Sterben Männer mit Testosteronmangel früher?

Testosteron wird mit Männlichkeit in Verbindung gebracht. Doch ein zu niedriger Wert kann auch Ursache chronischer Krankheiten sein. Foto: Pexels.com

Die Wechseljahre und ihre Auswirkungen sind bei uns Frauen zum guten Glück kein Tabu mehr. Dass auch Männer in dieser Umbruchphase unter körperlichen und seelischen Veränderungen leiden, scheint hingegen kein Thema zu sein. Der männliche Alterungsprozess lässt sich auch nicht mit dem weiblichen vergleichen, da er nicht zum Erliegen kommt. Unterliegt ein Mann der viel zitieren Midlife-Crisis und taucht plötzlich mit einer Harley und einer blutjungen Freundin auf, wird er gerne belächelt oder auch bewundert.

Der alternde Mann ist in der Forschung ein unbekanntes Wesen. Das bestätigt auch Christian Sigg, Androloge und Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. «Bis vor 20 Jahren waren die biologischen Zusammenhänge beim Mann völlig unzureichend erforscht. Der Sinkflug der männlichen Hormone ab 40 und was damit einhergeht, war weitgehend unbekannt.»

Mehr Verantwortung übernehmen

Je älter ein Mann wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er an einem Mangel an Testosteron leidet. Und dieser kann auch mit gesundheitlichen Probleme einhergehen. US-Forscher der University of Michigan haben herausgefunden, dass Männer, die einen niedrigen Spiegel des Sexualhormons haben, häufiger an chronischen Krankheiten leiden. Das gilt auch für jüngere Männer. Das Ergebnis: Je tiefer der Spiegel, desto häufiger chronische Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Arthrose, Schlaganfall, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zu hoher Cholesterinspiegel und Depressionen.

Der Arzt und Androloge Christian Sigg behandelt Männer mit Hormonbeschwerden.

Christian Sigg geht noch weiter: «Das Hormon ist nicht nur ein Marker für die Lebensqualität, sondern wirkt sich auch auf die Lebensdauer aus. Veteranenstudien aus den USA beweisen, dass Männer mit tiefen Testosteronwerten eindeutig weniger lang leben.»

Für Sigg wäre wichtig, dass dazu mehr geforscht würde, dass aber Männer auch mehr Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen. Männer, die seien der Meinung, Gesundheit sei Frauensache. «Männer sind Verdränger. Zwar leiden viele von ihnen bei einem Schnupfen tausend Tode, aber wenn es ernst ist, stecken sie den Kopf in den Sand», sagt Sigg.

Zum Arzt statt auf die Harley

Die meisten männlichen Patienten, die in seine Praxis kommen, beschäftige der Libidoverlust. Wäre die Lösung nicht einfach, dass Männer eine passende Hormontherapie bekämen? «So einfach ist es nicht», sagt Sigg. «Auch eine Testosteronersatztherapie hat ihre Schwachstellen, eigentliche Normwerte sind erst seit kurzem bekannt.» Und auch eine Therapie sei keine Wunderkur: «So langsam, wie sich die Beschwerden bemerkbar gemacht haben, so viel Zeit braucht es auch für einen bleibenden positiven Effekt.»

Egal ob bei Frauen oder Männern: Hormongaben sind umstritten und ihre Einnahme ein individueller Entscheid, der von vielem abhängig ist. Auch pflanzliche Mittel (bei Frauen), Sport, Aktivität, Gewichtsreduktion und ein gesunder Lebenswandel können helfen, dass man sich besser fühlt. Wenn die Beschwerden allerdings nichts besser werden, sollten Männer den Gang zum Andrologen in Erwägung ziehen. Vielleicht braucht es dann auch keine Harley und keine blutjunge Freundin auf dem Sozius mehr.