Diese Frau erinnert sich an alles

Das Gehirn der US-Schauspielerin Marilu Henner verfügt über eine enorme Speicherkapazität. Foto: Getty Images

Wissen Sie, was Sie heute vor drei Wochen gemacht haben? Nicht so ungefähr, sondern ganz genau? Ich hätte schon Mühe, mich detailliert daran zu erinnern, was bei mir vor einer Woche passiert ist. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich ein Erinnerungsvermögen wie ein Sieb habe. Tage, die mir sozusagen ins Gedächtnis eingebrannt sind, gibt es wenige. Ich erinnere mich an gewisse Geschehnisse auch nur, weil sie entweder wunderschön oder grauenhaft waren. Und dann gibt es natürlich noch die weltbewegenden Ereignisse. Wie beispielsweise den Unfalltod von Lady Diana. Am Sonntagmorgen, dem 31. August 1997, nahm ich gerade den Frühstückszopf aus dem Ofen, als ich im Radio diese schockierende Nachricht hörte. Zwei Jahrzehnte früher, am 16. August 1977, kaufte ich als Teenie das «Bravo», als die Kioskfrau plötzlich aufschrie: «Der King ist tot!»

Auch die amerikanische Schauspielerin Marilu Henner (67) kann sich ganz genau an den Todestag von Elvis Presley erinnern. Das wäre nichts Besonderes, doch Henner erinnert sich eben nicht nur an die Geschehnisse dieses 16. August 1977, sondern an jeden einzelnen Tag ihres Lebens. Mit dieser Fähigkeit gehört sie zu einem sehr kleinen Kreis von 61 Menschen – die meisten sind Amerikaner und Briten – die mit dem hyperthymestischen Syndrom (Highly Superior Autobiographical, HSAM) diagnostiziert wurden. Ob diese Krankheit des Gehirns angeboren ist oder sich erst in der frühen Kindheit entwickelt, weiss man heute noch nicht. Was für die meisten von uns eine eher erschreckende Vorstellung ist, ist für Marilu Henner «ein Geschenk». So könne sie sich beispielsweise an viele Erlebnisse mit ihren früh verstorbenen Eltern erinnern.

Die Krankheit wurde erst 2006 diagnostiziert

Henner kennt man hier unter anderem durch ihre Gastauftritte in der Sitcom «Two and a Half Men». In dem 2012 erschienenen Buch «Total Memory Makeover» und in weiteren Ratgebern gibt sie Tipps, wie man die eigene Erinnerungsfähigkeit trainieren kann. Da liegt die Vermutung nahe, dass die umtriebige Schauspielerin ihre besondere «Fähigkeit» vielleicht zu medienwirksam aufbauscht. Doch MRI-Untersuchungen ihres Gehirns beweisen, dass neun Bereiche ihres Gehirns leicht vergrössert sind und die gespeicherten Informationen so auf andere Weise verknüpft sind als bei anderen Menschen. Das HSAM-Syndrom kennt man übrigens erst seit 2006. Damals wurde die Krankheit am Stark Lab an der University of California Irvine diagnostiziert. Noch heute ist dies der einzige Ort, an dem eine Diagnose mit verschiedenen Tests und Hirnscans möglich ist.

Wer Interesse hat, wie eine Betroffene mit dem HSAM-Syndrom ihre Krankheit empfindet, dem sei der Blog der jungen Australierin Rebecca Sharrock empfohlen. Die 29-jährige erinnert sich in chronologischer Reihenfolge und äusserst detailgetreu an jeden Tag, seit sie 12 Jahre alt ist, und kann ganze Kapitel aus ihren geliebten «Harry Potter»-Büchern zitieren. In ihrem Blog erzählt sie, wie sie versucht, mit ihren ganz besonderen Fähigkeiten umzugehen. Das ist nicht einfach. Denn ihre Erinnerungen sind nicht nur durch Bilder, sondern auch mit einer ganzen Bandbreite von Emotionen, und sogar Gerüchen oder haptischen Erinnerungen verbunden. Verdrängen ist so nicht möglich. Sharrock versucht, mit ihren Erinnerungen «möglichst entspannt» umzugehen. Denn diese sind für sie «Fluch und Segen zugleich».

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