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Kein Handy zum Neujahr

Webflaneur am Freitag den 19. Dezember 2008

Es war vor knapp einem Jahr: Vom Münster und der Nydegg her schlug es Mitternacht. Und mit dem letzten Glockenschlag begann der grosse Jubel. Die Leute umarmten sich und prosteten sich zu. Auch der Webflaneur liess den Korken knallen. Er und seine Gefährtin stiessen aufs neue Jahr an, umarmten sich und wünschten sich alles Gute. Sie nippten am kühlen Champagner, liessen die Blicke über die Stadt schweifen, bestaunten die Feuerwerke. Zumindest er. Denn kaum waren die ersten Raketen detoniert, zückte sie schon das Handy und drückte trotz ihrer klammen Finger hektisch darauf herum. Sie schreibe eine Glückwunsch-SMS, sagte sie. Und dann schrieb sie eine zweite. Und noch eine. Bloss wenn sich ein Feuerwerkslichtblitz im Display spiegelte und der Webflaneur betont laut «Ohhhhh» rief, guckte sie kurz auf und erhaschte zumindest noch etwas Glimmer am Himmel. Der Webflaneur hätte die Champagnerflasche in einem Zug leeren oder wildfremden Leuten um den Hals fallen können – sie hätte sich beim Schreiben nicht weiter stören lassen. Er liess beides bleiben; der Champagner war ihm zu kalt, die johlenden Leute zu fremd. Stattdessen stand er bloss verlassen mitten in der Menschenmasse und sinnierte über diesen trostlosen Jahresbeginn. Er nippte am Champagner und schaute zu, wie die Raketen verpufften. Irgendwann schien sie trotz ihrer SMS-Vollbeschäftigung seinen Missmut zu bemerken. «Verschickst du keine Neujahrsglückwünsche?», fragte sie, was er wohl eher als Aufforderung hätte verstehen sollen, denn noch bevor er zur Antwort ansetzen konnte, war sie bereits wieder am Knöpfeln. So erklärte er halt nicht, dass er all die SMS bereits zu Hause am Computer vorbereitet hatte und dass sie in diesen Minuten verschickt würden.

Er schlug den Kragen hoch, sah den Rauchschwaden nach, welche die Feuerwerkskörper über der Stadt liegen gelassen hatten, suhlte sich im Selbstmitleid und wartete. Irgendwann in diesem Jahr, so nahm er sich vor, demonstriere er ihr, dass man Glückwunsch-Botschaften einfach vorbereiten und automatisiert verschicken lassen kann – für ein kleines Entgelt mit Webdiensten wie Ecall.ch, Smspower und Swissphone, alternativ mit einem Zusatzprogramm zu Outlook, wie es die Swisscom und Orange anbieten, oder sogar zusatzkostenlos auf Portalen einiger Internet-Zugangsanbieter wie Bluewin oder der Cablecom.

Irgendwann zeige er ihr, wie das funktioniere, hat sich der Webflaneur also spontan vorgenommen – damals an Neujahr vor fast einem Jahr. Mit dem vorliegenden Text ist nun auch diese Pendenz rechtzeitig abgearbeitet.

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