Archiv für die Kategorie ‘Audiophiles’

Das persönliche Radio

Webflaneur am Mittwoch den 7. November 2007

Screenshot Drs4news.ch

Zum Frühstück stellt er sich sein Notebook auf den Tisch. Während der Webflaneur an diesem Montagmorgen das Brot von gestern kaut, hört er sich das Radio von heute an: den neuen Nachrichtenkanal DRS4-News, der seit wenigen Stunden «on air» beziehungsweise auf dem Kabel ist. Da der Webflaneur weder Abonnent eines Radiokabelnetzes noch Besitzer eines Digitalradios ist – ein solches gedenkt er frühstens im Frühjahr zu kaufen, sobald es Empfänger für DAB+ gibt –, hört er halt online. Nach Brot, Käse und Kaffee, Nachrichten, Interview und einem Kurzbeitrag urteilt er: ein guter Start, liebe Radiomacher.

Einige Stunden später beim Feierabendtrunk: «DRS4 ist, was ich mir schon immer gewünscht habe», schwärmt der Besucher vis-à-vis am Tisch. Er wolle News und Expertengespräche statt seichter Musik und dümmlicher Telefonquiz – rund um die Uhr, wann immer er den Empfänger einschalte. «Das ist das Radio von morgen.»

Der Webflaneur schüttelt den Kopf. Der Sender habe zwar – trotz für DRS-Dimensionen kleinem Budget und grosser Zeitnot – einen guten Start hingelegt. «Besonders innovativ ist ein Beiträgerecycling-Kanal aber nicht», sagt er. Das Radio der Zukunft stelle er sich anders vor. «Wie denn?», hakt der Besucher nach. «Es ist personalisierbar und individuell abrufbar», antwortet der Webflaneur. «Das Radio der Zukunft basiert auf dem Prinzip der Podcasts.» Das wisse man natürlich auch bei DRS. Und deshalb seien mit DRS4 auch neue Podcast-Kanäle entstanden. Damit könne er genau jene Inhalte abonnieren, die er sich anhören wolle. Nach dem «Echo der Zeit» von Radio DRS folge in seinem persönlichen Radioprogramm derzeit etwa «All Things Considered» des National Public Radio aus den USA. Die BBC steuere «From our Correspondent» und «On the Media» bei. Von Radio France komme «Affaires à suivre», von der Deutschen Welle die Reportage.

«Wie aber kommt das Programm vom Computer auf die Stereoanlage?», fragt der Besucher vis-à-vis. «Drahtlos», sagt der Webflaneur. Etwas kleinlaut fügt er an, dass dies bei ihm derzeit noch gerade nicht klappe. Nun schüttelt der Besucher den Kopf und sagt: «Nun tische mir zum Frühstück aber nicht auch noch einen PC auf.»

Der Kulturreport

Webflaneur am Freitag den 12. Oktober 2007

Screenshot Dailymotion.com 

Er scheint sich für einen grossen Reporter zu halten. Während vorne auf der Bühne der berühmte Schlagzeuger trommelt, fotografiert und filmt der Konzertbesucher, der in der Reihe vor dem Webflaneur sitzt, ununterbrochen. Der Webflaneur schüttelt den Kopf, denn eigentlich ist Filmen und Fotografieren an diesem Konzert explizit verboten. Noch in derselben Nacht werden die Bilder dann wohl auf Flickr.com, die Videos bei Youtube.com oder auf ähnlichen Plattformen zu sehen sein – oder vielleicht sogar in einem der ersten Kulturberichte auf der neuen Amateurnachrichten-Website Plebstv.com.

