Archiv für die Kategorie ‘Gemeinschaftliches’

Der Stammbaum

Webflaneur am Mittwoch den 27. Dezember 2006

Screenshot Gramps-Project.org

Ob er vor dem Festmahl mal die Personalien aufnehmen dürfe, fragt der Webflaneur beim Apéro. Oder besser: Ob er vor dem Mahl mal seine Daten eingeben könne, präzisiert er. Schon legt er seinem Cousin das Notebook in den Schoss. Dieser schaut ihn fragend an. Er wolle nun etwas den Stammbaum hegen, erklärt der Webflaneur, und dafür sorgen, dass dieser auch im digitalen Zeitalter Blüten treibe. Da die Datensammlerei aber aufwändig sei, möge er sich doch gleich selbst eintragen, bittet der Webflaneur seinen Cousin – als erster Trieb im Stammbaum-Ast.

Der Webflaneur hat für seinen Ahnenforschungsexkurs das freie Programm Gramps installiert. Er hätte auch eines der vielen anderen nehmen können, die Genealogen im Genealogy-Wiki aufgelistet haben – etwa Genea für Windows-Rechner oder Genealogy-J, das dank Java auf fast jedem System läuft. Er hätte Personal Ancestral File installieren können, das Programm der Ahnenforschungsspezialisten der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Er hätte lange in Foren, Verzeichnissen und Listen zur Genealogie wühlen, Software herunterladen und ausprobieren können.

Doch er hat sich fürs erstbeste Programm entschieden. Wichtig war ihm bloss das Dateiformat: Damit die Ahnen in Zukunft nicht vergessen gehen, muss es eines sein, das allfällige Grosskinder, Grossneffen und -nichten mit ihren Programmen auch werden lesen können. Am ehesten werden sie mit Gedcom-Dateien klar kommen – dem Standardformat der Ahnenforscher. Der Webflaneur züchtet den Stammbaum vorerst mal mit «Gramps». Sollte er auf Hilfe angewiesen sein, könnte er die Zweige in Genea-Net oder Gene-Web übernehmen, damit Verwandte und fremde Forscher den Stammbaum per Internet mitpflegen können. Oder er könnte ihn mit PhpGedView auf die eigene Website verpflanzen.

Nun aber fährt der Webflaneur mit Verwandten in die Alpen. Morgen schon werden sich Mutter und Tante hinter den Rechner setzen müssen. Und dann wird der digitale Stammbaum rasch seine Blüten treiben.

Nicht elitär!

Webflaneur am Mittwoch den 15. November 2006

Webflaneur ist nicht elitär!

Der Webflaneur setzt sich ein Krönchen auf, eines mit einem fetten Kreuz davor. Er zelebriert damit seine Unabhängigkeit. Er zeigt, dass er nicht käuflich ist. Und er manifestiert, dass er diesem Verein nicht angehört.

Doch der Reihe nach: Ende Oktober gründen die Autoren von 13 Weblogs den Verein Swissblogpress, mit dabei sind auch die Berner Blogger Leumund (Claim: «Seit 1538 Tagen die ganze Wahrheit»), Starfrosch («Download Music») und die Autoren der Berner Gazette («unabhängig und trivial»). Ziel des Vereins sei es, die Mitglieder bei der «Professionalisierung ihrer publizistischen Tätigkeit» zu unterstützen. Im Klartext: Sie sollen Wissen austauschen und Antworten auf Rechtsfragen anfordern können. Sie sollen ihre Leserzahlen beglaubigen lassen, um dereinst gemeinsam auf dem Inseratemarkt auftreten zu können. So weit, so gut.

