Mein 10-Punkte-Plan

Wie kann man den Alltag während der Corona-Krise besser organisieren? Unsere Autorin hats mit Disziplin und Struktur versucht. Nun zieht sie Bilanz.

Das hilft: Eine Frau beim Spaziergang mit ihrem Hund. Foto: iStock

Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle geschrieben, wie ich den Lockdown mit einem gewissen Mass an Disziplin, Optimismus und Struktur überstehen möchte. Dies, weil ich bereits am Anfang des verordneten «Stay at home» gemerkt hatte, dass ich zum «Rumgammeln» neige. In den ersten Corona-Tagen war es zwar noch angenehm, bis am Mittag zu schlafen, nicht zu festen Zeiten zu essen – ausser am Abend, wenn mein Mann jeweils kocht – und bereits am Nachmittag mit Netflix-Schauen zu beginnen.

Doch es dauerte nicht lange, da mochte ich dieses Laissez-faire-Leben nicht mehr. Normalerweise bin ich in meinem Beruf viel unterwegs und pflege einen grossen Kollegen- und Freundschaftskreis. Schnell stellte sich ein ähnlich mulmiges Gefühl ein wie damals, als ich meinen Job kündigte, um mir eine dreimonatige Auszeit zu nehmen und mir erst danach eine neue Beschäftigung zu suchen. Es dauerte damals nicht lange, und ich wurde kribbelig. Gleichzeitig wuchs auch eine gewisse Existenzangst. Zwar hatte ich etwas Geld beiseitegelegt, damit ich mir ein wenig Zeit lassen konnte. Aber ich hatte mein Sicherheitsbedürfnis unterschätzt und konnte die freie Zeit nicht wirklich geniessen. Das gelang mir erst wieder, nachdem ich während der Auszeit auf Jobsuche gegangen war, die glücklicherweise schnell erfolgreich war.

Seither sind 15 Jahre vergangen, und ich bin 15 Jahre älter geworden. Mein Sicherheitsbedürfnis ist stärker denn je. Und das in einer Zeit, in der es der Medienbranche schlecht geht. So hat Corona zur Folge, dass auch Journalisten auf Kurzarbeit gesetzt sind. Die Erscheinung meines neuen Buches, das im Mai geplant war, ist auf September verschoben. Und auch andere Projekte liegen auf Eis.

Eine Oase für neue Energie: Die eigene kleine Terrasse. Foto: Privat

Um das unangenehme Gefühl des Ausgeliefertseins zu minimieren, beschloss ich darum, meinen Alltag mithilfe eines 10-Punkte-Plans besser zu organisieren. Doch das Schicksal machte mir einen Strich durch die Rechnung, als kurz nacheinander zwei geliebte Menschen aus meinem engsten Umfeld starben. Nicht nur das Leben ist in Corona-Zeiten schwierig, auch das Sterben.

Aber während den dunklen Tagen der Trauerzeit spürte ich, dass ich meinen Plan nicht aufgeben durfte. Ich brauchte ein gewisses Mass an Disziplin und Struktur.

Der Zwischenstand in meinem 10-Punkte-Plan

Teil des Plans: Nicht mit dem Pyjama ins Homeoffice. Foto: iStock

1. Kein Pyjama oder Trainer tagsüber (ausser am Wochenende)

Das Resultat: Wenn Leggings und T-Shirt als Arbeitskleider gelten: ja. Auch die tägliche Dusche, das minimale Make-up und die Haarpflege habe ich geschafft. Ich habe nicht nur mir selber die Haare geschnitten, sondern auch jene meines Mannes. Letzteres mit bescheidenem Erfolg.

2. Täglich zweimal eine halbe Stunde draussen flott Spazierengehen

Das Resultat: Spazierengehen: ja. Flott: weniger. Ich passe mich dem Tempo meiner beiden Senioren-Hunde an. Da ich aber sehr viel mehr Hausarbeit erledige als sonst, habe ich unter dem Strich doch mehr Bewegung.

3. Einmal pro Stunde die News abrufen genügt

Das Resultat: Fehlanzeige. Muss eine Berufskrankheit sein.