So sinniert der Webflaneur, während ihm aus der vorderen Reihe der Monitor der Kamera entgegenleuchtet. Als es von Mitte Balkon plötzlich blitzt, links hinter ihm im Parterre eine Kamera klickt und eine Frau rechts in der Reihe vor ihm das Handy zückt, um mitten im schaurig-schönen Sopransaxsolo mit lautem Klicken zwei Fotos zu knipsen, droht dem Webflaneur der Geduldsfaden zu reissen. Allzu gerne hätte er den Leuten die Leviten gelesen. Hört mit dem Knipsen auf! Dort vorne spielt einer der besten Schlagzeuger, begleitet von talentierten Musikern. Geniesst es! Überlasst die Berichterstattung den Profis! Oder akkreditiert euch, wie jeder andere Journalist auch – wenn ihr könnt! Doch der Webflaneur schluckt seinen Ärger herunter. Er schaut geflissentlich über die im Dunkeln glimmenden Monitore hinweg dem Schlagzeuger beim Spielen zu.

Zwei Tage später surft der Webflaneur dem Konzert des kleinen grossen Schlagzeugers nach. Er entdeckt einige Blog-Einträge mit Konzertkritiken, ohne selbst geschossene Bilder. Auf einer Videoplattform findet er schliesslich ein kurzes Wackelvideo vom Konzert. Online gestellt hat es eine Frau. Der Typ in der Reihe vor dem Webflaneur hingegen scheint fürs eigene Album geknipst und gefilmt zu haben. Dieser Egoist!

Die verschollene Stimme

Webflaneur am Mittwoch den 13. Dezember 2006

Screenshot Imslp.org

Mit Pauken und Trompeten hat Mozart sein Abendgebet geschrieben. An der Hauptprobe der «Vesperae Solennes de Dominica» spielen aber nur die Trompeten. Dem Webflaneur, engagiert fürs Pauken, sind die Hände gebunden: Die Timpani-Stimme fehlt. So steckt er seine Schläger schliesslich ein und fährt heim, ohne gross auf die Pauke gehauen zu haben.

Anderntags durchstöbert der Dirigent sein Archiv nach dem fehlenden Auszug. Und auch der Webflaneur beginnt zu wirbeln. Mozart müsste im Netz doch zu finden sein, sinniert er, denn Mozart darf kopiert werden: 70 Jahre nach dem Tod eines Komponisten werden dessen Werke gemeinfrei; das Recht der Erben auf Abgaben erlischt. Der Webflaneur startet den Rechner und sucht seine Stimme. Beim International Music Score Library Project findet er viel von Mozart, aber nicht das Gesuchte. In der Free Choral Sheet Music Public Domain Library findet er die Vesper, aber bloss den Chorauszug. Mit Fac-simile durchsucht er mehrere Archive – ohne Erfolg. Auch beim Projekt Projekt Gutenberg, wo nebst Literatur Musik gesammelt wird, wird er nicht fündig. Er sucht bei Mutopia, steigt ins Kantorei- und ins Sheetmusicarchiv und stöbert auf den Classical-sheet-music-Seiten.

Seine Stimme für die «Vesperae Solennes de Dominica» hat er nirgends gefunden, auch nicht bei den paar Notenverkäufern im Netz. Der Dirigent hat sie schliesslich aus der Partitur zusammengeschnipselt. Nach dem Konzert kam dann die Meldung: Das Mozarteum Salzburg veröffentlicht Mozarts Gesamtwerk. Ein Reinfall war die Suche trotzdem nicht: Der Webflaneur hat bei zwei Werken zugeschlagen. Und diese wird er – liebe Verwandte, da müsst ihr durch – mit der Mutter und den Geschwistern unter der Tanne fideln.

