Lebensglück bis ins hohe Alter

Ein Ausbund an Lebensglück und Energie: Die hundertjährige Margot im Sommer 2018. Sie wusste, trotz vieler Höhen und Tiefen, wie man Feste feiert. Fotos: Walter M. Huber

Nachdem ich ein Interview geführt habe, bin ich manchmal erleichtert, dass es vorüber ist. Vielleicht war mein Gegenüber zugeknöpft oder schlecht gelaunt. Meistens aber fühle ich mich beschwingt, weil ich die Möglichkeit bekommen habe, einen Blick in eine andere Welt zu werfen.

Nach den Treffen mit den zwölf alten Menschen, sie waren zwischen 80 und 100 Jahre alt, die ich für mein neues Buch «Glück ist deine Entscheidung» befragt hatte, waren meine Gefühle gemischt. In den teilweise sehr persönlichen Gesprächen wurden mir Einblicke in Lebensgeschichten gewährt. Und ich erfuhr, wie es diese Menschen geschafft hatten, trotz Krankheiten, Krisen und Verlusten ihr Lebensglück zu behalten. Sei es, weil sie neben Familie und Beruf immer auch eigene Hobbys und Leidenschaften gepflegt hatten. Aber auch eine gewisse Disziplin half dabei sowie der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, die Liebe zur Familie oder zu einem Partner, Leidenschaft (ja, auch im hohen Alter ist Sex kein Tabu) und die Fähigkeit, auch dann Gutes erkennen und geniessen zu können, wenn das Leben gerade wieder mal auf Talfahrt ist.

5-mal den 100. Geburtstag feiern

Aus einigen Begegnungen wurden Freundschaften. Silvia Aeschbach mit Paul (85), den sie inzwischen scherzhaft «Onkel Paul» nennt.

Neben der Dankbarkeit für das Vertrauen und die Offenheit, die ich erleben durfte, kam am Ende dieser Treffen etwas Wehmut und gar ein bisschen Angst auf: Ob ich die alten Menschen – mit einigen hatte ich sogar Freundschaft geschlossen – wohl wiedersehen würde? Und wenn ja, wie es ihnen dann wohl gehen würde?

An einem sehr heissen Julitag im letzten Sommer traf ich Margot und war begeistert von der Energie, der Authentizität und dem sehr trockenen Humor der alten Dame. Die passionierte Golfspielerin hatte gerade fünfmal an verschiedenen Orten mit Familie und  Freunden ihren 100. Geburtstag gefeiert. «Man muss die Feste feiern, bis man selber fällt», sagte sie lachend, als ich sie nach ihrem Glücksmotto fragte.

Margots Erzählungen waren mit Anekdoten gespickt, sie erzählte mir auch von sehr traurigen Ereignissen. Als junge Mutter hatte sie ihr erstes Kind nach unglücklichen Umständen verloren. Und ihr geliebter Mann war bereits in jungen Jahren lebensgefährlich erkrankt. Doch die tapfere Margot hatte ihren Mut und ihre Lebensfreude nie ganz verloren. Neben ihrer Familie und ihrem Beruf in der Modebranche pflegte sie immer ihre Hobbys, darunter auch das Golfspielen. Die Schläger legte sie erst kurz vor ihrem 100. Geburtstag weg.

Das Leben ausgekostet

Silvia Aeschbach: «Glück ist deine Entscheidung». Mit Fotos von Walter M. Huber. mvg Verlag, München. 176 S., ca. 17 Fr.

Es war abgemacht, dass ich allen Interviewpartnern die Porträts, die ich nach den Treffen schrieb, zum Gegenlesen schicken würde. Schnell erhielt ich von allen Feedback. Nur von Margot hörte ich nichts. Ich machte mir keine Gedanken, da ich wusste, dass sie regelmässig nach Israel reiste.

Doch die Wochen vergingen, und ich bekam immer noch keine Nachricht von Margot.

Über eine gemeinsame Freundin erfuhr ich dann, dass die alte Dame im Spital war. Und nach kurzer Zeit teilte mir ihre Tochter mit, dass ihre Mutter, ohne lange habe leiden müssen, verstorben sei.

Auch wenn ich traurig war, tröstete es mich, dass Margot bis fast zuletzt ihr Leben in vollen Zügen gelebt hatte. Eben: «Man soll die Feste feiern, bis man selber fällt.» Adieu, liebe Margot!

