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Lesen und schreiben

Webflaneur am Mittwoch den 8. Februar 2006

Audacity

Sie spricht, als sei sie sein schlechtes Gewissen. Ob er denn Zeit für solche Scherze habe, stichelt sie. Und kopfschüttelnd fragt sie, was «die Übung» denn bringe. Wohin das Projekt Podcast führe, wisse er noch nicht, kontert der Berner Zeitungsblogger – und bereut bereits, ihr vorher die Geschichte erzählt zu haben: Vor 14 Tagen habe er einen Podcast angekündigt, hat er ihr erzählt, das «Weblog» als Tondatei zum Herunterladen. «Versprochen ist versprochen», habe er sich gesagt, ein Studio gemietet, gelesen und sich natürlich x-mal versprochen. Er habe repetiert und experimentiert, bis er heiser und die Studiozeit um war. Zu Hause habe er die Aufnahme mit dem Gratis-Programm Audacity zurecht geschnipselt.

Zugegeben: Das Projekt habe viel Zeit in Anspruch genommen. «Aber eben: Versprochen ist versprochen», hält er dem schlechten Gewissen vis-à-vis fast trotzig entgegen. Und was der Zeitungsblogger in die Zeitung blogge, ziehe er durch. Im Übrigen gehöre es heute zum guten Ton, Kolumnen vorzulesen. Fact sei: Linus Reichlin mache das. Van Huisseling versuche Gelesenes sogar auf CD zu verkaufen. «Wer in aller Welt bezahlt Schreiber fürs Lesen?», wirft sie schnippisch ein. Das frage er sich auch, sagt der Zeitungsblogger. Die Weltwoche tue gut daran, die paar Artikel, die sie als Tondatei anbietet, von Profis lesen zu lassen. Aber für solches fehle ihm das Budget. Und im Übrigen mache ein richtiger Blogger eh alles selbst.

Doch sie lässt ihm keine Ruhe. Ob er sich nicht besser den akademischen Schreibereien widmete, fragt sie. Doch, gesteht der Zeitungsblogger ein. Demnächst beginne er mit den Vorarbeiten: Er werde sich eine Dokumentenvorlage für die Textverarbeitung basteln – mit den richtigen Seitenköpfen, Schriften und einer Titelhierarchie. Nebenbei: Diese Arbeit könne er beim Vorlagen-Wettbewerb von Openoffice.org einreichen. Das schlechte Gewissen schüttelt den Kopf. «Komm schon», sagt sie, «such dir keine neuen Projekte, leg los». Und dann tischt sie nochmals die alte Geschichte vom Französischlehrer auf, der den eigenhändig programmierten Vokabeltrainer zwar gelobt, dem Schüler aber dringend auch das Vokabel-Lernen ans Herz gelegt hat. Es sei fast wie früher, seufzt der Zeitungsblogger und schaut sein schlechtes Gewissen mit grossen Augen an. Bloss werde er für seinen Podcast nicht gelobt.

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