Best of: Kleiden Sie sich ja nicht altersgemäss!

Die Autorin ist in den Ferien. Deshalb publizieren wir Postings aus den vergangenen Monaten, die besonders viel zu reden gaben. Dieses erschien erstmals am 30. Oktober 2016.

(Bilder: Advanced Style)

Stilsicher und in Farbe: Ältere Frauen wollen vermehrt wieder sichtbar sein. Fotos: Advanced Style

Als mein Vater starb, trug meine Mutter für ein Jahr schwarze Strümpfe. Das war ein ungewohnter Anblick, da ich sie vorher noch nie so gesehen hatte. Im Gegenteil, sie war alles andere als eine graue Maus, liebte sie doch kräftige Farben. Himmelblau, Flaschengrün und Bordeaux waren ihre Lieblingstöne. Und selbst mit 80 war eines ihrer Lieblings-Outfits ein goldgelbes Kaschmir-Twinset. Diese schwarzen Strümpfe lösten ein ungutes Gefühl in mir aus. Ich hatte irgendwie Angst, dass sie bedeuteten, dass meine Mutter mit einem Teil ihres Lebens abgeschlossen hatte.

Wenn ich heute die Outfits älterer Frauen anschaue, frage ich mich häufig: Warum schluckt eigentlich das schreckliche Beige alle bunten Farben? Und warum ist das Lieblings-Outfit so vieler ab 60 ein sandfarbener Regenmantel? (Betrifft übrigens auch die Männer.) Gibt es eigentlich eine Stilpolizei, die fordert, dass man ab einem gewissen Alter in der optischen Versenkung verschwinden sollte? Oder hat dieses ganze «Verschwindibus» damit zu tun, dass ältere Frauen finden, sie müssten sich unsichtbar machen, weil sie sowieso keine Rolle mehr spielen?

Natürlich war es gesellschaftlich gesehen für eine lange Zeit so, dass es ein ungeschriebenes Gesetz gab, was eine Frau in welchen Lebensabschnitten noch tragen durfte. Kurze Rücke über 40? Pfui! Selbst wenn die Trägerin noch über einwandfreie Beine verfügte, das schickte sich einfach nicht. Mit einem Kostüm, womöglich mit Seidenbluse und Perlenkette kombiniert, lag die Frau nie schief. Hauptsache nicht auffallen, lautete die Devise. Und wenn Jeans und Sneakers, dann bitte nur zu Hause, denn «Berufsjugendliche» wirkten irgendwie verdächtig.

Die Skinny Jeans einmotten?

Doch zum Glück gibt es reife Frauen, die ihren persönlichen Stil und Geschmack über gesellschaftliche Normen stellen. Eine von ihnen ist sicher die Amerikanerin Iris Apfel, die sich mit 95 Jahren so kleidet, dass sie 30-Jährige in den Schatten stellt. Aber es geht ja nicht darum, einen möglichst exzentrischen Look zu tragen, sondern darum, sich selber zu bleiben. Wenn die 70-jährige Charlotte Rampling einen gelben Wildledermantel trägt, wirkt sie ziemlich lässig. Und Schauspielerin Helen Mirren präsentiert auch noch mit 71 ihr erotisches Décolleté. Doch es müssen ja keine Prominenten sein, der Blick in den eigenen Kleiderschrank genügt. Warum sollte man die heiss geliebten Skinny Jeans mit 60 einmotten? Und eine Parka sieht nicht nur bei jungen Frauen gut aus, sondern auch an einer sportlichen 70-Jährigen.

Als die «New York Times» kürzlich einen Artikel mit dem Titel «Don’t Dress Your Age» publizierte, in dem die Autorin Julia Baird die Frauen aufforderte, sich nicht wie Schafe in einer Herde zu verhalten, sondern sich darüber zu foutieren, was man in einem gewissen Alter tragen sollte, solidarisierten sich in den sozialen Netzwerken Hunderte von 40plus-Frauen. Sie posteten Bilder von sich in Sweat- und T-Shirts mit dem Aufdruck: «Old Is the New Black». Damit wollten sie betonen: Wir kleiden uns nicht altersgemäss, sondern nach unserem eigenen Geschmack und Stil.

Sichtbar ab 40

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Alt ist das neue Schwarz.

