Saisonale Depression? Ab unters Licht!

Junge Städter leiden besonders unter Lichtmangel. Was Handys damit zu tun haben – und was gegen den Winterblues hilft.

Winterdepressionen sind im Anmarsch. Doch es gibt einfache Abhilfe. Foto: iStock

Dass sehr helles Licht einen positiven Einfluss auf die Psyche haben kann, habe ich bereits vor einigen Jahren gemerkt. Und zwar zu einer Zeit, als ein möglicher Zusammenhang von Lichtarmut und depressiven Beschwerden noch nicht so gut erforscht war wie heute. Ich ging damals regelmässig zu einer Kosmetikerin, die unter einer gleissend hellen Lampe Hautunreinheiten den Garaus machte. Erfahrungsgemäss ein nicht gerade angenehmer Prozess.

Seltsamerweise spürte ich während der Behandlung fast keine Schmerzen. Sogar das Gegenteil war der Fall: Je länger ich das Licht auf meinem Gesicht spürte, desto besser fühlte ich mich. Natürlich kann man diese positive Erfahrung nicht mit einer therapeutischen Lichtbehandlung vergleichen. Aber sie bewies bereits im Ansatz, wie eng helles Licht und Wohlbefinden zusammenhängen können.

Nicht jedes winterliche Stimmungstief ist krankhaft

«Heute gehören medizinische Lichttherapiegeräte zum Standard, wenn es darum geht, Menschen mit einer Saisonalen Depression (SAD) zu behandeln», sagt Josef Hättenschwiler, Chefarzt des Zentrums für Angst- und Depressionsbehandlung (ZADZ). Die Saisonale Depression, heute auch Saisonal abhängige Störung (SAD) genannt, unterscheidet sich von einer klassischen Depression darin, dass sie nur in gewissen Jahreszeiten vorkommt. Hauptsächlich in den dunklen und kalten Wintermonaten. Während bei anderen Depressionsformen oft der Appetit abnimmt und Schlafstörungen auftreten können, haben Patienten mit SAD oft Heisshunger nach Kohlenhydraten, oder sie verkriechen sich gern auch tagsüber ins kuschlige Bett. (Mehr dazu im Blog «Gute Laune trotz Lichtmangel».)

Nun ist es aber längst nicht so, dass jeder, der wegen der Dunkelheit aktuell über schlechte Laune klagt, eine Saisonale Depression entwickelt hat. Manche Menschen mögen den Sommer und die warmen Tage einfach viel lieber. «Ungefähr 10 Prozent leiden im Winter unter seelischen Verstimmungen, die sich aber auch schnell wieder bessern können. Dann nämlich, wenn man zum Beispiel unter der Wintersonne in der Bergen Sport treibt oder bei strahlendem Sonnenschein einen ausgiebigen Spaziergang macht», erklärt Hättenschwiler. «Eine Saisonale Depression wird nur etwa bei 2 Prozent der Patienten diagnostiziert. Voraussetzung ist, dass mindestens zwei depressive Phasen im Herbst und Winter aufgetreten sind, die sich im Frühjahr spontan verbessern.»

Vor allem junge urbane Erwachsene betroffen

Saisonale Depressionen gab es schon immer. Warum sie heute häufiger vorkommen, kann mit unserem veränderten Alltag und auch neuen Lebensgewohnheiten zusammenhängen. Und nicht zuletzt mit der Tatsache, dass viele Menschen im Winter sehr wenig Zeit draussen verbringen. Der Begriff der Biologischen Dunkelheit wird darum immer öfter genannt, wenn es um schlechten Schlaf und seine Folgen geht, die sich unter anderem in Müdigkeit, Gereiztheit und Unkonzentriertheit bemerkbar machen können.

Da sollten junge Städter öfter hin: Ab in den Wald! Foto: iStock

Die grosse Relevanz des Themas zeigte sich auch an der Jahrestagung der Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) Anfang November. Hier wurde auf die Veränderungen beim Schlaf von jungen Menschen hingewiesen, der wegen mangelnden Tageslichts jenem von depressiven Patienten ähnele. Die Ergebnisse verschiedener Studien weisen darauf hin, dass junge Erwachsene in einer städtischen Umgebung im Winter zu geringen Beleuchtungsstärken ausgesetzt sind und darum diese Symptome entwickeln können.

Nun könnte man einwenden: Das stimmt doch nicht! Vor allem in städtischen Gebieten wird es doch nie richtig dunkel. Egal ob auf der Strasse, beim Ausgehen, im Warenhaus, bei Autofahrten oder natürlich auch zu Hause, wenn wir vor dem Fernseher oder dem Laptop sitzen, werden wir durch blaues Licht «erleuchtet».

