Beiträge mit dem Schlagwort ‘Spiel’

Heiliger Gral

Webflaneur am Dienstag den 9. April 2013

Der Webflaneur lacht laut auf. Dann spricht er diesen Satz leise nochmals nach. Er lässt ihn ausklingen. «Grandios!», murmelt er. Poesie sei das, angereichert mit frechem Humor und viel Skurrilem.

Kurz zuvor: Der Webflaneur stolpert bei seiner spätabendlichen Lektüre über eine Meldung. Walt Disney schliesse die Lucasarts-Studios, steht darin. Im letzten Oktober habe der Konzern die Spielschmiede gekauft – zusammen mit dem Filmgeschäft von George Lucas, dem «Star Wars»-Produzenten. Nun aber sei ausgespielt: Den meisten Mitarbeitern sei gekündigt worden.

Dem Webflaneur wird ganz melancholisch zumute dabei. Nicht, weil er Mitarbeiter gekannt hätte, die einen anderen Job suchen müssen. Sondern weil einige Games von Lucasarts irgendwie zu seiner Kindheit, zu seinem Leben gehören: Mit Indiana Jones hat er sich sowohl auf die Suche nach dem Heiligen Gral als auch nach Atlantis gemacht. Und das in jeder freien Minute – immer dann, wenn er nicht Schule hatte und ihn Mutter und Vater nicht zum Draussenspielen, zu Aufgaben oder zum Geigeüben nötigten. Sein Bruder und er haben auch das Mädchen aus dem Maniac Mansion befreit, dem Haus des verrückten Prof.Dr.Fred. Und sie haben Sensationsreporter Zak McKracken begleitet, der auf Recherche über ein zweiköpfiges Eichhörnchen eine Verschwörung von Ausserirdischen aufdeckte.

Aus Melancholie installiert der Webflaneur sogleich Monkey Island auf dem Pad. Später im Bett spielt er die ersten Szenen durch. Dabei staunt er ob des skurrilen Humors der englischen Fassung. Nun lacht er laut auf. Bald darauf schläft er ein – und träumt von Pirateninseln und den guten alten Zeiten.

Montagsmaler

Webflaneur am Dienstag den 27. März 2012

Warf sie ihm einen Blick zu, schoss dem Webflaneur das Adrenalin ins Blut. Nannte die Lehrerin daraufhin auch noch seinen Namen und komplementierte ihn mit einem sanften Nicken zur Wandtafel, wurden seine Hände feucht und begannen zu zittern. Bezeichnenderweise schmierte der Webflaneur mit seiner Performance daraufhin regelmässig ab: Die Kreativität war wie weggeblasen, und auf gestalterische Gaben konnte er nicht zählen. Deshalb dauerte es jeweils, wenn er bei «Montagsmaler» in der letzten Lektion vor den Ferien an der Tafel stand, eine gefühlte Ewigkeit, bis jemand den gesuchten Begriff in den Mund nahm – meist eher fragend denn überzeugt. Das Gelächter der Mitspieler verfolgte den Webflaneur bis weit in die Ferien hinein.

Das ist zwar längst passé. Doch nun holt die Vergangenheit den Webflaneur wieder ein: Eine ehemalige Klassenkollegin fordert ihn zu einer Partie «Draw Something» auf dem Smartphone auf. Dabei handelt es sich um eine digitale Variante von «Die Montagsmaler»: Man wählt eines der Wörter aus, die das Spiel vorschlägt, und stellt dieses in einer Skizze dar. Die andere Person muss erraten, was gemeint ist. Nach kurzem Zögern macht der Webflaneur dann doch mit. Denn er will nicht abseits stehen: Jedermann scheint derzeit «Draw Something» zu spielen. In den paar Wochen, in denen das Spiel erhältlich ist, wurde es laut dem Hersteller 35 Millionen Mal heruntergeladen. Jede Woche sollen damit über eine Milliarde Skizzen angefertigt werden. Die kleine Herstellerfirma, die fürstlich an der eingeblendeten Werbung und am Verkauf virtueller Malutensilien verdient, wird nun sogar von der Onlinespielschmiede Zynga aufgekauft. Der Webflaneur versucht sich also ein weiteres Mal im Zeichnen – statt an der grossen Wandtafel nun auf dem Smartphone-Bildschirm. Bei den ersten Versuchen macht er oft vom Knopf «Clear drawing» Gebrauch – bis er endlich merkt, dass die Mitspieler auch missglückte Skizzen sehen. Sie dürften sich dabei königlich amüsiert haben.