Wenn Sehnsucht zur Sucht wird

Suizid kann jede Familie treffen. Ina Milert beschreibt in einem bewegenden Buch, wie sie ihre Tochter an die Drogen verlor.

Auch aufmerksame Eltern können nie vollständig wissen, was im Innern ihrer Kinder vor sich geht. Foto: iStock

Am 7. September 2007 sprang Lea Milert von einer Brücke in den Tod. Die 18-Jährige war nicht sofort tot, sondern starb kurze Zeit später im Spital. Die junge Frau hatte jahrelangen Drogenkonsum hinter sich. Zwar hatte sich Lea immer wieder für kurze Zeit in einen drogenfreien Alltag zurückgekämpft, aber jedem Ausstieg folgte ein Absturz. Und dann kam der Punkt, an dem Lea die Diskrepanz zwischen diesen beiden Welten nicht mehr aushielt und den einzigen Ausweg im Suizid sah.

Solche Geschichten passieren. Doch immer nur den anderen. Eltern, die ihren Kindern ein schlechtes Vorbild sind, weil sie vielleicht selber Suchtprobleme haben. Oder nicht? Wir alle wissen, auch wenn wir es nicht gerne zugeben, dass selbst eine liebevolle, verantwortungsvolle Erziehung eine Heranwachsende nicht vor schlechten Einflüssen schützen kann. Denn in einem gewissen Alter zählt die Meinung von Gleichaltrigen einfach mehr als jene von Erwachsenen. Und welcher Jugendliche hat schon ein Gefühl für die eigene Endlichkeit? In diesem Alter fühlt man sich einfach unsterblich.

Vom Teenie zum Junkie

Die Journalistin Ina Milert hat die Geschichte ihrer Tochter Lea im Buch «Tagebuch einer Sucht» beschrieben. Zehn Jahre nach dem Tod ihres einzigen Kindes zeichnet sie Leas Lebensweg anhand von Erinnerungen und Fotos nach. Zeichnungen, Briefe und Texte von Lea selber zeugen von einem sensiblen, fantasievollen Kind, das sich zu einem schwierigen und zerrissenen Teenager entwickelte, der immer häufiger gegen die Schule und die Familie aufbegehrte. Aber dort doch immer wieder Schutz und Geborgenheit suchte.

Irgendwie weigert sich der Verstand während des Lesens, zu akzeptieren, dass ein intelligentes, hübsches Mädchen, das keine schwerwiegenden Erlebnisse zu verkraften hatte, «einfach» durch einen falschen Freundeskreis in harte Drogen rutschte und so vom Teenie zum Junkie wurde. Lea war gerade 15 Jahre alt, als sie ihrer Mutter weinend gestand, dass sie Heroin geraucht hatte.

Da muss doch etwas total falsch gelaufen sein! Eltern müssen doch merken, wenn ihr Kind so abrutscht. Natürlich hatte Ina Milert in den letzten Jahren vor Leas Tod gemerkt, dass etwas mit ihrer Tochter nicht stimmte. Aber welche Mutter rechnet schon mit dem Schlimmsten? «Waren wir naiv? Oder arrogant? Wir wollten einfach, dass unsere Kinder glücklich sind, sie sollten auch so sein wie wir oder besser. Und so etwas wie schwere Krankheiten, Drogensucht oder eine kriminelle Karriere konnten wir uns einfach nicht vorstellen», schreibt sie in ihrem Buch.

Eine zerbrechliche Mutter-Tochter-Beziehung

Die Autorin schont sich nicht, wenn es darum geht, eigene Fehler bei der Erziehung ihrer Tochter einzuräumen. Als alleinerziehende, arbeitende Mutter hätte sie Lea vielleicht strenger erziehen müssen. Da sie selber immer wieder unter Depressionen gelitten habe, habe Lea ihre Traurigkeit sicher gespürt. Aber da gab es ja auch viel Positives und Stablilisierendes: den Vater von Lea, der in der Nachbarschaft lebte und zu dem diese ein gutes Verhältnis hatte. Den Grossvater, den sie liebte.

Ina Milert: Tagebuch einer Sehnsucht­­. Wie ich meine Tochter an die Drogen verlor. Hansanord-Verlag, 2019.

Wer möchte da der Mutter, die alles versuchte, um ihre Tochter vor den Drogen zu retten, und immer wieder Hilfe bei Fachleuten und Therapeuten suchte, einen Vorwurf machen? Das tat sie natürlich selber. «Zehn Jahre nach dem Verlust habe ich es gewagt, mich meinen Erinnerungen zu stellen … und eben auch mit dem abstrakten und doch dauerpräsenten Schuldgefühl umzugehen», schreibt sie.

Was «Tagebuch einer Sehnsucht» lesenswert macht, ist die reflektierende Art und Weise, wie Milert das Schicksal ihrer Tochter, und damit auch ihr eigenes, schildert. Ihr beinahe distanzierter Schreibstil steht im krassen Gegensatz zu den tragischen Ereignissen. Genauso sachlich, ohne Pathos oder Selbstmitleid, erfahren wir, wie zerbrechlich nicht nur Lea, sondern auch die Beziehung zwischen Mutter und Tochter war. Dem Thema Sehnsucht, die im Falle ihrer Tochter zur Sucht wurde, widmet Milert viele Gedanken und regt zu eigenen an.

Hilfe ja, Ratschläge nein

Sehnsucht bestimmt zweifellos unser Leben. Sie ist Triebfeder und gibt die Kraft, eigene Wünsche und Vorstellungen umzusetzen. Doch die meisten von uns lernen im Laufe ihres Lebens, mit allfälligen Enttäuschungen umzugehen, wenn sich gewisse Träume nicht erfüllen lassen. Aber ein Teenager wie Lea hatte diese Reife noch nicht. Sie war überzeugt, dass sie ihre Sehnsucht nur mit Drogen stillen konnte.

