Die Ärztin, der nichts peinlich ist

Von Kopf bis Fuss

Foto: Verlagsgruppe Droemer Knaur (Youtube)

Ja, es gibt diese körperlichen Tabus, über die man selbst in unserer ach so aufgeklärten Zeit nicht gerne spricht. Oder man vermeidet aus Scham sogar, medizinischen Rat einzuholen. Egal, ob es sich um irritierende Körpergeräusche beim Sex, Inkontinenz, Erektionsstörungen oder Ausschläge an intimen Stellen handelt. Es müssen auch keine schweren Leiden sein, aber die unangenehmen Symptome und das Schweigen darüber können belasten. Und es kann dazu führen, dass viele Menschen ihr Übel aussitzen, in der Hoffnung, dass dieses so schnell wie möglich vorübergeht. Oder sie fragen in der Apotheke etwas verschämt nach einer «ähm, Salbe gegen Hämorrhoiden».

Die Ärztin und Autorin Yael Adler fordert: «Weg mit den unnötigen Körpertabus!» Und da sie jeden Tag in ihrer Praxis mit vielen Arten von Beschwerden konfrontiert wird, weiss sie genau, was Menschen beschäftigt oder eben auch beschämt. Und so ist der Buchtitel «Darüber spricht man nicht» durchaus ironisch gemeint. Denn Adler will genau das Gegenteil bewirken: einen offeneren Umgang und weniger Scham, wenn es um unseren Körper geht. Schliesslich gibt es für sie «kein peinliches Leiden, das andere Menschen nicht auch quält».

Yael Adler hat bereits mit ihrem letzten Buch «Hautnah», in dem sie über unser grösstes Organ, die Haut, schreibt, einen Bestseller gelandet. Und auch dieses Mal schafft sie es, medizinische Themen  unterhaltsam und kompetent zu erklären. Und unverkrampft über sogenannte «Tabuthemen» aufzuklären. So erfährt man beispielsweise, dass Frauen öfters unter Blähungen leiden als Männer. (Wirklich?) Das habe mit dem schwankenden weiblichen Hormonspiegel zu tun, der oft Verstopfung und Darmkrämpfe auslösen könne.

Ein ganzes Kapitel widmet die Autorin dem Thema «Wenn Sex und Liebe uns wirklich jucken: Gemischte Gefühle untenrum». Hier schreibt sie unter anderem über Erektionsstörungen, Sex-Unfälle mit allerlei Spielzeug, Vor- und Nachteile verschiedener Verhütungsmethoden und das Vier-Phasen-Modell des Orgasmus bei Frauen und Männern. Daneben aber auch über Themen, die man sonst eher in Frauenmagazinen findet, wie Vor- und Nachteile verschiedener Enthaarungsmethoden. Müsste für mich jetzt nicht sein. Äusserst unterhaltsam schildert Adler hingegen «Unfälle» beim Schönheits-Doc und wie unsachgerechtes Spritzen mit Botox und Co. dazu führen kann, dass der Gesichtsausdruck schnell einmal in Richtung Mephisto oder Captain Spock gehen kann.

Ziemlich gescheit und originell

»Darüber spricht man nicht» ist für mich kein Buch über Körpertabus, auch wenn es, (verdankenswerterweise) auch über sogenannte Vaginalfürze, Analfisteln und Intimwarzen aufklärt. Vielleicht hoffte der Verlag, dass man mit gewissen Reizworten eine grössere Käuferschicht ansprechen könnte. Ein Trend, der sich bei vielen Buchtiteln, in denen es um körperliche Funktionen geht, immer wieder zeigt. Völlig unnötig in diesem Fall, denn Yael Adler hat, auch ohne diese Zuspitzung, ein ziemlich gescheites und originelles Werk geschrieben.

