Abwarten ist die beste Medizin

Von Kopf bis Fuss

Ein Gespräch mit einem Arzt kann beruhigen. Oft ist es aber überflüssig. Foto: kupicoo (iStock)

Wenn sogar zwei Ärzte kritisieren, dass wir zu oft zum Arzt gehen, irritiert das im ersten Moment. Wenn sie gar behaupten, dass 90 Prozent der Beschwerden, die der Grund für einen Arztbesuch sind, von selbst wieder verschwinden, macht das neugierig. Das deutsche Ärztepaar Ragnhild Schweitzer und Jan Schweitzer ist überzeugt: «Natürlich gibt es gute Gründe, zum Arzt zu gehen. Aber meistens kann man dem Körper das Feld überlassen – er erledigt seinen Job ziemlich gut.» Diese These vertreten sie im Buch: «Fragen Sie weder Arzt noch Apotheker» (Kiepenheuer & Witsch), das eben erschienen ist. Wissenschaftlich fundiert und mit vielen Fallgeschichten, erklären uns die Autoren, dass es sich oft lohne, gelassen zu bleiben – von A wie Arthrose bis Z wie Zahnreinigung. Ein Ratgeber, der einem mal nicht sagt, was man für seine Gesundheit tun muss, sondern was man lassen kann.

Ein Blick in die eigene Krankheitsakte stützt diese Aussage. Ich springe zwar nicht mit jedem Kratzen, jedem Husten oder jedem Ausschlag zum Doc, doch bei Beschwerden und nach der Konsultation von Dr. Google fühle ich mich oft kränker, als ich bin. Und wer will in der heutigen Zeit schon krank sein? Der Druck, immer fit sein zu müssen, um die Ansprüche des Alltags zu meistern, ist in den letzten Jahren gewachsen. Und auch der Machbarkeitswahn, dass also alles am besten sofort aus der Welt geschaffen werden muss, ist weit verbreitet.

Unnötige Medikamente

Ragnhild und Jan Schweitzer: Fragen Sie weder Arzt noch Apotheker. Kiepenheuer & Witsch, 2017. 272 Seiten, ca. 22 Fr.

Dabei wäre die beste Alternative, erst einmal nichts zu tun oder auf Hausmittel zurückzugreifen und zu schauen, wie sich die Situation entwickelt. Das Gleiche gilt auch für das Ausheilen von Krankheiten. Geduld wäre oft das beste Medikament. Aber wer hat heute noch die Zeit dazu? Natürlich gilt dies nicht bei aussergewöhnlichen, akuten oder plötzlichen Beschwerden, die sich nicht bessern. Aber wie oft werden heute unnötigerweise Medikamente verschrieben, Antibiotika bei Erkältungen, Tabletten bei Schlafstörungen oder Antidepressiva bei seelischen Verstimmungen. Und um den Krebs fernzuhalten, gehen wir natürlich zur Vorsorge. Denn wer will sich schon vorwerfen, etwas zu spät oder gar nichts unternommen zu haben?

Aber nicht nur wir Patienten drängen auf ärztliche Behandlung, auch viele Ärzte verschreiben oft viel zu schnell Medikamente oder Behandlungen, egal ob aus finanziellen Gründen oder aus Bequemlichkeit. Zum Beispiel bei akuten Rückenschmerzen, die oft ein MRT oder ein CT nach sich ziehen und schlimmstenfalls sogar eine Operation an der Bandscheibe.

Noch nie wurde bei Bandscheibenvorfällen so schnell operiert wie heute. Dabei sind viele Schmerzen stressbedingt, auf einen natürlichen Verschleiss oder auf einen Mangel an Bewegung zurückzuführen. «Bei den meisten Menschen verschwinden akute Kreuzschmerzen innerhalb von sechs Wochen, ohne dass es einer Behandlung durch einen Arzt oder anderen Therapeuten bedarf», sind die Autoren überzeugt. Aber es braucht die Einsicht, dass man eine Verantwortung für seinen Körper trägt, und diese nicht sofort auf einen Arzt oder auf Medikamente abschieben kann.

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