Das gute Stück

Webflaneur am Mittwoch den 23. August 2006

Screenshot iMusician.ch

Der Kellner bringt Kaffee. Noch während der Berner Zeitungsblogger das Schäumchen löffelt, kommt er zur Sache. «Wie werde ich mit meiner Musik berühmt?», fragt er. Auch er wolle seine 15 Minuten Ruhm. Und da er auch schon mal ein bisschen Musik gemacht habe, werde er sich diesen wohl erspielen können, sagt er und zwinkert Musikus zu. Dieser, ein bekannter Musikblogger, rührt langsam in seiner Tasse. Das sei kein leichtes Spiel, antwortet er. Komm schon, kontert der Zeitungsblogger, am PC produziere man günstig guten Sound – etwa mit Band in a Box, Garage Band oder Rosegarden, mit Cubase, Ableton Live oder Logic. Und dank dem Internet brauche man nicht mehr nach der Pfeife der Musikkonzerne zu tanzen, sondern vertreibe das Opus selbst. «Mach mal eine Pause», unterbricht Musikus des Zeitungsbloggers Hohelied. Mit «Garage Band» oder dessen grossen Brüdern komme man zwar erstaunlich weit. Für ein brauchbares Heimstudio werfe man aber immer noch 20’000 Franken auf. Und abmischen müsse eh ein Profi.

Angenommen, er hätte ein gutes Stück im Kasten, doppelt der Zeitungsblogger nach: Wie kriege er dieses in die Auslage von iTunes & Co.? Er könne bei Tunecore anbandeln, erklärt Musikus, bei CD Baby, Finetunes, Netlabel oder iMusician. Kriege er keinen Korb, speisten diese den Song bei Online-Musikgeschäften ein. Dass er aber mehr als einige Franken einspiele, sei unwahrscheinlich. «Deshalb verschenkst du dein gutes Stück besser», rät Musikus. Am besten tue er dies in einer eigenen Website mit «Underground»-Mief, denn darauf stünden die Leute heute. Deshalb liessen selbst Musikkonzerne für ihre Bands Seiten bauen, die selbst gebastelt aussehen, abenteuerliche Biographien aushecken und Müsterchen im Netz verstreuen. Und nein, auch Freunde sammeln bei My Space lohne sich kaum; wenn schon, dann eher ein Profil bei Pure Volume, das wenigstens gut aussehe. Am meisten Sinn mache aber ein eigener Blog. Und vielleicht kriege man irgendwann – via andere Musikblogger und ein Netzlabel – einen anständigen Vertrag bei einem Musikkonzern, der auch wirklich Geld ins Projekt investiere.

«Sorry, aber so tickt die Musikindustrie», sagt Musikus. Er leert die Tasse. Nun müsse er los, sagt er. Zwei Stunden Songs hören stehe auf dem Programm. «Ich habe einfach viel zu viel Musik.» Der Berner Zeitungsblogger bleibt sitzen. Er ordert nochmals eine Tasse Kaffee. Und schliesslich beschliesst er, beim Schreiben zu bleiben.

Lesen und schreiben

Webflaneur am Mittwoch den 8. Februar 2006

Audacity

Sie spricht, als sei sie sein schlechtes Gewissen. Ob er denn Zeit für solche Scherze habe, stichelt sie. Und kopfschüttelnd fragt sie, was «die Übung» denn bringe. Wohin das Projekt Podcast führe, wisse er noch nicht, kontert der Berner Zeitungsblogger – und bereut bereits, ihr vorher die Geschichte erzählt zu haben: Vor 14 Tagen habe er einen Podcast angekündigt, hat er ihr erzählt, das «Weblog» als Tondatei zum Herunterladen. «Versprochen ist versprochen», habe er sich gesagt, ein Studio gemietet, gelesen und sich natürlich x-mal versprochen. Er habe repetiert und experimentiert, bis er heiser und die Studiozeit um war. Zu Hause habe er die Aufnahme mit dem Gratis-Programm Audacity zurecht geschnipselt.

Zugegeben: Das Projekt habe viel Zeit in Anspruch genommen. «Aber eben: Versprochen ist versprochen», hält er dem schlechten Gewissen vis-à-vis fast trotzig entgegen. Und was der Zeitungsblogger in die Zeitung blogge, ziehe er durch. Im Übrigen gehöre es heute zum guten Ton, Kolumnen vorzulesen. Fact sei: Linus Reichlin mache das. Van Huisseling versuche Gelesenes sogar auf CD zu verkaufen. «Wer in aller Welt bezahlt Schreiber fürs Lesen?», wirft sie schnippisch ein. Das frage er sich auch, sagt der Zeitungsblogger. Die Weltwoche tue gut daran, die paar Artikel, die sie als Tondatei anbietet, von Profis lesen zu lassen. Aber für solches fehle ihm das Budget. Und im Übrigen mache ein richtiger Blogger eh alles selbst.