Im Video erzählt Yael Adler aus ihrer Praxis als Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten. (Youtube)

24 Kommentare zu «Die Ärztin, der nichts peinlich ist»

  • Tanja sagt:

    Tabus kenn ich beim Arzt nicht- aber haarsträubende Indiskretionen!
    Sei es vom Tresenpersonal, dass gerne vor offenem Wartezimmer mit Namen nach XY-Symptomen fragt, reinplatzendes unbereiligtes Personal bei gynäkologischen Untersuchungen, oder auch die Anweisung sich ’schon mal frei zu machen‘ bevor der Arzt kommt. Ähm danke, aber ich begegne auch einem Arzt gerne auf Augenhöhe. Erst Recht bei bri der ersten Konsultation. Soviel Zeit muss sein.

  • Pedro Riengger sagt:

    Der «Darm mit Charme»-Zug rollt. Es ist ein altes Gesetz, dass auf jeden Bestseller entsprechende Nachahmerbücher folgen. Die Schwierigkeit ist, das erste Buch unterzubringen: «Ach, ein Buch über den Darm, wer will den sowas lesen?» Wird es dann wider erwarten zum Erfolg, wussten plötzlich alle, dass Medizinbücher der neue Trend sind. Wie bei «Wer wird Millionär?»: «Ach, wer will denn noch Quiz-Sendungen im Fernsehen schauen? Quiz ist tot.» Und seit dem Erfolg von «Wer wird Millionär?» hat jeder Sender wieder gefühlt 5 Quizshows im Programm. – Niemand kann einen Erfolg voraussagen oder will etwas wagen – für jede neue Sache hagelt es erst einmal Absagen. Aber nachher springen alle auf den rollenden Zug auf …

  • Bernhard Piller sagt:

    Ich glaube nicht, dass es Aerzte und Aerztinnen gibt, denen irgend etwas peinlich ist. Höchstens die Abrechnung der Leistungen.

  • adam gretener sagt:

    Ich werde nie verstehen können, wie Leute ihren Ärzten gegenüber flunkern und nur die halbe Wahrheit sagen können. So kann die Medizin ja gar nicht richtig helfen und der Ärztin oder dem Arzt ist es herzlich egal, ob man nun Hämmorhoiden hat oder nicht.

    Zum Glück kann ich meiner Ärztin gegenüber gandenlos ehrlich sein.

    • Katharina I sagt:

      Und auch sonst…. 😉

      • adam gretener sagt:

        Ich habe mal vor Jahren bei meiner Familie und meinen Freunden angekündigt, eine Woche lang nur und ausschliesslich die Wahrheit und das was ich denke zu sagen.

        Kam also gar nicht gut an…

      • Aquila Chrysaetos sagt:

        Das ist ziemlich logisch. Es ist ziemlich psychopathologisch jedem alles ungefiltert an den Kopf zu werfen, was einem gerade so durch die Rübe geht. Bei funktionierendem Frontalhirn sollte das eigentlich nicht vorkommen.
        Keinesfalls ist es eine Stärke. Um Leute, die von sich behaupten, immer alles zu sagen was sie denken, sollte man einen großen Bogen machen. Falls Ihr Umfeld Ihr kleines Experiment witzig gefunden hätte, würde ich ein neues Umfeld suchen.

  • Danny Kind sagt:

    Erhalten ihre Patienten die die Geschichten schliesslich liefern auch Tantiemen? Habe letzthin eine Arzt Abrechnung erhalten. Jede Frage die ich zu einem Problem stelle wird extra verrechnet. Am Ende schreibt der / die ÄrztIn ein Buch und kassiert gleich noch mal ab.

  • Andrea Seidel sagt:

    Das Buch von Dr Yael Adler ist der Hammer. Ich kann so manchen vorherigen Kommentar nicht bestätigen. Diese Ärztin arbeitet ganzheitlich und hat ein großartiges Fachwissen. Empfehle das Buch zu lesen oder mal ihre Videos zu schauen. Dann neu urteilen. Ihr Wunsch ist Aufklärung und das Überwinden von Scham und Tabus. Und das gelingt ihr mit ihren Bücher und Auftritten ganz famos. Weiter so!

  • J.-L. Piccard sagt:

    Spock war nicht Captain (das war Kirk), sondern Commander (erster Offizier).