Autorin Julia Baird war über diese Reaktionen nicht erstaunt. «Viele Frauen sind es müde, sich konform oder ‹normal› zu kleiden, sobald sie die 40 erreicht haben. Sie lehnen es ab, dass man ihnen sagt, was sie zu tragen und wie sie sich zu verhalten haben. Sie machen Selfies mit Tiaras, Pailletten, Leopardenmuster, High Heels, und sie sehen unglaublich fröhlich und selbstzufrieden aus.» Das ist zweifellos ein weiterer Beweis, wie sehr das Internet die Mode demokratisiert. Es erlaubt allen reifen Frauen, aus der Unsichtbarkeit herauszutreten. Eine Unsichtbarkeit, die die Modeindustrie mit ihrer Obsession für junge Models und Prominente noch immer unterstützt.

Als meine Mutter nach ihrem Trauerjahr ihre hellen Nylons wieder anzog, da wusste ich, dass dies ein Schritt zurück in ein aktives und selbstbestimmtes Leben war.

20 Kommentare zu «Best of: Kleiden Sie sich ja nicht altersgemäss!»

  • Lina Peeterbach sagt:

    Buchtipp zum Thema: „Die Klatschmohnfrau“ von Noelle Chatelet

  • Reisender sagt:

    Heute war ich an einem Sport- und Familienanlass und hatte das „Glück“ Leute beobachten zu dürfen. Da lobe ich mir etwas ältere Frauen, welche sich mit Geschmack kleiden, bei vielen sind die Figuren bedeutend attraktiver als bei Jungen. Wo nichts, sorry, viel zuviel ist, da ist es schwierig das attraktiv zu verpacken. Also, liebe Damen, steht zu Euch und zeigt Euch!

  • Aha sagt:

    Sorry, liebe Frau Aeschbach, aber Frauen 40+ sind NICHT alt. Daher ist es selbstverständlich dass sie sich modeorientiert kleiden.

  • Matthias Niklaus sagt:

    Na ja, der gute Geschmack macht es aus. Oft fehlt der aber bei vielen Leuten und dann wirkt es nur noch lächerlich.
    Aber klar, jeder soll auf seine Facon glücklich werden…

    • Matthias Niklaus sagt:

      Uebrigens, die bestgekleideten Leute sind die Japaner. Sie pflegen immer sehr stilvoll daher zu kommen ohne aber unbedingt auffallen zu wollen und dies in allen Alterskategorien.

      • Peter Sieber sagt:

        Insbesondere wenn sie als Touristen unterwegs sind. Schlabbrige Hosen, merkwürdige Hemden, alle mit den gleichen hellbeigen Jacken und schlabbrigen Sonnenhüten und irgendwelchen Sandalen.

      • Marcel Stierli sagt:

        Japaner…aber sicher…meist wenn sie in touristischen Horden daher kommen, kann man ihren exzellenten Kleidungsstil von weitem her sehen. Ja nicht auffallen, aber sicher doch.

  • Lia sagt:

    was mich stört, ist die Aussage, dass ältere Frauen keine kurzen Röcke tragen, auch wenn die Beine noch einwandfrei seien. Darf man also nur Bein zeigen, wenn dieses einwandfrei ist, und sonst nicht? Das ist genauso verlogen wie die Doktrin, dass man sich im Alter generell zu bedecken hat.

    • Reincarnation of XY sagt:

      Ja, und es war ja die gleiche Autorin, die hier auch schon als Stil-Expertin sich darüber mokiert hat, dass man nicht zu viel Fleisch zeigen soll.
      Wollen wir hoffen, dass sie nun zur Einsicht gekommen ist, dass es eben solche Diktate sind, welche die Menschen in ihrer Lebensfreude einschränken.
      Ein hoch auf alle, die sich so anziehen, wie es ihnen Spass macht. Egal, ob Umwelt darüber die Nase rümpft.

    • Laura Fehlmann sagt:

      Schwabbelbeine und Krampfadern muss man ja nicht unbedingt mit einem Mini kombinieren.

  • Landolt Peter sagt:

    Alle dürfen doch heute tragen, was sie wollen. Wichtiger scheint mir, dass es der Person (gleich ob Mann/Frau/jung/alt) einfach Spass macht und vielleicht noch zur Situation und zur Person macht. – Kleider sind wichtiger denn je….und die Vielfalt grösser denn je…

    So ein Artikel der Mut zuspricht, passt perfekt!

