Sorry, Chef, jetzt ist Feierabend

Ständige Erreichbarkeit: Von vielen Mitarbeitenden wird erwartet, dass sie auch am Feierabend ihre Mails checken. Foto: unsplash.com/rawpixel

Ein spontaner Kinoabend? Ein ungeplantes Nachtessen mit Freunden? Ja gerne, aber bitte erst am Wochenende!

Unter der Woche bin ich zunehmend zu geschafft für private Unternehmungen. Am Feierabend will ich abschalten und meine Ruhe haben. Mit diesem Bedürfnis nach Erholung bin ich nicht allein. Und es sind nicht, wie man vermuten könnte, Menschen, die körperlich schwer arbeiten, die fix und fertig sind, sondern solche, die, wie ich, am Computer arbeiten, Selbstständige und Angestellte in Pflegeberufen. Dies ergab eine aktuelle Umfrage des Fernsehsenders RTL.

Feierabend ist kein Luxus

Dass Privates zu kurz kommt, liegt nicht nur an Überstunden oder an unregelmässigen Arbeitszeiten. Ein wichtiger Grund ist auch die ständige Erreichbarkeit, die von vielen Arbeitnehmern erwartet wird. Auch wenn dies nicht konkret ausgesprochen wird, fühlen sich viele Angestellte verpflichtet, auch nach Arbeitsschluss mindestens einen Blick aufs Mail oder Handy zu werfen. Dabei geht vergessen, dass ein entspannter Feierabend kein Luxus ist. Und ehrlich gesagt, auch wenn einem der Chef nicht virtuell im Nacken sitzt, es gibt nach der der Arbeit auch genügend andere Pflichten, seien es Haushalt, Hausaufgaben der Kinder und dergleichen mehr, die es zu erfüllen gilt.

Die Abende, an denen ich mit Kollegen auf einen Apéro gehe, sind gezählt. Aber auch zu Hause bin ich oft nicht sehr mitteilsam; ich sehne mich einfach nach meiner Couch und nach einer spannenden Netflix-Serie. Trotzdem gehörte ich, bis vor kurzem, auch zu jenen Vorgesetzten, die noch zu später Stunde Mails an ihre Kollegen verschickten. Nicht um diese zu stressen, sondern weil ich das Gefühl hatte, gewisse Nachrichten würden keinen Aufschub dulden.

Da ich an gewissen Tagen im Homeoffice arbeite, könnte man meinen, ich hätte mehr Möglichkeiten, Erholung einzuplanen. Dass diese Flexibilisierung den Stress allerdings auch erhöhen kann, zu diesem Ergebnis sind Nina Pauls und ihre Kollegen gekommen. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Wirtschaftspsychologie am Institut für Psychologie der Uni Freiburg fand heraus, dass sich unter diesen eigentlich angenehmeren Arbeitsbedingungen viele Menschen unter Druck fühlen, mehr zu leisten, damit der Chef nicht denken könnte, man manche es sich zu bequem.

Sich selber Grenzen setzen

Wie man mit dem Thema der Erschöpfung nach der Arbeit umgeht, ist individuell. Wichtig ist, dass man sich bewusst wird, dass eine allfällige schlechte Laune, wenig Antrieb oder ein grosses Schlafbedürfnis auch einen Zusammenhang mit den immer fliessenderen Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit haben können.

Die meisten Menschen möchten eine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Und diese erreicht man nur mit einer klaren Distanz zwischen beidem. Manche erreichen dies, indem sie jeden Abend als Ritual ihr Pult aufräumen, um ein Zeichen zu setzen, dass der Arbeitsalltag beendet ist. Andere beantworten konsequent keine Büromails mehr. Oder sie treiben Sport, hören auf dem Heimweg Musik oder machen einen Spaziergang.

Auch ich musste lernen, Grenzen zu setzen. Das ist nicht immer einfach, da ich, neben meiner journalistischen Tätigkeit, auch als Buchautorin tätig bin. Und lange hatte ich das Gefühl, dass ich in der Nacht (natürlich nach einem Tag auf der Redaktion), am kreativsten sei. Fehlanzeige! Denn manche Zeile, die ich nach Mitternacht geschrieben habe, und die mir zu diesem Zeitpunkt genial erschien, sah am nächsten Morgen ziemlich beliebig aus. Darum gilt für mich: Erstens: Ich plane meinen Feierabend besser. Zweitens: Ich verschicke keine Arbeitsmails mehr. Und drittens: Ich gehe wieder öfters mal mit Kollegen zum Apéro.