18 Kommentare zu «Lebensglück bis ins hohe Alter»

  • Michael sagt:

    Glücklich kann ich nur in meinem kleinen Kosmos sein. Ich bin 60+, sehe der Rente entgegen, meine Kinder sind gross und werden beide einen Job bekommen. Mit meiner Gesundheit bin ich zufrieden und ich habe eine Frau die mich liebt. Ich habe mehr Hobbys als ich freie Zeit habe. Ich freue mich, wenn die Sonne scheint und meine Katze zu mir kommt, sich auf meinen Bauch legt und gekrault werden will.
    Schaue ich aber über meinen Kosmos hinaus, wird mir aber Angst und Bange. Überall in der Welt brodelt es, es gibt deutlich mehr Armut, als das es zufriedene Menschen gibt. Viele Menschen vermehren ihren Reichtum durch Betrug, auf Kosten der Umwelt und anderer Menschen.
    Deswegen ist es ein Glück, glücklich sein zu dürfen.

  • Jens Otterbach sagt:

    Mein Gott Herr Schrader, emotional eingeschränkt zu sein ist nicht das gleiche wie authentisch sein. Auch der aufrechte Gang ist „sozial antrainiert“ und trotzdem erkenne ich in einem aufrechten Individum mehr Persönlichkeit als einem am Boden kriechenden. „Natürlich“ ist eben nicht das gleiche wie „menschlich“. Aber das sollten Sie eigentlich wissen.

  • Karl-Heinz sagt:

    Ganz toller Bericht, hat mir sehr gefallen.

  • Mona Laubi sagt:

    Glück ist ein etwas oberflächlicher Begriff und hat als Gegenpol Pech. Beides ist etwas, was einem zufällt und wofür man sich nicht einfach so entscheiden kann. In anderen Sprachen gibt es auch mehrere Wörter dafür, z.B. chance, bonheur,
    heureuse. Immer glücklich geht gar nicht, genausowenig wie immer Tag wäre ohne Nacht, oder Sonne ohne Regen und ohne Schatten.

  • Petra sagt:

    Was für besserwisserische, miesepetrige Kommentare zu so einem schönen Buch und Artikel! Das ist nicht der Ort, um ein Thema wissenschaftlich auseinander zu pflücken. Seid doch einfach zufrieden (wenn euch das Wörtchen Glück so stört) und macht das Beste aus eurem Leben, auch im Alter, wo man ja doch manche Abstriche machen muss. Dass eine junge Frau sich dieses Themas angenommen und mit offenem Herzen hingehört hat, ist allein schon erfreulich.

    • Paolo Martinoni sagt:

      Ich selber würde gerne ehrlich gemeinte Kommentare lesen zu einem Werk, das ich vorstelle – sofern diese anständig (ohne Verwendung herablassender Adjektive) formuliert sind. Über den Inhalt des Buchs habe ich kein Wort verloren, weil ich es noch nicht gelesen habe. Und ja, der Titel stört mich ein bisschen aufgrund meiner Lebenserfahrung und meinen Beobachtungen, er hält mich davon ab, das Buch zu kaufen, obwohl es mir vielleicht gefallen würde, so ist es halt, daher meine (wohl gemeinte und auch anständig begründete) Rückmeldung. Der Grund, warum ich mich da überhaupt aufhalte, ist, dass ich die Texte von Frau Aeschbach oft und gerne lese.

  • Esther Bischofberger sagt:

    Dein Titel gefällt mir besonders gut, denn ich bin aus Erfahrung der Meinung dass Glück eine Entscheidung ist Ich freue mich auf meine bestellten Exemplare

  • Ursula sagt:

    Herzlichen Glückwunsch an Silvia Aeschbach. Ein schönes Thema, welches zum Nachdenken über das eigene Älterwerden anregt. Schön auch die Aufmerksamkeit und Wertschätzung gegenüber den Ältesten.

