«Wir müssen lernen, mit neuen Viren zu leben»

Einige Menschen gehen zu leichtfertig mit den Corona-Lockerungen um, sagt der Arzt Phillip Katumba. Und erzählt, was zählt, wenn es wieder kälter wird.

Auch bei der saisonalen Grippe sollten wir stärker auf die Hygiene achten: Hände desinfizieren wird auch künftig zum Alltag gehören. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Der Arzt Phillip Katumba ist – und war vor allem in den letzten drei Monaten der Corona-Krise – ein vielbeschäftigter Mann. Als Leiter einer Gemeinschaftspraxis in Zürich arbeitete er überdurchschnittlich viel. Privat war der alleinerziehende Vater dreier Kinder im Alter von 8, 15 und 18 Jahren mit der Betreuung und Organisation des familiären Alltags gefordert. So musste das geplante Interview mehrfach verschoben werden. Das letzte Mal, weil ein Patient mit Corona-Verdachtssymptomen sofort abgeklärt werden musste. Wenig später klappte es mit dem Gespräch dann doch noch.

Herr Katumba, wissen Sie schon, ob sich der Verdacht auf Corona bei Ihrem Patienten bewahrheitet hat?
Nein, wir warten noch auf die Resultate.

Der Bund gibt derzeit laufend neue Lockerungen bekannt. Spüren Sie dies auch in Ihrer Praxis?
Ja, tendenziell ist es ruhiger geworden. Aber aktuell zeigen sich auch vereinzelt neue Verdachtsfälle. Ich glaube, es gibt Menschen, die meinen, der Alltag sei wieder wie früher. Darum gehen sie teilweise zu leichtsinnig mit den gelockerten Massnahmen um.

Wie haben Sie die Corona-Krise bis jetzt erlebt?
Die letzten drei Monate waren für mich eine sehr anspruchsvolle und bewegte Zeit, beruflich wie privat. Als Arzt musste ich gewisse Prozesse und neue Abläufe schnell umsetzen. Gleichzeitig wollte ich für mich als Arzt Prioritäten setzen und mich positionieren. Es herrschte ja anfänglich eine grosse Verunsicherung, was das Virus betraf. Meine Aufgabe bestand auch darin, die neue Triage aufzubauen, damit ich meinen Patienten und meinem Team eine Sicherheit mit klaren neuen Richtlinien vermitteln konnte.

Phillip Katumba, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin und ärztlicher Leiter des Sihlmed-Zentrums in Zürich.

Wie haben Sie das geschafft? Nicht nur die Bevölkerung, auch Gesundheitsprofis waren ob der Vielzahl von Informationen verunsichert und teilweise auch überfordert.
Da ich an der Front arbeite, stützte ich mich in erster Linie auf harte Fakten. Also auf tägliche Case-Studien und wissenschaftliche Untersuchungen. Mich interessierten neue Infektionszahlen nicht sehr, da bald einmal klar wurde, dass das Virus bei einem grossen Teil der Erkrankten einen milden Verlauf nahm. Aufgrund der persönlichen Krankheitsverläufe meiner Patienten, der aktuellen Todesfallstatistik des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), der Auslastung der Spitäler und vor allem der Intensivstationen konnte ich mir über die unterschiedlichen Krankheitsverläufe und möglichen Behandlungsmethoden bei Schwererkrankten ein Bild machen.

Als Patientin mit normalen Grippesymptomen wäre ich für Sie nicht spannend gewesen?
Wären Sie eine Risikopatientin gewesen, hätte ich direkt einen Sars-CoV-2-Abstrich bei Ihnen durchgeführt. Dies, weil sich die neue Viruserkrankung im Anfangsstadium mit ihren Symptomen nicht gross von einer normalen Grippe unterscheidet. Doch im schlimmsten Fall kann sie innerhalb von 14 Tagen zum Tod führen.

Wie haben Sie den Spagat zwischen Familienbetreuung und Ihrem Beruf geschafft? Normalerweise ist das ja eher ein Problem für die Frauen.
Es war schon eine harte Zeit. Ohne die Solidarität und Hilfe meines persönlichen Umfeldes hätte ich das nie schaffen können. Das Positive daran ist, dass ich gemerkt habe, dass auch plötzlich auftretende Krisen gut zu bewältigen sind.