Doch dann geben die Vereinsmeier der Pendlerzeitung Heute zu Protokoll, bei den 13 Mitgliedern handle es sich um die Elite der Blogger. Einigen anderen platzen die Kragen. Pax demontiert das Interview und bastelt das Krönchen. Bugsierer zeichnet den Weg des Vereins von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen nach. Chm bezeichnet das Konzept, das er bereits im Vorfeld ungesichert auf einem Zentralrechner entdeckt hat, als unsympathisch. Und Matthias Gutfeldt fordert die «Elite» auf, sich am monatlichen Berner Treffen mit «dem einfachen Volk» an einen Tisch zu setzen und «echte Informationen» statt «Blahfasel» zu liefern. Mitinitiant Christian reist tatsächlich ans Treffen, um die Wogen zu glätten.

Trotzdem setzen sich weitere Blogger ein «nicht elitär»-Krönchen auf. Das tut auch der Webflaneur, aber nur zum Gaudi während eines Tages. Er will es mit den Qualitätsbloggern nicht verderben. Denn vielleicht engagieren diese ihn mal für eine Fortbildung. Seine aktuellen Kursangebote: effiziente Öffentlichkeitsarbeit und, speziell für einzelne Mitglieder, elementare Kommaregeln.

Zu Gast bei Fremden

Webflaneur am Mittwoch den 18. Oktober 2006

Screenshot Hospitalityclub.org

Die Lettin wirbelt durch die Wohnung und wirbt für ihre Tortillas. Der Webflaneur lehnt dankend ab, denn er kaut an Zopf und Käse. Die Gastgeberin drängelt vorbei. In der Tür stehen Neuankömmlinge – Unbekannte, wie alle anderen auch. Trotzdem haben die Gäste viel Gemeinsames: Sie reisen gerne. Sie steigen eher bei Fremden ab als in anonymen Hotels oder in Herbergen voller Touristen. Und einige zeigen Fremden gerne ihr Zuhause. Deshalb sind sie dem Hospitalityclub beigetreten oder haben sich fürs Couchsurfing eingeschrieben. Sie sind ans Fest nach Bern gekommen, um Erlebnisse auszutauschen, die Zürcherin im Zug, der Lausanner mit dem Auto, der Basler per Autostopp – «trotz der Mutter, die mir Reka-Checks für die Bahn zustecken wollte».

Er habe stets zuvorkommende Gäste gehabt, erzählt der Südamerikaner, der in der Region arbeitet und wohnt. Die ältere Bernerin hingegen hat noch niemanden beherbergt; sie ist das jüngste Mitglied im Club. Die ersten Gäste kämen diese Woche, sagt die Oberländerin. «Meine Eltern sind schon ganz aus dem Häuschen.» Er steige nie in Herbergen ab, sagt der Basler. Und die Lettin erörtert Strategien, wenn sich erwähnte Gästezimmer spät abends plötzlich in Luft auflösen: «Schlafsack schliessen, zur Seite drehen, gute Nacht wünschen, schlafend stellen».

Pauschal zu reisen liege ihr fern, sagt die Stadtbernerin. Sie steige selten in Züge und Busse. Einfach Daumen raus und los: So habe sie spannende Menschen getroffen. Als sie durch die Staaten getrampt sei, habe sie ab und zu Fahrzeuge für Autodriveaway herumgekarrt – und sich damit. Und als sie Meilen für ihren Hochseeschein bolzen musste, habe sie online auf Tradewindhitchers angeheuert.

So erzählen die eben noch Unbekannten. Erst spät am Morgen früh macht sich der Webflaneur auf den Heimweg. Und unterwegs schmiedet er bereits neue Reisepläne.

Für auf den Weg: “Zu Gast bei Fremden” als Podcast.

Spannender Wettkampf

Webflaneur am Mittwoch den 3. Mai 2006

Screenshot Swissblogawards.ch

«Vergiss es», hat der Berner Zeitungsblogger geraten. Man könne schliesslich auch nicht sagen, wer besser Tagebuch führe. Weblogs seien so unterschiedlich wie ihre Autoren. Die einen bloggten über sich, die anderen spezialisierten sich auf ein Thema. Die einen rapportierten, die anderen kommentierten. Die einen zeigten verwackelte Schnappschüsse, die anderen verfassten geistreiche Abhandlungen. Klar: Einige Blogger schrieben stilsicher, andere kämpften mit Kommas. Einige hätten intelligente Ideen, andere sonderten Sonderbares ab. Einige texteten täglich, andere schrieben sporadisch. «Doch reicht dies für eine Bewertung?»