  • barbara sagt:

    ist ja nicht so, als ob die Jungen sich farbenfroher kleideten, da sieht man auch massenhaft schwarz und grau und beige. Was auch nicht besser wird, wenn beige auf einmal „nude“ heisst.

    und was Skinny Jeans betrifft, können die meinetwegen gern von allen Altersgruppen eingemottet werden. Was finden bloss alle an denen so toll? – wird mir ein ewiges Rätsel bleiben.

    • Asta Amman sagt:

      Sanfte Farben wie beige, camel, grau oder hellblau machen die meisten Frauen attraktiver. Grelle Farben wirken schnell mal billig. Es sind doch eher die subtilen Schattierungen, die ein schönes Gesicht wirken lassen. BTW: Von (auch farblich) wirklich raffiniert gekleideten Frauen habe ich noch nie eine Klage über die vielbesungene „Unsichtbarkeit ab 40“ gehört. Im Gegenteil, die Blicke von oft deutlich jüngeren Männern (und Frauen!) sprechen Bände.

  • Alfred Frei sagt:

    Nicht nur die Alten, auch die Jungen scheinen Angst vor Farbe zu haben. Schwarz, Grau und Braun dominieren und die meisten andern Farben scheinen irgendwie einen Grauton zu haben, damit sie nur nicht zu fest leuchten. Ein ganz besonderes Ärgernis ist das viele Schwarz, das von gefühlten 2/3 der Leute getragen wird. Und die halten das auch noch für elegant. Nein, ist es nicht; es ist nur deprimierend. Farbe bringt Freude und zwar im Sommer wie im Winter.

    • Eduardo sagt:

      Nun ja, ich trage meist schwarze Hosen (Jeans und jeansähnliche), und zwar aus vier Gründen:

      1. Da ich ständig mit dem Velo unterwegs bin, sieht man an den Hosen nicht sofort Spuren von Öl oder sonstigem Schmutz am Velo.

      2. Schwarze Hosen in Kombination mit schwarzem Gürtel, dunklen Schuhen und dezenten Hemden sind auch für das Büro (in meinem Falle war es lange Jahre eine Bank) geeignet; so fällt man nicht auf, ohne sich gleich verkleiden zu müssen.

      3. Schwarze Jeans erübrigen die Frage nach zu den Hosen passenden Hemdfarben. Die Kombination mit Schwarz geht immer.

      4. Schwarz lässt mich ein wenig schlanker wirken. Früher war das allerdings noch nicht so ein Thema 😉

      • Nausika sagt:

        Na ja, ich trage auch meistens schwarze Hosen, sie passen zu allem. Allerdings ist der Oberteil nicht mehr schwarz und eng (wie vor 50 Jahren) sondern farbig und etwas weiter….
        Man muss sich selber wohlfühlen, die Sichtbarkeit“ ist nebensächlich.

    • Lia sagt:

      ich trage mit Mitte 30 auch meinst BlueJeans, schwarzes Shirt, dazu aber bunte Schuhe mit Mustern. Ich möchte nicht jeden Morgen vor dem Schrank stehen und werweissen müssen, was ich jetzt anziehen und kombinieren kann.

      • Laura Fehlmann sagt:

        Also ich stehe gern vor dem Schrank und wähle aus, was heute zu mir passt. Es gibt genug Frauen und Männer, die die Schweizer-Uniform mit Jeans und Shirt tragen.

  • Flo, die echte! sagt:

    Heute ist doch Gott sei Dank so, dass jede Frau, egal welchen Alters das anziehen darf und soll, worin s i e sich wohlfühlt!
    Das gilt nicht nur für die Jungen – nei auch für die „Alten“
    Es ist nämlich genau so schreckich eine junge Frau in unpassender Kleidung ansehen zu müssen, wie dies bei einer älteren Frau ist. Aber wenn sich diejenige darin wohlfühlt – einfach wegschauen!
    Das ist gelebte Toleranz!

  • Micha sagt:

    Guter Artikel, betrifft aber auch die Männer. Wie häufig werden die Augen hochgezogen wenn ich nach meinem alter gefragt werde und danach schon bald folgt, Du kleidest Dich aber nicht wie andere Männer deines Alters. Und ich laufe jetzt echt nicht mehr rum wie ein Teenie, aber es gibt ja auch nicht nur sandfarbige und graue Kleidung, mut zu Farbe und Schnitt und schaut auf eure Schuhe, es muss nicht immer schwarz und braun sein, in diesem Sinne, auch die Jungs ü50 dürfen tolle Klamotten tragen.

Kommentar

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