Mein Bauch hat immer recht

Sie denken, eine gesunde Ernährung geht nur mit Verboten? Intuitives Essen setzt stattdessen auf eine bessere Körperwahrnehmung. Ein Selbstversuch.

Kein Grund für ein schlechtes Gewissen: Wer auf seinen Körper hört, darf sich ruhig auch mal etwas Kalorienreiches gönnen. Foto: iStock

Einige der Kommentare zu meinem letzten Beitrag über intuitives Essen liessen mich schmunzeln. Zum Beispiel jener von Sonia, die schrieb: «Bei mir sagt der Bauch nur Pizza …» Und Hansli doppelte nach: «Bei mir ist es dasselbe. Mein Bauch würde den Morgen mit einem ‹Pain au chocolat› beginnen.» Ich bin sicher, dass ich mich mit Sonia und Hansli bestens verstehen würde, sässen wir zusammen beim Znacht vor Pizza und Tiramisu.

Doch keine Sorge. Ich bin sicher, dass für Sonia, Hansli und auch für mich diese kleinen «Ess-Eskapaden» nicht Alltag sind. Und wer verbietet uns eigentlich, unsere Lieblingsessen geniessen zu dürfen? Ganz zu schweigen vom leckeren «Pain au chocolat» am Morgen? Auch dieses gehört, jedenfalls hin und wieder, zusammen mit einem kräftigen «Café au lait», zu meinem Frühstücksrepertoire. Nein, nicht jeden Morgen. Manchmal mag ich lieber ein Fruchtjoghurt. Wie ich das merke? An meinem Bauchgefühl!

Keine guten und bösen Lebensmittel

Auf diesem Konzept beruht auch das intuitive Essen (IE). Hier existieren keine Gebote und Verbote, auf denen die meisten Diäten oder Ernährungsmethoden basieren. Und es geht auch nicht um die vielzitierte «gesunde Ernährung». Das Ziel des IE ist es, dass wir die Signale unseres Körpers richtig deuten – und Lebensmittel nicht in Gut und Böse aufteilen. Denn das ist der beste Weg, um ein ungesundes Essverhalten zu entwickeln.

Ja, wir schaffen es vielleicht, mit einer selbst auferlegten Disziplin, auf «ungesunde Leidenschaften» zu verzichten. Aber irgendwann packt uns die Gier, und wir essen nicht nur ein Stück Kuchen oder eine Portion Spaghetti, sondern deren zwei. Denn wenn wir «schwach» geworden sind, spielt es ja auch keine Rolle mehr. Dass wir dann den Nachschlag gar nicht mehr richtig geniessen, nehmen wir nicht mehr wahr. Oder wollen es nicht.

(Jetzt habe ich übrigens gerade ein kleines Hüngerchen entwickelt. Ich muss jetzt eine kleine Pause machen und ein Madeleine geniessen. Ich liebe diese französische Spezialität!)

Nicht so viel über das Essen nachdenken müssen

Was wäre also, wenn wir alles essen könnten, was wir mögen, was wir vertragen und was uns guttut? Und, wenn wir statt auf irgendwelche Gebote von Ernährungsgurus nur auf unsere eigenen körperlichen Signale achten würden? Wenn wir körperlichen Hunger klar von Appetit und Gluscht unterscheiden könnten, und nicht so viel über das Essen nachdenken müssten? Und warum ist es so schwierig, diese Signale nicht nur wahrzunehmen, sondern auch nach ihnen zu handeln?


Ernährungsmedizinerin Mareike Awe über den Umgang mit Süssigkeiten. Video: Youtube

Ich bin nicht dick und nicht dünn und versuche, mich ausgewogen zu ernähren. Eine Schwäche habe ich allerdings: Süsses! Und hier versagt meine Intuition sehr oft, ganz im Gegenteil zu meinem übrigen Essverhalten. In letzter Zeit stresst mich das konstante Auf und Ab meines Blutzuckers sehr. Ja, der schnelle Kick tut gut. Doch die Energie, die mir Süsses verleiht, ist leider schnell verpufft. Und danach fühle ich mich müde und lustlos. Ich habe so ziemlich jede Methode ausprobiert, um mir meinen süssen Zahn selber zu ziehen – und das war teilweise tough. So habe ich zwölf Monate völlig auf weissen Zucker verzichtet. Allerdings war diese Tortur nicht nachhaltig. Das erste Stück Schokolade schmeckte unangenehm süss, schon das zweite jedoch wieder genau richtig.

Mein Selbsttest mit dem intuitiven Essen

Auf Instagram bin ich auf das Online-Programm Intueat der 27-jährigen deutschen Ernährungsmedizinerin Mareike Awe gestossen. (Mehr dazu finden Sie in meinem letzten Blogbeitrag zum Thema intuitives Essen.)