Doch sie lässt ihm keine Ruhe. Ob er sich nicht besser den akademischen Schreibereien widmete, fragt sie. Doch, gesteht der Zeitungsblogger ein. Demnächst beginne er mit den Vorarbeiten: Er werde sich eine Dokumentenvorlage für die Textverarbeitung basteln – mit den richtigen Seitenköpfen, Schriften und einer Titelhierarchie. Nebenbei: Diese Arbeit könne er beim Vorlagen-Wettbewerb von Openoffice.org einreichen. Das schlechte Gewissen schüttelt den Kopf. «Komm schon», sagt sie, «such dir keine neuen Projekte, leg los». Und dann tischt sie nochmals die alte Geschichte vom Französischlehrer auf, der den eigenhändig programmierten Vokabeltrainer zwar gelobt, dem Schüler aber dringend auch das Vokabel-Lernen ans Herz gelegt hat. Es sei fast wie früher, seufzt der Zeitungsblogger und schaut sein schlechtes Gewissen mit grossen Augen an. Bloss werde er für seinen Podcast nicht gelobt.

Alle casten Pod

Webflaneur am Dienstag den 24. Januar 2006

iTunes

Freund Tonjäger ist kaum noch zu bremsen. Er zieht die Tastatur zu sich. «Melanie C», tippt er im Adlersystem, drückt auf den Suchknopf, spielt den Hit an – jene paar Sekunden, die er anhören kann, bevor er zur Kasse gebeten wird. «Gwen Stefani» tippt er, «Mary J Blige» und «Fanta 4». Hätte der Berner Zeitungsblogger dem Freund Tonjäger nicht zackig die Tasten unter den zuckenden Fingern weggezogen – er hätte den halben Musikshop leer gekauft. Er sei nicht zum Shoppen da, gibt der Zeitungsblogger nun den Ton an. Er sei da, um den Rechner auf Vordermann zu bringen, und dem Tonjäger ein Update zu geben. Und nun wolle er ihm einen Podcast zeigen.

«Einen Podwas?», fragt der Tonjäger. Ein Podcast sei – grob gesagt – eine abonnierbare Radiosendung, doziert der Zeitungsblogger. «Und was bringt das?», unterbricht ihn der Tonjäger. Für ihn als Pendler seien Podcasts praktisch, fährt der Zeitungsblogger fort: Bevor er aus dem Haus gehe, stöpsle er den Musikplayer an den Rechner. Die abonnierte Sendungen würden dann automatisch darauf kopiert. «Ist das kompliziert?», fragt der Tonjäger. «Das schaffst auch du», kontert der Zeitungsblogger.

In iTunes – der Software, die er soeben installiert habe – könne er Podcasts ganz einfach abonnieren. Mit Progrämmchen wie RSS-Owl, Juice oder jPodder sei es kaum komplizierter. «Schau», sagt er – und abonniert rasch das Echo der Zeit.

Freund Tonjäger ist begeistert. Er schnappt sich das Keyboard, abonniert den Podcast aus der Bundesrats-WG von Radio 24, und den nigelnagelneuen von Capital.fm. Er hätte auch gleich International und Heute Morgen von Radio DRS abonniert, und vom Fernsehen die Kassensturz– und MTW-Videos. Er hätte sich bei der BBC Reportagen der Korrespondenten geholt, bei CNN die News, bei NPR den Hintergrund und bei RFI das «Journal en français facile». Er hätte sich Weltwoche-Artikel vorlesen lassen, den Künstlergesprächen auf Artcast gelauscht. Irgendwann hätte er die Musik auf Netzlabels wie Starfrosch entdeckt. Und dann hätte der Zeitungsblogger plötzlich nichts mehr gehört von Freund Tonjäger. Deshalb nimmt er die Maus wieder selbst in die Hand und sagt: «Und nun zeige ich dir, wie du übers Internet telefonieren kannst.»