  • Heinz Ehrlich sagt:

    Wer ein intimes Leiden hat, soll zum Arzt gehen. Seine Aufgabe ist es, eine Gesprächssituation zu schaffen, die es ermöglicht auch „Tabuthemen“ anzusprechen.

  • christopher robert sagt:

    Solche Infotainment-Bücher sind sicher interessant, doch leider auch gefährlich: Im medizinischen Bereich kann Halbwissen zu einer völlig falschen Einschätzung führen.
    Sicher ist es gut, dass man sich auch über weniger populäre Themen informiert. Wenn ich so etwas lese, dann bin ich mir danach bewusst, dass ich davon _kein Wissen_, sondern nur einen ganz oberflächlichen Überblick habe. Entweder vertiefe ich danach mein Wissen mit „richtiger“ Fachliteratur, oder ich gehe ganz vorsichtig mit diesem Thema um.

    • Aeschbach sagt:

      Lieber Christopher

      Da Yael Adler eine kompetene Ärztin ist und viel Fachwissen besitzt, kann man da nicht von «Infotainment» sprechen. Adlers Hauptaussage ist es ja, dass man sich medizinisch beraten lassen sollte, und sein Leiden nicht «aussitzen« sollte. Und die wenigsten medizinischen Laien können sich ja durch «Fachliteratur» informieren. Darum habe ich ja ihr Buch auch als informativ beschrieben.
      Herzlich Silvia

  • Ralf Schrader sagt:

    Tabus gab es schon nicht mehr, als ich geboren wurde. Seit 50 Jahren wenigstens wird mit Tabubruch nur noch kokettiert. Dafür gibt es Jahr für Jahr ganze Wälder, die in unnützen Büchern zerstört werden.

    An der Spitze stehen esoterische Betrachtungen über Gesundheit, Krankheiten, Ernährung und Medizin im Allgemeinen. Es gibt wohl keinen anderen Themenkomplex, in welchem die Allgemeinbildung so schlecht ist und das Interesse so gross zumindest erscheint.

    Falls sich wirklich jemand für diese Themen interessiert. Gehen Sie in eine gepflegte Bibliothek und leihen sich ein Einführungslehrbuch in den Gesundheitswissenschaften aus. Eines das für Studenten, nicht für Laien geschrieben ist. Dann wissen Sie, was Sie von Ratgeberliteratur zu halten haben. Baum- statt Tabufresser.

    • Fred Grossen sagt:

      Ich behaupte genau das Gegenteil von Herrn Schrader. Nämlich, dass die Wissenschaft keine Ahnung hat, worum es bei Krankheiten wirklich geht. Symptombekämpfung hat mit Heilung nichts zu tun. Statt immer gleich zum Artzt zu laufen, sollte man sich mal über seine Lebensweise gedanken machen. Das ist – und ich rede hier aus der Praxis – mehr wert, als materialistisch orientierte Theorien aus der Uni.

      • Annalena Moser sagt:

        Aber sicher. Vegan essen macht alles wird gut. Da braucht keiner fundierte Kenntnisse über Anatomie, Physiologie oder gar Pathophysiologie. Weil sich die Wissenschaft nur um diese Dinge kümmert, hat sie so gar keine Ahnung…..

      • Aquila Chrysaetos sagt:

        Spätestens wenn die Menschen ein ernsthaftes Problem haben und z.B. auf dem OP-Tisch liegen, sind sie froh, dass sich jemand mit einem Medizinstudium und einer Facharztausbildung um sie kümmert. Und nicht einer der Grossens dieser Welt, der ihnen dann erklärt sie hätten bloss schlechte Schwingungen gehabt die letzten paar Jahre und es sei alles eine Frage des Wollens…..

    • Andreas sagt:

      Wie jetzt – Tabus gibt es nicht mehr ?? Die ganze Mode beispielsweise strotzt doch nur so vor Tabus ! Weisse Tennissocken – vollkommen tabu. VoKuHiLa – tabu. Kleine Brillen tragen – tabu. Weiter geht’s mit Alt werden- tabu. Alt sein – tabu. Kein Erfolg haben – tabu. Autofahrer mögen – tabu. Fahrradfahrer mögen – tabu.

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