Dass Ina Milert nicht an ihrem Schmerz zerbrochen ist, hat sicher damit zu tun, dass sie einen Weg gefunden hat, ihre Trauer zu verarbeiten und zu teilen. Und weil jedes Schicksal einmalig ist, gibt sie in ihrem Buch auch keine Ratschläge, denn «Ratschläge sind bekanntlich auch Schläge». Hilfe leistet sie trotzdem, etwa indem sie auf Literatur verweist, die ihr geholfen hat, mit dem Verlust ihres Kindes, aber auch mit den eigenen Depressionen umzugehen. Das Buch schliesst mit Adressen ausgewählter Hilfsangebote ab.

Ina Milert hat das Buch ihrer verstorbenen Tochter gewidmet: «Für Lea, danke für die gemeinsame Zeit. Ich hätte dich so gerne besser kennen gelernt.»

13 Kommentare zu «Wenn Sehnsucht zur Sucht wird»

  • Nicolas sagt:

    Ich habe meinen Vater mit 14 durch drogenbedingten Suizid verloren… Schön wird immer mehr auf dieses Thema aufmerksam gemacht.

  • Rahel sagt:

    Mitleid hilft der Autorin bestimmt nicht. Viel mehr könnte sie eine Art von Genugtuung oder von Erfüllung erfahren wenn sie sieht, sie konnte mit ihrem Buch etwas bewegen auf etwas aufmerksam machen oder gar etwas schlimmes verhindern, dass der Tod ihrer Tochter nicht völlig umsonst war. Aber da reinzuschwatzen liegt mir persönlich nicht. Ich finde das sehr wichtiges Thema und wenn man in dem Buch erfahren kann was dem ganzen vorangegangen ist, dann ist es ganz sicher ein gutes und nützliches Buch. Und sicher wird der eine oder der andere Leser dabei auch an ihre Tochter denken.

  • Nina sagt:

    Welch überheblichen Kommentare
    Haben sie das Buch gelesen? Ich auch nicht .Aber dann lesen sie es bitte ,bevor sie urteilen.. Wie schlimm es sein muss seine Tochter so zu verlieren , kann und will ich mir nicht vorstellen . Schon nur aus Respekt sollte man sich da etwas gewählter ausdrücken , oder sonst lieber gar nicht.

  • Peter Meier sagt:

    Es gibt auch Streitsucht. Ekelhaft.

  • Martin sagt:

    Tja und da gibt es doch tatsächlich Politiker, welche die Legalisierung aller Drogen fordern und Leute, die denken, dass natürliche Drogen ungefährlich sind. Nun, Heroin wird aus Schlafmohn gewonnen, ist also eine Pflanze. Mich haben Drogen nie interessiert, jedenfalls nicht die illegalen. Die beste Abschreckung dafür, waren die Bilder vom Letten. Die schwirren noch heute in meinem Kopf rum! Ich denke immer noch, dass es endlich an der Zeit ist, einen repressiveren Kurs in Sachen Drogenhandel einzuschlagen. Es kann einfach nicht sein, dass Leute unsere Mitmenschen mit diesem Gift in’s Elend stürzen und sich auch noch daran bereichern. Vielleicht erwacht ja mal die Polizei, wer weiss?

    • Allan Einkaufswagen sagt:

      Polizei ist nicht zuständig für Drogenprevention.

      • Martin sagt:

        @Einkaufswagen: Aha und für was ist denn „die Polizei zuständig“? Für Parkbussen & Geschwindigkeitskontrollen? Komischerweise sind die Behörden nie für etwas zuständig, wenn sie damit nicht Geld verdienen können. Die Polizei ist zumindest dafür zuständig, dass es keinen Drogenhandel gibt in unserem Land. Die Justiz ist dafür zuständig, dass ausländische Drogendealer des Landes verwiesen werden, wenn es sein muss, inklusive der ganzen Familie des Drogendealers. Die Polizei & Justiz der Schweiz scheint ihre Aufgabe nur noch darin zu sehen, den Bürger zu bestrafen und nicht, den Bürger zu beschützen. Das ist eine merkwürdige Auffassung, die sich da ausbreitet…

      • Allan Einkaufswagen sagt:

        Wie Recht Sie haben, Martin, was nun?

  • Heinz Burger sagt:

    Entgegen jedem „Mist“ mittlerweile auf dem Markt (wir schulden nichts Eltern, für mein Kind das Beste etc) ist es sicher ein Buch zum nachdenken. Es sind ja nicht wenige die inzwischen süchtig sind. Für die Mutter tut es mir wahnsinnig Leid.

  • Rolf Rothacher sagt:

    Tut mir leid aber Worthülsen wie „Ratschläge sind auch Schläge“ oder „Aus Sehnsucht wurde Sucht“ sind einfach zu banal und sie erklären überhaupt nichts. Welche Sehnsucht hatte denn die 15-Jährige, als sie Heroin rauchte? Und weshalb konnte sie diese Sehnsucht anders nicht befriedigen?
    Das wären intelligente Fragen und noch sinnvollere Antworten gewesen. Mit Allgemeinplätzen wie die beiden Worthülsen arbeiten nur Leute, die sich wichtig machen wollen, statt sich wirklich mit einem Thema auseinander zu setzen.

    • Fabrice Pellaton sagt:

      R. Rothacher: Vielleicht hätten Sie besser Ina Milerts Buch lesen sollen, als die Buchbesprechung von Frau Aeschbach, da Sie ja offensichtlich das eine nicht vom anderen unterscheiden können…

Kommentar

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