Doch auch dem Zeitungsblogger lassen die Podcasts keine Ruhe. Alle casten Pod, sinniert er beim Heimpedalen, bloss er tippe Textchen. Das müsse sich ändern, beschliesst er. Und deshalb macht er nun auch einen Podcast.

Musik, Links, Partys

Webflaneur am Mittwoch den 16. November 2005

Upcoming.org

Zugegeben: Besonders trendy ist diese Sammlung nicht. Etwas hilflos steht der Zeitungsblogger vor seinem CD-Regal. Die David-Hasselhoff-Kassette – «I’m crazy for you» – hat er zwar längst in die Gerümpelkiste verbannt, wo die drei Eugsters und die Kuschelrocker ruhen, wie auch die Schlagerparaden aus den Jugendtagen. Einige angestaubte Jazzer, Mundartrocker, Liedermacher und Klassiker – nein, besonders Innovative stehen nicht im Regal. Das reiche nicht einmal für ein «Back to the roots»-Fest, brummelt der Zeitungsblogger. Er will Neues entdecken, eröffnet ein Konto bei Last.fm, lädt dort ein Progrämmchen herunter. Wann immer er nun am PC Musik hört, teilt ihm Last.fm mit, worauf sonst noch steht, wer das gleiche hört. Groovy, findet der Zeitungsblogger – und stockt seine Sammlung auf.

Auch seine Links stellt der Zeitungsblogger nun online: Entdeckt er eine spannende Website, trägt er sie bei Del.icio.us ein. Sofort sieht er, wer das betreffende Örtchen gerne frequentiert. Ab und zu findet er über diese Person weitere gute Links. Freigeister haben sich die Freiheit genommen, diese Idee auf De.lirio.us zu kopieren. Andere haben Ähnliches gebaut: Isländer mit Spurl, US-Unternehmen mit Blinklist, Rawsugar und Furl. Der Zeitungsblogger bleibt vorerst lieber beim Buchzeichenklassiker. Ausser für Wissenschaftliches: Sollte er sich tatsächlich endlich seiner akademischen Arbeiten annehmen, benutzte er Citeulike. Stolperte er dann im Netz über einen Text, nähme er ihn per Klick in seine virtuelle Bibliothek auf – und ersparte sich so das mühsame Tippen einer Bibliographie.

Manchmal stellt der Zeitungsblogger gar seine Pläne für den Ausgang online: Entdeckt er eine spannende Veranstaltung, trägt er sie bei Upcoming ein – und wartet, ob sich seine Online-Gspänli ihm anschliessen. Das tut er demnächst auch mit seiner Party – jener, an der seine neue Musik laufen wird.

Im Reisefieber

Webflaneur am Mittwoch den 15. Juni 2005

Er war bienenfleissig, hat emsig Überstunden gesammelt. Demnächst hat der Berner Zeitungsblogger endlich Zeit für Ferien. Längst hat er einige abgefahrene Ideen ausgeheckt: Er könnte sich eine Kamera umhängen, sich ein GPS-Gerät borgen – und für Confluence.org dort fotografieren gehen, wo sich Längen- und Breitengrade kreuzen. Er könnte in GeoSpielen bestimmten Koordinaten nachjagen. Er könnte das GPS-Gerät mit Wanderrouten füttern und sich auf die Sohlen machen. Oder aber: Er könnte die Schweiz zu Fuss queren, wie die Wandersite.ch vorschlägt, dabei den Fabriken, Berghotels, Bädern nachsteigen, die ihm der Heimatschutz ans Herz legt. Er könnte in Hotels nächtigen, die andere Reisende empfohlen haben.

Eigentlich ginge er aber gerne wieder einmal auf grosse Reise, sinniert der Berner Zeitungsblogger, als er sich durch die Reiseberichte auf Pervan.de klickt, und durch jene auf dem englischsprachigen Pendant Virtualtourist.com. Das Reisefieber packt ihn definitiv, als er in den Beschreibungen auf Wikitravel.org stöbert, dem Reiseführer, an dem alle mitschreiben können.