Geduldig liess der Mitorganisator der Swiss Blog Awards den Wortschwall über sich ergehen. Dann hat er gekontert: Der Wettbewerb sei eine Spielerei, wie es in der Blogosphäre viele gebe, hat er gesagt, ein Vehikel, um die Blogger hinter den Bildschirmen hervor an ein gemeinsames Fest zu locken und nebenbei eine medienwirksame Art, Weblogs bekannter zu machen. Es gebe keine Jury, die nach irgend welchen künstlichen Kriterien bestimme, was ein guter Blog sei. Das Publikum wähle einfach seine Lieblingsblogs. So hat der Organisator argumentiert. Und so hat er den Zeitungsblogger überzeugt.

Nun sind die Kandidaten nominiert; am Freitag werden an einer öffentlichen Veranstaltung im Volkshaus Biel die Swiss Blog Awards verliehen. Bei den «Rookies», den Neueinsteigern, tritt KV-Lehrling Claudio Schwarz gegen Fredy Künzler, Geschäftsführer eines Providers an, sowie gegen den 17-jährigen Informatiklehrling Morphi, die Pendlerblogger und den Webdesigner Roman Hospenthal. Der Artcast Basel misst sich im Bereich Multimedia mit Bkanal, mit Mimis Blog, mit Scanblog sowie Starfrosch aus Bern. Der «beste Blog» ist jener des surfenden Tom, des kommentierenden Künzlers, einer hierzulande hausenden Britin, des umtriebigen Berners Leu oder der Politikkommentatoren Feuillet und Semmler.

Der Zeitungsblogger ist gespannt: Boykottieren die Welschen, weil sie in der Nominierungsphase zu wenige Stimmen gekriegt haben? Gewinnt der Beste oder der Umtriebigste? Gelingt es Leu, eine Listenverbindung anzuzetteln? Und wie kontern die anderen? Wer karrt seine Fangemeinde gleich im gecharterten Car an? Und kriegt der Zeitungsblogger trotz allem noch ein T-Shirt von Leu?

Zurück an die Schule

Webflaneur am Mittwoch den 22. März 2006

Klassenfreunde.ch

Aha, Ka ist schon da. Als der Berner Zeitungsblogger eintrudelt, lungert sie bereits herum und wartet auf Klassenkollegen. Das erstaunt ihn etwas, denn in solchen Dingen ist er meist der Schnellste: Er schreibt sich zügig ein, wenn es im Netz praktisches Neues gibt. Ka ist also schon da, als er zum ersten Mal auf Klassenfreunde.ch vorbeischaut. Er freut sich und schreibt munter drauflos: «Ha Ka, du kriegst Gesellschaft. Wetten, dass es hier bald von alten Gspändli nur so wimmelt?» Sie aber will offenbar nicht wetten: «Das wäre toll, ich habe nämlich fast keine E-Mail-Adressen alter Schulkollegen.» Er: «Wofür brauchst du die?» Sie: «Das macht die Einladung zur Klassenzusammenkunft einfacher.» Er: «Offenbar wird das Einladen immer komplizierter – insbesondere, seit einige nicht mehr heissen, wie sie hiessen…»

Zugegeben: Wirklich innovativ ist Klassenfreunde.ch nicht. Ähnliches hat wohl manch ein OK manch einer Klassenzusammenkunft schon ausgeheckt. Im Ausland gibts diverse ähnliche Sites: Klassentreffen in Österreich etwa, Schulfreundfinder, Stayfriends und Passado in Deutschland. Und allüberall werden soziale Netze geknüpft: bei Friendster und Meine Freunde, bei Orkut und Yahoo 360º oder bei My Space und Friend of a Friend. Auch wenn es nicht jedermanns Sache ist, Persönliches ins Netz zu stellen – spannend sei Klassenfreunde.ch allemal, findet der Zeitungsblogger.