Der Alltag scheint für viele Schweizer schon wieder so wie vor Corona: Bummeln an der Zürcher Bahnhofstrasse (16. Mai 2020). Foto: Urs Jaudas

Selten wurden mehr Hände gewaschen, wurde mehr desinfiziert und mehr auf Sauberkeit geachtet als heute. Dazu kommt das Maskentragen. Wird unser Immunsystem durch zu viel Hygiene geschwächt?
Nein, zu viel Hygiene schwächt das Immunsystem nicht. Eine absolut sterile Umgebung gibt es in unserem Alltag ja nicht. Falls es sie gäbe, wäre sie für den Aufbau des Immunsystems sicherlich nicht förderlich. Es gibt ja nicht nur schlechte Keime. So ist beispielsweise die Zusammensetzung des Mikrobioms des Menschen, also die Gesamtmenge von Bakterien in unserem Darm, auf unserer Haut und den Schleimhäuten sehr wertvoll, wenn es darum geht, unser Immunsystem aufzubauen und uns vor schädlichen Einflüssen zu schützen. Forscher haben nun herausgefunden, dass durch das Mikrobiom unser Immunsystem schneller auf Krankheitserreger reagiert. Was natürlich ein positiver Aspekt ist.

Weiss man aus heutiger Sicht, ob ein starkes Immunsystem gegen Viren wie Corona schützen kann?
Das ist momentan unklar. Denn wir haben es ja mit einem unbekannten Virus zu tun. Dabei handelt es sich um eine erworbene Erkrankung mit unterschiedlichen Reaktionen des Immunsystems. Und da unser Körper diesen Erreger nicht kennt, kann er überreagieren.

Was macht das Virus so unberechenbar?
Das Virus gelangt über die Lunge ins Innere des Körpers und dockt sich über das Enzym ACE2 an den Atemwegszellen an. Dieses Enzym findet sich auch in den Blutgefässwänden von Herz, Niere und Darm und gelangt danach in verschiedene Organe. Dies führt zu Entzündungen der Gefässwände und zu einer Verstopfung dieser Blutgefässe. Was im schlimmsten Fall zu einer Sepsis mit einem akuten Lungenversagen und zu einem tödlichen Schock führen kann.

Vor allem im Winter ist viel vom Nutzen eines starken Immunsystems für die Abwehr schädlicher Erreger die Rede. Ist es bei warmen Temperaturen weniger gefordert?
Die Frage ist nicht, ob es mehr gefordert ist, sondern wann es anfälliger ist. Und das ist eher im Winter der Fall, da gewisse virale Erreger durch die Kälte und ausgetrocknete Schleimhäute der Lunge schneller eintreten und sich verbreiten können.

«Gewisse Bedenken habe ich allerdings, wenn es wieder kälter wird.»

Wie merken wir, dass mit unserem Immunsystem etwas nicht stimmt?
Einerseits sind Allergien ein Zeichen dafür. Aber gehäuft, auch sich wiederholende Infekte. Und generell atypische Krankheitsverläufe bei Infektionen.

Was macht unser Immunsystem stark?
Eine saisongerechte, ausgewogene Ernährung, Bewegung in der Natur und so wenig belastender Stress wie möglich. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Menschen mit einem Burn-out oder anderen mentalen Problemen oft ein geschwächtes Immunsystem haben. In den letzten Jahren wurde immer klarer, dass ein gesundes Immunsystem nicht nur für körperliche Vorgänge lebenswichtig ist, sondern auch für unsere mentale Gesundheit.

Wie beurteilen Sie die nächsten Wochen und Monate bezüglich Corona?
Ich bin zuversichtlich. Gewisse Bedenken habe ich allerdings, wenn es wieder kälter wird. Es gibt Anzeichen dafür, dass das Virus dann eine stärkere Verbreitung findet. Das zeigt sich auch darin, dass zurzeit trotz vermehrter Kontakte die Infektionsrate in der Schweiz rückläufig ist.

Haben Sie ein Learning bezüglich der letzten Monate?
Wir leben in einem Dichtestress und sind gleichzeitig hypermobil. So verbreiten sich auch bei uns bis anhin unbekannte Viren. Wir müssen lernen, mit neuen Infektionskrankheiten zu leben. Aber auch bei der saisonalen Grippe sollten wir stärker auf die Hygiene achten. Persönlich werde ich sicher vermehrt Ferien in der Schweiz machen.