Teuer dürften die Ferien aber nicht werden, beschliesst er mit Blick auf seine hart erbloggten Batzen. Er könnte bei Mitgliedern des Hospitalityclub.org nachfragen, ob sie ihn auf seiner Rundreise beherbergen würden. Er könnte mit den Click & Rail-Tickets fahren, oder er könnte AutoStopp machen.

Solch abenteuerliche Pläne hatte der Berner Zeitungsblogger geschmiedet – bis der Marschbefehl eingetrudelt ist. Im Reisefieber hatte er ganz verdrängt: Im Sommer muss er in die «grünen Ferien», oder besser: in den grauen Bunker. Für grosse Reisen reicht es nicht. So beschliesst er, die restlichen Sonnentage an und in der Aare zu zelebrieren – und dank des Aareschwummindex’ keinen einzigen zu verpassen.

Reicht die Kapuze einer Mönchskutte?

Webflaneur am Mittwoch den 18. Mai 2005

Der Kumpan ruft an. Er wolle ins Kino, sagt er, und zwar mit anderen Kumpanen und mit dem Zeitungsblogger. Dieser freut sich. Er sei gerne dabei, sagt er voreilig. Prima, antwortet der Kumpan. Er werde schleunigst reservieren. Die Plätze seien knapp. Dem Zeitungsblogger dämmerts: Star Wars?, fragt er. Ja, sagt der Kumpan. Als er aufgelegt hat, wird dem Blogger bewusst: Soeben hat er sich einer eingeschworenen Truppe Sternenkrieger angeschlossen. Ausgerechnet er, der keinen Draht ins Star-Wars-Universum hat, er, der bloss eine der Episoden gesehen und als nicht mehr als eine Episode abgetan hat, er, der sich bislang vorab ab Sternenkrieg-Parodien wie den Ascimation-Buchstabenfilmchen, den Scherzen auf About oder den Kreisen, die das Lichtschwert-Gefuchtel des heute als Star Wars Kid bekannten Teenagers zog, amusierte. Doch zugesagt ist zugesagt.

Damit er im Kino nicht auf verlassenem Posten sitzt, macht sich der Berner Zeitungsblogger in der Wikipedia schlau, sucht in der Filmdatenbank, schmökert im Weblog Movietab und landet dann auf der offiziellen Star-Wars-Website. Dort findet er kurze Zusammenfassungen zu den einzelnen Episoden. Wenn schon Star Wars, dann richtig, redet sich der Zeitungsblogger ein, holt sich eine Lichtschwert schwingende Kreatur als Hintergrund auf den Bildschirm, wühlt im breiten Fanartikelsortiment, guckt sich den Trailer an. Dann surft er durch die Diskussionsforen der Fans, macht Halt auf Star Wars Board, The Force, Jedinet und in der Usenet-Diskussionsgruppe de.rec.sf.starwars. So, findet der Zeitungsblogger, jetzt sei er gerüstet für den Kinobesuch.

Da ruft der Kumpan wieder an. Ob er vorher erwähnt habe, dass der Kinobesuch verkleidet stattfinde, fragt er scheinheilig. Der Zeitungsblogger schluckt leer. Seine Verzweiflung wächst. In wessen Haut soll er schlüpfen? Soll er eine Mönchskutte überziehen und sich Jedi-Ritter nennen? Soll er sich noch als Anakin verkleiden oder bereits als Darth Vader? Soll er zur Padmé mutieren? Und wie sehen die Figuren aus? Der Zeitungsblogger sucht Hinweise in den Texten auf Starwars-Chroniken, Epilog, Starwars-Union und im Star-Wars-Wiki. Und trotzdem ist er unsicher. Was muss er anziehen, um im Kino nicht ausgelacht zu werden? Möge die Macht mit mir sein, fleht er sternewärts – und hofft nun auf Anregung und Fotos von verkleidungsgeübten Star-Wars-Fans.