Brienzer ist auch schon da. Ach, wie gemütlich es war, sinniert der Zeitungsblogger, damals an der Mittelschule, als sie sich nach dem Essen jeweils im Internatszimmer fläzten – und darauf warteten, dass «Tschutschu», die kleine Kaffeemaschine, sie zischend und schnaubend wieder in Fahrt bringen würde. «Wieder einmal ein Mittagessen?», fragt der Zeitungsblogger nun. Beim Mittagessen wird er sich dann spöttelnd nach der nachgeführten Klassenliste erkundigen, und Brienzer wird kontern, dass die Kollegen ihm ihre Adressänderungen nicht wie vereinbart gemeldet hätten. Deshalb rührt der Berner Zeitungsblogger bereits heute kräftig die Werbetrommel: «Wirf den Rechner an, liebes Klassengspändli», tippt er, «und schreib dich an unserer Schule nochmals ein».

43 gute Vorsätze

Webflaneur am Mittwoch den 28. Dezember 2005

43 Ziele

All die guten Vorsätze sind vergessen gegangen. Der Berner Zeitungsblogger zieht ernüchtert Bilanz: Im Studium ist er kaum einen Strich weiter gekommen. Der Kontrabass dient weiterhin vorab der Dekoration. Das Wechselduschen hat er auf einen kurzen, kalten Schauer nach langer Aufwärmphase reduziert. Vorsätze bringen nichts, wenn du sie um 5 vor 12 ausheckst und nach dem Anstossen gleich wieder vergisst, liest er sich selbst die Leviten. Er beschliesst: Dieses Mal schreibt er nieder, was er wie erreichen will. Wo, weiss er schon: auf 43things.com. Dort stückeln sich Nutzer ihre Ziele zusammen und feuern sich gegenseitig an. Der Berner Zeitungsblogger schmökert in den Sachen, die Andere in Zukunft vielleicht machen: 5271 wollen abnehmen, 4252 ein Buch schreiben, 3885 möchten sich verlieben. 3572 wollen glücklich werden, 3141 mehr Wasser trinken, 3059 mehr Fotos machen. 2950 wollen heiraten, 2841 ein Tattoo, 2785 ohne festen Plan auf einen Roadtrip.

Klar: Es ist nicht jedermanns Sache, hehre Vorsätze in alle Welt hinaus zu posaunen. Aufschreiben sollte man sie aber, rät Ralf Senftleben von Zeit zu Leben – und bietet ein ausgefeiltes Formular zum Herunterladen an. Professor Knoblauch hingegen hat auf Neujahrsvorsätze.de ein Formular online gestellt – und verspricht, Nutzer regelmässig per E-Mail an ihre Vorsätze zu erinnern. Spassiger ist Pläne schmieden aber mit 43things.com, findet der Berner Zeitungsblogger. Links gemeinsam mit Del.icio.us zu sammeln sei ja auch interessanter als alleine, genauso fotografieren mit Flickr.com, Musik hören mit Last.fm, ausgehen mit Upcoming.org.