  • Paolo Martinoni sagt:

    Mich persönlich stört der Titel ein bisschen, ich würde ihn eher als ein Schlagwort, als eine Wunschvorstellung bezeichnen als einen Fakt, denn Glück m. E. keine Entscheidung ist. In meinem Leben jedenfalls hat der Zufall eine sehr grosse Rolle gespielt und überhaupt: Das, womit wir zum Leben kommen, unsere physische und psychische Veranlagung, unsere (nicht) vorhandenen Begabungen, unser Geschlecht und unser Aussehen, die Familie, die uns aufnimmt, die Zeit, in die wir hineingeboren werden, das Land, in dem wir die ersten Jahre unseres Lebens verbringen – all das entzieht sich unserem Willen und wird uns doch enorm prägen! Ein Buch über alte Frauen, das mich angesprochen hat, ist „Verschwiegene Lust“ von Renate Daimler. Ich wünsche Frau Aeschbach einen grossen Erfolg mit ihrem Buch!

  • Paolo Martinoni sagt:

    Diese weitverbreitete Idee, dass wir Menschen glücklich sein möchten, ist eine kolossale Floskel, die man mühelos widerlegen kann. Denn Glück ist nur eines von enorm vielen Gefühlen, die jedes authentische Leben auszeichnen. Das heisst, ein permanent „glückliches“ Leben wäre von einer mörderischen Ödnis. Ich persönlich strebe Lebendigkeit und Authentizität an. Mehr nicht. Das heisst, wenn mich etwas ärgert oder ich einen lieben Menschen verliere, dann möchte ich mir Wut oder Trauer zugestehen, genau das, was ich dabei empfinde. Ich möchte echt sein – und sei ich noch so unglücklich! Daher auch lebendig, um mich intensiv spüren zu können. Wer sich lieber verstellt, dem geht nach und nach seine Lebendigkeit ab, so dass er am Schluss gar nichts mehr empfindet.

    • Ulla Moos sagt:

      Stimme völlig mit Ihnen, lieber Paolo, überein, denn alles andere wird nicht gelebt! Danke für Ihre Ausführungen.
      Ulla Moos

    • Othmar Riesen sagt:

      @Martinoni: immerhin verankert die US-Verfassung das „Streben nach Glück“. Also soo ganz daneben kann Frau Aeschbach mit ihrem Thema nicht liegen. Ich denke eher, das von Ihnen beschriebene Leben tönt ziemlich negativ. Und vergessen Sie nicht: glückliche Menschen haben eine Ausstrahlung!
      Beste Grüsse

  • Paolo Martinoni sagt:

    Es ist nicht das erste Buch dieser Art. Ich jedenfalls habe zwei im Regal, in denen alte Menschen von ihrem vergangenen und gegenwärtigen Liebesleben erzählen, was ich persönlich interessanter finde. Und von Glück kann nur in wenigen Fällen die Rede sein.

  • pierre buerki sagt:

    ich bin fast 89 jahre alt, aber ich bleibe wie ich bin: gegeueber anderer menschen ruesichtsvoll, auch den jüngeren, ich habe mich vorgenommen jeden tag bei einer begegnung etwas wie spass haben, mitzuteilen, kann in form eines scherzes sein, ein lächeln, alles hilft den alltag zu meistern, fühle mich gut in meiner haut trotz gewisser handikapps aber es geht, freue mich wenn sonne scheint, auch in den augen einer liebsten!

    • B. Kunz sagt:

      Schöne und wahre Worte. Mit Ihrer Einstellung beschert einem das Leben viel mehr Freude und es vereinfacht so vieles, das ist meine Erfahrung.

    • Doris sagt:

      Herr Buerki, Ihr so positiver Beitrag rührt mich sehr,
      Im Kleinen das Grosse und Positive zu sehen ist eine tatsächlich erlernbare Kunst, liebevoller Umgang mit den Mitmenschen, auch bei zufälligen Begegnungen ein freundliches Wort zur rechten Zeit, damit tut man nicht nur sich, sondern auch andern viel Gutes.

  • Ralf Schrader sagt:

    ‚…war begeistert von der Energie, der Authentizität…‘

    Die einzigen authentischen Menschen sind Autisten. Untrainiert hält man Authentizität, also Umgangsformen ohne antrainierte soziale Riten, kaum länger als 10 min aus. Authentische Menschen grüssen Sie nicht, sind nicht höflich, nicht rücksichtsvoll, sie sind einfach nur so, wie es ihnen gerade ist. Sie halten sich an keine Regeln, schon gar nicht die eines Sportes wie Golf.

    Nur wir nicht authentischen Menschen und nur solche bewegen uns in öffentlichen Raum ausschliesslich nach sozialen andressierten Ritualen, die keine Spur von menschlicher Natürlichkeit haben.

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