Sommer-Blues trotz Sonne und Fun

Schwermütig und müde trotz Sommertrubel? Dahinter kann eine Depression stecken. Foto: iStock

Schwermütig, tief traurig und müde? Dahinter kann eine Depression stecken. Foto: iStock

Die saisonale Depression, die in der dunklen Jahreszeit häufig ist, ist bekannt. 1984 entdeckte der amerikanische Psychiatrieprofessor Norman Rosenthal zusammen mit einem Kollegen, dass manche Menschen nur im Winter an Depressionen, an sogenannten saisonal affektiven Störungen (SAD), leiden. Diese machen sich, unter anderem, durch extreme Müdigkeit, Heisshunger und Rückzugsgedanken bemerkbar. Das ist nachvollziehbar, denn die winterlichen Verstimmungen, die oft mit einer gewissen Melancholie verbunden sind, kennen die meisten von uns.

Was aber, wenn einen die tiefe Traurigkeit überfällt, wenn scheinbar alle um einen herum den Sommer geniessen? Edith Widmer* (41) kennt dieses Gefühl nur zu gut. «Im Juli 2014 verlor ich innert kurzer Zeit jeglichen Antrieb und konnte am Morgen fast nicht mehr aufstehen. Ich fühlte mich gelähmt, so als hätte mir jemand alles Blut aus dem Körper ausgesaugt», erinnert sich die Buchhändlerin beim Gespräch in einem Luzerner Café. So präsent und gut gelaunt einem die gross gewachsene Frau gegenübersitzt, so schwer ist es nachzuvollziehen, dass sie vor zwei Jahren «nur noch ein Häufchen Elend» war.

«Jeder Tag war ein Kampf. Schon das Duschen und Zähneputzen erschienen mir als unüberwindliche Angelegenheiten», sagt Widmer. Ihr einziger Trost: «Ich hatte drei Wochen Ferien und konnte mich so vor der Welt verstecken.» Was sie besonders stresste, war die Tatsache, dass sie den Anspruch hatte, «dass es mir doch gut gehen sollte. So viel freie Zeit lag vor mir, und ich verlangte von mir selber, dass ich diese geniessen sollte. Aber ich lag nur im Bett oder auf dem Sofa und hörte in voller Lautstärke Sommertime Sadness von Lana Del Rey.»

Alles andere als ein fröhlicher Sommersong: «Summertime Sadness» von Lana Del Rey. Quelle: Youtube

Den Druck des Sich-gut-fühlen-Müssens kannte Widmer schon länger. Schon im Sommer 2012 und 2013 hatte sie unter Antriebslosigkeit gelitten, schob das aber auf Probleme in der Partnerschaft. «Ich riss mich zusammen und kam einigermassen über die Runden.» Und da es ihr im Herbst wieder besser ging, vergass sie die depressiven Episoden wieder. Doch als die Tage wieder wärmer wurden, setzte die unerklärliche Traurigkeit wieder ein – und viel stärker als zuvor.

Die Symptome

Laut Joe Hättenschwiler vom Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich (ZADZ) gibt es spezielle Kriterien, wann eine Sommerdepression vorliegt: «Es müssen über zwei bis drei Jahre hinweg im Sommer Depressionen aufgetreten sein, in den anderen Jahreszeiten hingegen darf es keine gegeben haben.» Sommerdepressionen treten übrigens bei (jungen) Frauen viel häufiger auf als bei Männern, aber weniger häufig als Winterdepressionen.

Nachdem Edith Widmer zwei Wochen quasi im Bett verbracht hatte, vertraute sie sich ihrer Schwester an. Diese zögerte nicht lange und überredete sie, zum Hausarzt zu gehen. Dieser untersuchte sie zunächst körperlich, diagnostizierte danach eine «sogenannte depressive Episode» und verschrieb ihr ein Antidepressivum. «Zuerst hatte ich total Mühe, ein Psychopharmakon zu nehmen, aber der Leidensdruck war so enorm, dass ich mir diese Chance geben wollte.» Gleichzeitig startete sie eine Gesprächstherapie, «denn ich hatte eingesehen, dass ich die Trennung von meinem Lebensgefährten noch nicht überwunden hatte».

Nicht jede Verstimmung ist eine Depression

Wo aber liegt der Unterschied zwischen einer Verstimmung und einer Depression? Wie schnell denkt man «Ich ertrage es nicht, mich im Bikini zu sehen»? Doch nicht jeder, dem es vorübergehend nicht gut geht, leidet unter einer klassischen Depression. Meistens ist es einfach eine seelische Verstimmung. Hier helfen einfache Mittel. Der Psychiater rät, «sich Kontakte zu organisieren, gemeinsam Sport zu treiben, mit dem schönen Wetter zu leben». Hält die Niedergeschlagenheit allerdings länger als zwei Wochen an, rät Hättenschwiler zu einem Arztbesuch.

Seit der letzten Sommerdepression von Edith Widmer sind zwei Jahre vergangen. Das Antidepressivum konnte sie nach einem halben Jahr absetzen, die Gesprächstherapie machte sie noch einige Monate länger. Hatte sie zu Beginn des Sommers nicht Angst, wieder in ein Loch zu fallen? «Natürlich hatte ich meine Bedenken, aber ich versuchte mir keinen Druck zu machen. Ich dachte, wenn die Traurigkeit zurückkommt, werde ich mich nicht mehr zurückziehen, sondern suche wieder Hilfe.»

Letzte Woche rief mich Edith Widmer an. Zum ersten Mal seit drei Jahren hat sie im Sommer wieder eine Woche Ferien gemacht. «Und es ist gut gegangen», freut sie sich offensichtlich. «Die einzige Missstimmung kam auf, als ich mich im Badekleid gesehen habe», lacht sie, «aber mit diesem Problem bin ich ja nicht allein.»

*Name der Redaktion bekannt

Schon fröhlicher: «Summertime Blues» von Eddie Cochran, 1958. Quelle: Youtube