2727 wollen die Nordlichter sehen, 2626 die Welt bereisen, 1520 einen Marathon laufen. 1318 wollen mit Passion leben, 1206 nicht mehr Nägel kauen, 1496 ein Geschäft eröffnen. Doch fertig jetzt, nimmt sich der Berner Zeitungsblogger bei der Nase. Dann haut er in die Tasten. Er wolle das Studium abschliessen, schreibt er. Er wolle sein Französisch und Englisch aufpolieren, Kontrabass spielen lernen. Viel weiter kommt er nicht, dann schweift er wieder ab. 933 wollen tanzen lernen, 738 ein Baby, 397 sich flach legen lassen. 25 wollen unter einem Wasserfall duschen, 122 mit den Delfinen schwimmen und 189 den Stamm einer Tomate mit der Zunge ausreissen. Die Allermeisten – 5417 Leute – haben sich vorgenommen, mit dem ewigen Zaudern aufzuhören. Auch der Berner Zeitungsblogger klickt nun auch auf «Stop procrastinating». Er hört auf zu zaudern, abzuwägen, Listen zu machen – und macht.

Der Fisch im Garten

Webflaneur am Mittwoch den 24. August 2005

Eigentlich wollte er übers Surfen schreiben. Doch dann schwappte die Flut über die Kanalmauer. Der Wasserstrom floss in den Keller, und der elektrische stockte. Der Zeitungsblogger sollte an jenem Tag nicht mehr netzwerken können. Er kam ins Schwimmen. Denn ohne Netz gibts keine Weblogs. Und die Zeit bis zum Abgabetermin verfloss rasch.

Tags darauf im trockenen Büro: Der Zeitungsblogger will wissen, was andere erlebt haben. Er surft zu einem Weblog-Verzeichnis, schmökert in den Schilderungen seiner Mitbloggerinnen und Mitblogger. Ihr Sohn könnte aus seiner Loge in die Aare hechten, schreibt Edithrina Rinaa. «3rd male: 10» sei in der Schule gewesen, als die Aare gekommen ist, schildert 2nd, female: 35. Der Kleine habe seine Sachen packen und zu «den Grossen» hinauf gehen müssen, während die Aare den Raum mit brauner Sosse gefüllt habe. Otto Normal sinniert in Gedichtform, die einen hätten «ein wenig zu viel, die anderen viel zu wenig» Wasser. Leu macht, wie er selbst schreibt, «einen auf Schröder» und nutzt das Hochwasser für seinen «Wahlkampf zum Kulturminister»: Er wettert über die untätigen Behörden. Ghost enerviert sich über einen Feuerwehrmann, der ihm das Knipsen verbieten wollte. Orli zeigt Fotos aus Thun und Bern, und Roland die Überschwemmung von der Brücke aus – und die Gucker darauf.

Der Berner Zeitungsblogger ist ernüchtert: Fotos hat er viele gefunden, Geschichten nur einzelne. Deshalb erzählt er nun eine eigene: Seine Nachbarn beugen sich über die Balkonbrüstung, starren verdattert ins trübe Wasser. Plötzlich rufen sie überrascht aus: «Wir haben einen Fisch im Garten.»

Der Pinguin kam im Sommer

Webflaneur am Mittwoch den 17. August 2005

Eigentlich hatte er sich den Sommer anders vorgestellt: Er wollte sich in der Sonne suhlen, durch Seen schwimmen, Berge erklimmen. Doch es kam anders: Kaum hatte der Berner Zeitungsblogger die Ferien eingeläutet, verabschiedete sich sein Rechner. Urplötzlich tickte er nur noch urkomisch vor sich hin. Zuerst tippte der Blogger auf einen Virus. Er wollte bereits zu einer Tirade auf das Betriebssystem mit den sperrangelweit offen stehenden Fenstern ansetzen. Doch dann wurde ihm klar, was passiert war: Die Festplatte hatte sich an der Platte fest den Lesekopf angeschlagen. Der Zeitungsblogger fürchtete um all die Buchstaben, die er irgendwann aneinander gereiht, um all die Schnappschüsse, die er irgendwann geknipst, um die Adressen, die er irgendwann fichiert hatte. Fiebrig durchwühlte er seine Stapel. Er fand zumindest ein leicht angestaubtes Backup. Ein Zeitungsblogger ohne Rechner, sinnierte er dann, sei wie ein Fisch ohne Wasser. Und so baute er flugs eine neue Platte in sein Thinkpad ein – statt sich im Marzili zu suhlen.