Awe, die für ihr 10-wöchiges Programm beim Ideenwettbewerb der Universität Düsseldorf ausgezeichnet wurde, setzt auf das Unterbewusstsein. Dieses soll helfen, eigene Körpersignale wie Hunger und Sättigung wieder wahrzunehmen. Gelingen soll das Ganze, da diese Prozesse nicht über unsere Vernunft gesteuert werden. Das wichtigste Element sind die Audioübungen. Diese sollte man täglich während mindestens 20 Minuten in einem entspannten Zustand anhören. Auf diese Weise sei es möglich, neue positive Glaubenssätze im Unterbewusstsein zu verankern.

Nachdem ich das Programm gekauft hatte (ca. 300 Franken für 10 Wochen),  habe ich mich an folgende vier Punkte gehalten:

  • Ich habe nur dann gegessen, wenn ich mindestens ein leichtes Hungergefühl verspürte, und nicht bei jedem «Gluscht».
  • Ich habe nur gegessen, was mir schmeckt und was ich gut vertrage.
  • Ich habe darauf geachtet, bewusst zu essen. Nicht vor dem Laptop, nicht vor dem Fernseher oder während dem Lesen.
  • Ich habe mein Esstempo gebremst, gut gekaut und das Essen genossen. Ja, auch das süsse. Und dies ohne jegliches schlechtes Gewissen.

Mein Fazit

Ich kann das Intueat-Programm vor allem für «Diätgeschädigte» empfehlen, die mit ihrem Körper in einem steten Kampf sind oder ungesunden Idealen nachstreben. Das Beste am Intueat-Programm waren die von Mareike Awe selbst gesprochenen Audios. Sie versetzten mich jeweils in eine leichte und sehr angenehme Trance. So war es mir möglich, neue und positive Glaubenssätze im Unterbewusstsein zu verankern. Natürlich geht es in den Audios nicht nur darum, eigenes Essverhalten zu korrigieren. Sondern auch darum, wie wir den eigenen Körper wahrnehmen, ihn kritisieren, um negative Denkmuster oder auch um alte Verletzungen. Kein Wunder, dass der Grossteil der 20’000 Menschen, die das Programm in den letzten vier Jahren absolviert haben, Frauen sind.

Meine Lust auf Süsses ist auch noch vier Wochen nach Abschluss ziemlich entspannt. Bevor ich zur zweiten Praline greife, frage ich mich automatisch: «Brauchst du das wirklich?» Öfter als früher sage ich: «Nein.» Und dieses Nein ist nicht die Folge meiner Disziplin oder eines Verbotes, sondern beruht auf meinem Bauchgefühl, das mir mitteilt, dass meine Lust gestillt ist. Und genau so sollte die intuitive Ernährung funktionieren.

Kurz: Seit ich weniger Süssigkeiten esse, fühle ich mich energetischer und bin weniger müde. Im Gegensatz zu vielen Absolventen des Programms habe ich praktisch kein Gewicht verloren. Aber das war ja auch nicht mein wichtigster Grund, daran teilzunehmen. Wie nachhaltig das Ganze ist, wird sich zeigen. «Ich kann den Absolventen nur die Skills geben, es liegt an ihnen, was sie daraus machen», sagt auch Mareike Awe. «Haben Sie ihren süssen Zahn behalten?», fragte sie mich beim Interview für meinen letzten Beitrag zum Thema, kurz nachdem ich das Programm abgeschlossen hatte.

Ich denke schon. Und bei 32 Zähnen in meinem Mund darf der eine zuckersüsse auch bleiben.

4 Kommentare zu «Mein Bauch hat immer recht»

  • Ralf Schrader sagt:

    ‚Sie denken, eine gesunde Ernährung geht nur mit Verboten?‘

    Es gibt nur antipathogene, aber keine gesunde Ernährung. Ernährung gehört in den Formenkreis Medizin, nicht den Gesundheit.

  • Esther sagt:

    Intuitiv sagt mein Bauch stets „Pizza“ er kennt kein anderes Wort !
    So kann ich mich nicht auf meine Intuition verlassen, auf mein Bauchgefühl.
    Ich muss mir also selbst smoothies machen mit Gemüse und Obst, sonst ausser ein wenig Fleisch und manchmal tiefgefrorenes Gemüse hätte mein Körper nichts anderes ! Dies seit meine Tochter nicht mehr zuhause lebt und ich so keine grosse motivation mehr habe um zu kochen. Allerdings : die Pizza machen ich selber und Bio ! Fein ! Yes !

  • Anita sagt:

    Nach Ihrem ersten Artikel habe ich mich ebenfalls angemeldet. Ich kann dieses Programm sehr empfehlen, weil es sich eigentlich nicht um eine weitere Methode zum Abnehmen handelt, sondern (zumindest verstehe ich das so) um einen Weg, mich davon zu befreien, ständig übers Essen nachzudenken. Vertrauen statt Kontrolle – und schliesslich ein entspanntes, liebevolles Verhältnis zu mir selbst. Dass damit auch Kilos purzeln können (wenn dies vom Körper so gewollt ist), ist letztlich ein Nebeneffekt, der auf einmal nicht mehr wichtig ist.

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