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Der Kulturreport

Webflaneur am Freitag den 12. Oktober 2007

Screenshot Dailymotion.com 

Er scheint sich für einen grossen Reporter zu halten. Während vorne auf der Bühne der berühmte Schlagzeuger trommelt, fotografiert und filmt der Konzertbesucher, der in der Reihe vor dem Webflaneur sitzt, ununterbrochen. Der Webflaneur schüttelt den Kopf, denn eigentlich ist Filmen und Fotografieren an diesem Konzert explizit verboten. Noch in derselben Nacht werden die Bilder dann wohl auf Flickr.com, die Videos bei Youtube.com oder auf ähnlichen Plattformen zu sehen sein – oder vielleicht sogar in einem der ersten Kulturberichte auf der neuen Amateurnachrichten-Website Plebstv.com.

So sinniert der Webflaneur, während ihm aus der vorderen Reihe der Monitor der Kamera entgegenleuchtet. Als es von Mitte Balkon plötzlich blitzt, links hinter ihm im Parterre eine Kamera klickt und eine Frau rechts in der Reihe vor ihm das Handy zückt, um mitten im schaurig-schönen Sopransaxsolo mit lautem Klicken zwei Fotos zu knipsen, droht dem Webflaneur der Geduldsfaden zu reissen. Allzu gerne hätte er den Leuten die Leviten gelesen. Hört mit dem Knipsen auf! Dort vorne spielt einer der besten Schlagzeuger, begleitet von talentierten Musikern. Geniesst es! Überlasst die Berichterstattung den Profis! Oder akkreditiert euch, wie jeder andere Journalist auch – wenn ihr könnt! Doch der Webflaneur schluckt seinen Ärger herunter. Er schaut geflissentlich über die im Dunkeln glimmenden Monitore hinweg dem Schlagzeuger beim Spielen zu.

Zwei Tage später surft der Webflaneur dem Konzert des kleinen grossen Schlagzeugers nach. Er entdeckt einige Blog-Einträge mit Konzertkritiken, ohne selbst geschossene Bilder. Auf einer Videoplattform findet er schliesslich ein kurzes Wackelvideo vom Konzert. Online gestellt hat es eine Frau. Der Typ in der Reihe vor dem Webflaneur hingegen scheint fürs eigene Album geknipst und gefilmt zu haben. Dieser Egoist!

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