«Nein, Microsoft kann wirklich nichts dafür», wiegelte der Zeitungsblogger ab. «Trotzdem», insistierte sein Kollege. Jetzt, da er ein Betriebssystem neu installieren müsse, sei der Zeitpunkt für den Wechsel von Windows zu Linux gekommen. Das leuchtete dem Zeitungsblogger ein – nicht zuletzt, weil er keine Ahnung hatte, auf welchem Stapel seine Windows-CD lag. «Welche Distribtion?», fragte der Kollege. Der Zeitungsblogger faselte etwas von «alle haben Vor- und Nachteile», leerte das Glas und ging recherchieren.

Linux sei ein gemeinschaftlich entwickeltes Betriebssystem, las er bei Distrowatch. Das System mit dem Maskottchen Pinguin sei in diversen Zusammenstellungen – sprich: Distributionen – erhältlich. Bloss: Sollte er das dicke Paket von Suse kaufen, oder jenes von Mandriva? Wäre Linspire, das sich von Windows inspirieren liess, praktisch? Sollte er sich an Debian, Gentoo oder Slackware versuchen – jenen Distributionen, auf die Technikfans schwören? Der Zeitungsblogger fragte Kollegen um Rat. Einige empfahlen Ubuntu.

«Ubuntu» stamme aus der Sprache der Zulu und lasse sich mit «Gemeinwohl» oder «Menschlichkeit» übersetzen, las er. Hinter Ubuntu stecke die Firma Canonical des Südafrikaners Mark Shuttleworth – genau: dem Weltraumtouristen. Er habe 10 Millionen Dollar in die Ubuntu-Stiftung eingeschossen – weil er überzeugt sei, dass die Welt eine nicht kommerzielle Alternative zu Windows brauche.

Der Zeitungsblogger hat Ubuntu installiert. Er hat gestaunt, wie einfach das ging. Klar: Einige Male hat er auch geflucht. Das hätte er indes auch ohne die Computerbasteleien getan – dann aber übers schlechte Sommerwetter.

… und ab in die Ferien

Webflaneur am Mittwoch den 29. Juni 2005

Bald hat er Ferien. Doch es ist wie immer: Vor dem Plausch hat der Zeitungsblogger einen Heidenstress. Er glaubt die Notizen ganz abtragen zu müssen, die sich auf seinem Pult stapeln. «Monopoly», steht auf dem obersten Zettel. Für Monopoly Live sind in Londoner Taxis GPS-Geräten montiert worden. Hält eines der Cabbies auf einem Feld, verdient dessen imaginärer Besitzer Geld. «Ein amusantes Spielchen für laue Nächte», murmelt der Zeitungsblogger.

Und er greift zum nächsten Zettel. «Einstein», hat er darauf gekritzelt. Wer in der Zeitungsblogger losen Zeit geistiges Futter brauche, tippt er augenzwinkernd, schmökere in den Annalen der Physik. In der alten Fachzeitschrift stehen 49 Artikel von Albert Einstein – inklusive jener vier, die er während des «annus mirabilis» in Bern geschrieben hat.

«Guantanamo», ist das nächste Stichwort. Eine Gruppe Freiwilliger ackert in einem Wiki gemeinsam die umfangreichen Protokolle der Befragungen der «feindlichen Kombattanten» auf Guantanamo durch, damit in den Papierbergen keine Hinweise auf allfällige Folterungen verschütt gehen. Apropos Wiki: Eigentlich hätte der Zeitungsblogger auch über Wikitorial schreiben wollen. Doch dann hat die «Los Angeles Times» ihr Projekt, bei dem die Leser einen Leitartikel aus der Zeitung nach ihrem Gusto umschreiben konnten, kurz nach dem Start wieder gestoppt. Einige Dummköpfe hatten dort Pornobilder veröffentlicht – statt sich auf die Debatte um die Fakten, Argumentationen und Wertungen einzulassen.