Schlechte Nachrichten: Eine gewisse Newsdiät war auch ein Punkt auf dem Plan. Foto: iStock

4. Mindestens einmal am Tag ein Austausch mit Freundinnen und Arbeitskollegen

Das Resultat: Täglicher Austausch: ja. Aber nicht, wie ich mir vorgenommen hatte, über Facetime und andere Plattformen. Vor allem in der Zeit, als es mir psychisch schlecht ging, merkte ich, dass mir dieser Kontakt zu nah war und ich lieber Nachrichten schrieb, als mich persönlich auszutauschen. Was mir allerdings guttat, war, an Ostern kleine Geschenke bei Familienmitgliedern zu deponieren und einen kleinen Schwatz über den Balkon zu halten. Und gefreut habe ich mich über einen überraschenden Besuch einer engen Freundin und ihrer Töchter. Obwohl uns zwei Meter trennten und das Wiedersehen im Flur respektive unter der Haustüre stattfand, tat es mir sehr gut.

5. Drei tägliche Mahlzeiten, inkl. Gemüse und Früchte. Das Naschen auf ein Minimum begrenzen

Das Resultat: Teilerfolg. Wenn mein Mann jeweils am Abend und am Wochenende kocht, dann immer ausgewogen und gut. Den Rest des Tages esse ich das, worauf ich Lust habe. Und Süsses steht hoch im Kurs.

6. Neue, kreative Ideen sammeln, die sich eventuell auch beruflich umsetzen lassen

Das Resultat: Die anfängliche Motivation verflüchtigte sich schnell. Ein Geschäftsmeeting per Zoom über ein neues Projekt war nicht befriedigend.

7. Meinen Arbeitsplatz so zweckmässig organisieren, dass ich ihn auch nutze

Fail. Er ist genauso chaotisch wie vor Corona.

8. Beim gemeinsamen Abendessen mit der Familie über andere Themen als Corona sprechen

Das Resultat: Ja, aber leider waren diese Themen noch belastender als Corona. Zum Beispiel das Erörtern der Frage, wie man unter den schwierigen Verhältnissen eine Beisetzung organisiert und durchführt.

Ausgewogenes Essen – und beim gemeinsamen Verzehren keine Corona-Diskussionen: Ein Mann beim Gemüseschneiden. Foto: iStock

9. Immer wieder Vorfreude entwickeln auf die Zeit nach der Krise

Ich versuche es. Ehrlich.

10. Dankbar sein, dass ich und meine Familie gesund sind.

Das Resultat: Ja!!

Was mir besonders guttut in dieser Zeit:

  • Genug schlafen. Meine Schlafdauer liegt bei durchschnittlich neun Stunden. Ich weiss, dass das ziemlich lang ist, aber seit ich ein Kind bin, hilft mir in schwierigen Zeiten die Flucht in den Schlaf.
  • Alle zwei bis drei Tage fahre ich am frühen Nachmittag zum gleichen Supermarkt. Und benutze, wenn er frei ist, immer den gleichen Parkplatz in der Tiefgarage (Nr. 31). Ein kleines Ritual, das mir ein Gefühl von Normalität gibt.
  • Köstlichkeiten aus meiner Lieblingsconfiserie. Am Wochenende Blumen vom Onlineshop. Wohlriechende Body- und Handcremen sind ein wichtiger kleiner Luxus in dieser Zeit.
  • Spaziergänge in der Natur und die Zeit, die ich mit Gärtnern auf unserer Terrasse verbringe.
  • Seit einigen Wochen beschäftige ich mich mit Themen, für die ich in meinem normalen Alltag sonst keine Zeit habe. Diese reichen von moderner Malerei über Geschichtliches bis zu meiner besonderen Leidenschaft für «Real Crime». Ich lese viel und schaue gerne Dokumentarfilme.
  • Die Nähe meines Mannes und meiner beiden Hunde, Louis und Millie, hilft mir, mit der Distanz zu meinen Freunden und Kollegen besser zurechtzukommen.