16. Juli 2013
Sämann von Vincent Van Gogh. Selbst geknipst. Bloss zum Schauen, wie sich das anfühlt.

Sämann von Vincent Van Gogh. Selbst geknipst. Bloss zum Schauen, wie sich das anfühlt.

Der Webflaneur steht mitten im Van-Gogh-Museum in Amsterdam. Und er staunt. Allerdings nicht über die Kunstwerke – weder über Van Goghs Experimente mit vielfältigen Techniken und Materialien noch über die Gemälde mit den Sonnenblumenfeldern, mit dem gelben Haus in Arles oder über die Selbstporträts. Nein, er bestaunt einige Museumsbesucher. Diese scheinen keine Augen für die Kunst zu haben – sondern eine Linse: Die Kamera im Anschlag eilen sie von Gemälde zu Gemälde. Bei jedem machen sie kurz halt, drücken ab. Schon hasten sie weiter.

Kunst zu knipsen sei zum Volkssport geworden, sinniert der Webflaneur. Dominiert wird dieser von Männern. Entgegen allen Vorurteilen sind es aber längst nicht mehr nur die Asiaten, die auf ihren Sightseeingmarathons die Kamera zu Hilfe nehmen, sondern Leute aus aller Herren Länder. Was sie wohl mit all den Fotos der Gemälde anstellen, fragt er sich. Und er malt sich aus: An trüben Herbst- und Wintertagen zaubern sie die Fotos auf den Bildschirm. Dann studieren sie eingehend das noch so kleinste Detail. Sie zoomen tief ins Bild hinein, um zu sehen, wie Van Gogh die Pinsel an- und die Farben eingesetzt hat, wo er welche Struktur gelegt und wo er was weggekratzt hat. Schliesslich schreiben sie jedes Werk an, recherchieren dessen Geschichte, erstellen umfassende Onlinedokumentationen.

Schon wieder hastet ein Tourist mit der Kamera im Anschlag vorbei. Der Webflaneur betrachtet ihn genau. Und da kommen bei ihm Zweifel auf, ob der Kunstknipser überhaupt je etwas mit den Fotos anstellen wird. Sammelt er nicht einfach Trophäen? Und falls ja: Wäre es nicht ehrlicher, vor dem Gemälde zu posieren – so wie es einige der Besucherinnen mit Vorliebe tun? Mit den Fotos belegen sie alle, dass sie im Van-Gogh-Museum gewesen sind. Mehr noch: Sie versuchen damit zu zeigen, dass sie sich für Kunst interessieren, dass sie – im wahrsten Sinne des Wortes – im Bild sind.

Kleinkariert sei das, murmelt der Webflaneur. Der halben Welt kundtun zu müssen, dass man in Amsterdam das Van-Gogh-Museum besucht habe – das habe er nicht nötig.