Zuunterst auf dem Stapel stösst der Zeitungsblogger auf die E-Mail eines umtriebigen Berner Musikus. Er habe mit seinen Starfröschen «etwas gebrutzelt», schreibt dieser darin. Okay, das schrieb er noch, als man gerne in geheizten Stuben tüftelte, muss der Zeitungsblogger nun eingestehen und streut sich Asche übers Haupt, von Nachbars Grill. Dafür rührt er jetzt ganz gewaltig die Werbetrommel: Den Sound für den Sommer gebe es gratis beim Netzlabel Realaudio.ch. Und das «kloine Fläschfroschgame», von dem der Musikus in der E-Mail berichtet, stehe noch immer auf Starfrosch.ch. Geeky, findet es der Zeitungsblogger.

Nun lehnt er sich zufrieden zurück. Er hat erledigt, was zu erledigen war. Er klappt sein Notebook zu, packt sein Bündelchen. Und als der erste Sonnenstrahl den Horizont rötet, entschwindet er dort, auf den Lippen ein munteres Wanderliedchen.

Eine Nacht in der Blogosphäre

Webflaneur am Mittwoch den 1. Juni 2005

Die Kollegin schüttelt den Kopf. «Du triffst dich mit Leuten, die du gar nicht kennst?», fragt sie ungläubig. Schnippisch doppelt sie nach: «Du triffst dich mit diesen Internet-Exhibitionisten?»

Der Berner Zeitungsblogger lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Eben erst hat er sich zu ihr gesetzt und von seinen neuen Bekannten zu erzählen begonnen, die das Restaurant kurz zuvor verlassen hatten. Irgendwie habe er sie schon gekannt, kontert er – aus den Weblogs. «Webwas?», fragt die Kollegin. Weblogs oder kurz Blogs seien Internet-Notizbücher, doziert der Zeitungsblogger. Darin veröffentlichten Blogger meist persönliche und kommentierende Texte. Angenommen er publiziere einen Artikel – was übrigens kaum schwieriger sei als eine E-Mail zu verschicken –, erscheine dieser zuoberst auf seiner Website. Leserinnen und Leser könnten Kommentare abgeben. Und wenn ein anderer Blogger den Artikel zitiere, erscheine bei ihm ein Hinweis darauf. So entstehe ein dichtes Geflecht aus Beiträgen, Bemerkungen, Beziehungen: die Blogosphäre.

Die Kollegin gähnt. Der Zeitungsblogger referiert über persönliche und politische Blogs, streicht deren Bedeutung als Gegenöffentlichkeit und für die freie Meinungsäusserung unter autoritären Regimes hervor.

Die Kollegin schaut auf die Uhr. Es sei einfach, ein Weblog zu eröffnen, sagt der Zeitungsblogger, dazu melde man sich bei einem Anbieter an oder miete ein Plätzchen auf einem Server, wo man die Software installiere. Das habe sogar er selbst geschafft.

Die Kollegin bezahlt. Wer im Netz etwas auf sich halte, schreibe ein Weblog, sagt der Zeitungsblogger. Es sei spannend gewesen, die Leute persönlich zu treffen – rund 20 seien zum Treffen gekommen, das Blog.ch mitorganisiert hat: Andreas, der viel von Technischem, Urs, der viel von Rechtlichem und Kus, der viel von Musikalischem versteht. Der Fahrradblogger sei – wen wunderts – per Velo nach Bern pedalt; der Zugsingenieur auch. Der Permanente Tourist habe hier Halt gemacht. Auch Une Fille du Limmatquai sei eingetrudelt, irgendeinisch auch Irgendeinisch… Der Zeitungsblogger schnappt nach Luft. Es werde Zeit, unterbricht die Kollegin, steht auf und geht.

Das war am Wochenende. Heute bloggt auch sie.