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Goethes Lektor

Webflaneur am Freitag den 4. September 2009

Seit seiner Pensionierung engagiere er sich als Lektor, sagt sein Gegenüber. Wessen Texte er denn korrekturlese, fragt der Webflaneur – und freut sich diebisch ob des nebenbei eingeflochtenen Genitivs. «Ach», sagt der ältere Herr vis-à-vis, «Goethe, Schiller, Lessing und wie sie alle heissen.» Der Webflaneur guckt ihn verdutzt an. «Sie lektorieren Goethe?», fragt er. «In der That», sagt dieser; das «h» haucht er lange. Bislang habe er ausschliesslich Werke grosser Autoren gelesen. Ob er fragen dürfe, wie er dazu gekommen sei, sagt der Webflaneur. Ach, das sei einfach, sagt sein Gegenüber: Eines Tages habe er gehört, dass im Internet Lektoren gesucht würden. Er habe auf der Website der «Distributed Proofreader» auf Pgdp.net ein Konto eröffnet. Und seither arbeite er dort mit.

Wie das funktioniere, will der Webflaneur wissen. «Das Ziel des Projekts ist es, alte Bücher ins digitale Zeitalter hinüber zu retten», holt sein Gegenüber aus. Erfahrene Nutzer wählten ein Buch, das nicht mehr unter Urheberrechtsschutz stehe, aus. Das sei in Europa der Fall, wenn der Autor vor über 70 Jahren gestorben sei. Das Buch werde eingescannt. Und der Text werde von einem Programm automatisch erkannt. Leider mache dieses viele Fehler. Und deshalb brauche es Leute wie ihn, die die Texte korrigierten. Sobald sie mehrfach geprüft und richtig formatiert seien, würden sie im Archiv von Gutenberg.org abgelegt. Und von dort dürften sie kostenlos heruntergeladen werden. «Heute korrigiere ich eine Stunde pro Tag – ehrenamtlich, wie die Anderen auch», sagt der ältere Herr. Und er stelle mit Freude fest, wie die digitale Bibliothek wachse.

«In der That», sagt nun der Webflaneur, lässt das «h» lange nachklingen. Sein Gegenüber lacht. Bei Goethe nehme er es mitunter nicht so genau, sagt er. «Schliesslich soll dieser einmal selbst gesagt haben, er kenne für jedes Wort gleich mehrere Schreibweisen.»