Logo

Kein Musikgehör

Webflaneur am Mittwoch den 26. März 2008

Manchmal ist der Webflaneur etwas pedantisch. Etwa jetzt: «Nein, nicht iPod», ruft er, als die Frau im Radio zum wiederholten Male von diesem Gerät  spricht, offenbar aber ein beliebiges «Digitalmusikwiedergabegerät» meint. Der Kollege verschluckt sich ob des lautstark geäusserten Unbills an den Apéronüsschen. Er hustet. Dann fragt er, was an den Worten der Radiofrau so falsch sei. Nicht jedes Digitalmusikwiedergabegerät sei ein iPod, sagt der Webflaneur. Apple sei Marktführer, aber nicht der einzige Gerätehersteller. «Eine Spitzfindigkeit», findet der Kollege. Schliesslich sei auch nicht jeder Staubsauger von Hoover und jedes Klebeband von Scotch. «Aber wer hats erfunden?», fragt er. Mit überlegenem Grinsen fügt er hinzu: «Apple.» Der Webflaneur schüttelt den Kopf. Nein, das erste tragbare MP3-Wiedergabegerät sei von der koreanischen Firma Saehan präsentiert worden, an der Messe Cebit vor zehn Jahren. Der MPMan F10 habe rund 500 Dollar gekostet und Platz für eine Stunde Musik geboten. Der Kollege gibt klein bei.

«Erstaunlich», kommentiert er, «in nur zehn Jahren sind die Dinger um die Welt.»  «Trotz allen Widerstands», fügt der Webflaneur an:  In den USA habe der Verband der Musikindustrie zunächst versucht, den Verkauf der ersten Musikplayer verbieten zu lassen, da diese das Raubkopieren förderten.  Der Musikplayer Rio wurde trotzdem zum Verkaufsschlager und zum Inbegriff für Digitalmusikwiedergabegeräte – bis Apple-Chef Steve Jobs im Jahr 2001 den ersten iPod aus dem Jeanssack zauberte. Zwar funktionierte das Gerät nur mit dem Programm iTunes, das es ausschliesslich für Macs gab. Das teure Gerät war aber chic und wurde bald zum begehrten Luxusartikel. «Seither brabbeln selbst Radioleute von ‹iPod›, wenn sie ‹Digitalmusikwiedergabegerät› meinen», sagt der Webflaneur.  Dieser Begriff sei aber etwas umständlich, wirft der Kollege ein.  «Wie wäre es mit ‹MP3-Player›?» Er habe lange gezögert, den Begriff zu verwenden, so der Webflaneur. Klar, die Geräte könnten das MP3-Format abspielen. Weil die Musikindustrie bloss Kopiergeschütztes verkaufen wolle, seien die Formate von Microsoft und Apple aber weit verbreitet. «Ich muss im richtigen Shop mit dem richtigen Format kaufen, um eine Datei auf meinem  MP3-Player abspielen zu können?», fragt der Kollege. Ja, die Plattenfirmen begännen erst allmählich zurückzukrebsen, sagt der Webflaneur. «Denn die Käufer haben kein Musikgehör mehr.» Kleine Verkäufer und Labels wie Finetunes, Emusic, Magnatunes, Jamendo und teils Exlibris verkauften längst ohne Kopierschutz. Nun würden auch die Majors Anstalten machen, Musik ohne Kopierschutz zu verkaufen – oft im guten alten MP3-Format.

« Zur Übersicht

Kommentarfunktion geschlossen.