Logo

In die Röhre gucken

Webflaneur am Mittwoch den 20. September 2006

Screenshot Youtube.com

Der Sportsfreund fällt aus allen Wolken. «Du hast keinen Fernseher?», ruft er entgeistert aus. Er könne sich ein Leben ohne gar nicht vorstellen. «Es geht gut ohne», kontert der Webflaneur, die Flimmerkiste fehle ihm kaum. Im Übrigen wisse er nicht, wo er die Zeit fürs Glotzen hernehmen sollte. Es reiche, dass er allzu oft im Internet verhänge. Zumindest die Tagesschau müsse er sich doch ansehen, insistiert der Sportsfreund. Mit dem «Echo» und einer Zeitung sei er besser bedient, hält der Webflaneur entgegen, und ab und zu der Tages- oder Rundschau, dem Kassensturz oder dem MTW im Netz. «Ruckeliges Briefmarkenkino am Bürotisch», schnödet der Sportsfreund. Der Webflaneur gibt klein bei.

Einige Tage später bei einem Abendessen: Kollege Blogger schwärmt von einer TV-Serie. Die Tischrunde plaudert über Serien, Soaps und Stars. Der Webflaneur hält sich wohlweislich zurück – bis plötzlich einer fragt, auf welche Soap er denn stehe. Er könne da nicht so mithalten, nuschelt dieser, denn er habe eben leider kein Fernsehgerät zuhause. «Ach, ich habe auch keines», sagt Kollege Blogger. Er gucke am Computer. «Per Adsl.tv, Netstream.com oder Zattoo.com?», fragt der Webflaneur. Nein, antwortet Kollege Blogger, er benutze den Democracy-Player. Wieder zuhause, probiert der Webflaneur den Player aus. Er abonniert sich die ARD- und ZDF-Nachrichten sowie jene der CNN. Und er schmökert in den Soaps im Kanal-Guide.

«Noch immer keinen Fernseher?», ruft der Sportsfreund aus, als er das nächste Mal in die Stube stolpert. Doch die Tirade gegen «die Kurzsichtigkeit der Fernsehverweigerer» bleibt ihm im Hals stecken: Der Webflaneur schaut fern, vor dem PC zwar, aber er schaut fern. Es sei faszinierend, was bei Youtube und ähnlichen Sites abgehe, sagt er, während er kurz aufschaut – bei Google und Yahoo! Video, Revver und neu Soapbox. Das hätten nun auch die Sendeanstalten gemerkt. Medienmogul Murdoch mache mit My Network TV einen Sender nach dem My-Space-Prinzip, mit Online-Castings für Schauspieler und so. Und NBC lanciere TV 360 mit interaktiven Gameshows. «Hey, kennst du Lonelygirl15», fragt er. Kollegen hätten von ihr gesprochen, sagt der Sportsfreund, und will wissen, in welcher Sendung das einsame Mädchen auftrete. «In keiner», sagt der Webflaneur, «beziehungsweise in der eigenen auf Youtube». Aber egal: Das Videotagebuch sei nun eh als fingiert enttarnt worden. Die Produzenten dahinter hätten aber den Trend erkannt: Heute glotze man nicht nur. Heute stelle man eigene Videos online. «Ich übrigens auch», sagt der Webflaneur und deutet auf die Kamera in der Ecke. «Lächle, nun guckst du in die Röhre.» Den Schalk in den Augen des Webflaneurs kann man von fern sehen.

« Zur Übersicht

Kommentarfunktion geschlossen.