Blaulicht ist Stress für die Augen

Aber, und das ist der Unterschied: Dabei handelt es sich nicht um natürliches Tageslicht, das dank seines UV-Gehalts dafür sorgt, dass in unserem Körper Vitamin D gebildet wird. «Blaulicht ist in unserem Alltag überpräsent», warnt auch die Journalistin und Mitautorin des Buches «Lichtbaden», Annelie Bauhofer. Vor allem für unsere Augen soll es Stress bedeuten. Aktuell laufen weltweit mehrere Studien, die darüber Aufschluss geben sollen. So weist das französische Institut für Gesundheit und medizinische Forschung (Inserm) darauf hin, dass blaues Licht chemische Reaktionen im Auge auslösen kann und dadurch möglicherweise die Hornhaut schädigt. Besonders Kinder seien gefährdet.

«Echtes Tageslicht kann man durch nichts ersetzen. Trotzdem gilt die Lichttherapie bei Saisonal abhängigen Depressionen als erste Wahl», sagt Josef Hättenschwiler. Eine Lichttherapie bedeutet jedoch nicht, dass jede beliebige Lichtquelle mit hohem Blaulichtanteil heilend wirken würde. Mediziner setzen dafür spezielle Geräte ein, die mindestens eine Leistung von 2500 Lux erreichen – diese Beleuchtungsstärke hat eine Glühlampe nicht einmal annähernd. Zudem filtern diese Geräte schädliche UV-Strahlung heraus. Damit medizinische Therapielampen eine Besserung bringen, braucht es allerdings Disziplin, die jedoch in depressiven Phasen für viele Betroffene nicht immer leicht aufzubringen ist. «Am besten lässt man sich täglich nach dem Aufstehen mindestens 30 Minuten bestrahlen», sagt Hättenschwiler. Die Tageszeit und auch die Lichtstärke dieser Sitzung unter künstlicher Sonne sind überaus wichtig. Denn, wenn einem die Lichttherapie am Morgen einen positiven Kick verleihen könne, vertreibe sie am Abend den Schlaf, indem sie den Biorhythmus aus dem Takt bringe.

Wie so vieles im Leben hat also auch blaues Licht verschiedene Seiten. Die Anwendung von kurzwelligem Blaulicht kann gegen Saisonale Depression, Müdigkeit und Verstimmungen helfen. Andererseits steht es in Verdacht, Augenschäden auszulösen. Wer sich mit dem Gedanken trägt, eine Lichtlampe anzuschaffen, sollte sich zuvor ärztlich beraten lassen. Das gilt besonders, wenn man vermutet, an einer Saisonalen Depression erkrankt zu sein.

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So wichtig ist Vitamin D

Gute Laune trotz Lichtmangel

4 Kommentare zu «Saisonale Depression? Ab unters Licht!»

  • M. Cesna sagt:

    Vielleicht könnte es sinnvoll sein, in den hiesigen Malls vereinzelt in Lokalen (auch in der Öffentlichkeit) Plätze einzurichten, wo die Lichtintensität massiv höher ist als normal, abgestimmt auf den antidepressiven Effekt.
    Einen Kaffee weiter fühlt man sich dann wieder viel besser.

  • Lukas Schuler sagt:

    Blaues Licht kommt am Himmel natürlich vor. Aber der grosse Unterschied ist die hohe Beleuchtungsstärke am Tag und die sehr geringe (natürliche) in der Nacht. Alle Lebewesen haben sich daran geeicht. Erst das Kunstlicht macht hier einen grossen Strich durch die Rechnung. Durch die Vermeidung blauen Lichts während der Nacht kann zumindest der störendste Teil entfernt werden, so dass der Schlafrhythmus intakt bleibt.

  • Ralf Schrader sagt:

    ‚Saisonale Depression‘ gibt es in der Psychopathologie nicht. Die gehört neben hunderten anderen vorgeblichen Leiden in die am stärksten wachsende Gruppe der erfunden Krankheiten. Untergruppe Befindlichkeitsstörung – Ach wie ist mir traurig ums Herz.

    • markus kohler sagt:

      Doch es gibt sie schon. Lesen Sie doch mal ICD-10 F33 nach, die saisonale Depression wird erwähnt. Die American Ass. of Psychiatry (APA) führt die Störung ebenfalls auf. Seit Sigmund Freunds Tagen hat sich die Psychiatrie eben doch etwas entwickelt, starten Sie doch bei sich ein Update.

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