Wenn Keime die Leidenschaft killen

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Wichtiges und sensibles Thema: Hygiene in Liebesbeziehungen. (iStock)

Der Mann war ein echter Hingucker: charmant, intelligent und humorvoll. Wir waren schon einige Male zusammen ausgegangen, und ich konnte mir gut vorstellen, ihn noch näher kennen zu lernen. Nur eines irritierte mich: Wenn Rolf* während unserer Treffen jeweils auf die Toilette ging, konnte ich kaum einen Schluck trinken, schon sass er wieder am Tisch. Ich dachte mir nichts dabei, fühlte mich sogar ein bisschen geschmeichelt, dass er so schnell wieder bei mir sein wollte.

Die Beziehung wurde enger. Und als er eines Abends beim gemeinsamen Nachtessen aufstand und nach dem Gang auf die Toilette innert 20 Sekunden wieder Platz nahm, sagte ich im Scherz: «Händewaschen wird klar überbewertet.» Er lachte nicht, sondern sagte nur ernsthaft: «Du hast völlig recht, reine Zeitverschwendung.»

Plötzlich wurde mir klar: Die Hände, die mich liebkosten, waren oft ungewaschen. Ich bin definitiv keine Reinlichkeitsfanatikerin, aber die Hände nach einem Toilettenbesuch nicht zu waschen, ist für mich ein No-go. Da ich so verliebt war, versuchte ich das Ganze erst einmal auszublenden, jeder von uns hat ja so seinen Tick, sagte ich mir. Bei Rolf wars nun mal der Verzicht auf das Händewaschen.

Meine Taktik funktionierte nicht. Sassen wir beim Apéro und mein Geliebter griff nach dem Toilettengang in die Erdnüsschenschale, grauste es mir. In dem Schälchen können sich Spuren von Urin der männlichen Gäste eines halben Restaurants befinden. Wann immer ich Rolfs Hände anschaute, fing es an, mir ein bisschen zu «gruusen»; nur ein kleines bisschen, aber es reichte, dass er seine Faszination für mich verlor.

Und ich begann innerlich Buch zu führen und zählte, wie oft Rolf duschte, seine Fussnägel schnitt und seine Haare wusch. Ich war nicht stolz darauf, aber ich konnte nicht anders. Kurz: Was die Hygiene betraf, war bei ihm ziemlich viel Luft nach oben. Und nein, ich sprach Rolf nicht darauf an. Wenn ein Mann mit Mitte vierzig aus Prinzip seine Unterhosen nur zweimal in der Woche wechselt, konnte ich nicht viel machen. Ich war ja nicht seine Mama. Aber ich fragte mich immer öfter, wieso ein Mann, der äusserlich so proper daherkam, so (nach)lässig mit der eigenen Sauberkeit umging.

Die Leidenschaft erlosch wie die Flamme einer abgebrannten Kerze. Mag auch sein, dass ich diesbezüglich etwas neurotisch war, aber ich konnte den Gedanken nicht verdrängen, wie viele Bakterien und Keime an Rolf klebten.

Wenn wir gerade bei Bakterien und Keimen sind, hier ein kleiner Einschub mit ein paar eindrücklichen Fakten zum Thema:

• Auf einer Computertastatur (inklusive Maus) sitzen 400-mal so viele Bakterien wie auf einer regelmässig gesäuberten Toilette.

• Bis zu 500 Keime können sich auf einem Smartphone tummeln. Das hat das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene in Marburg herausgefunden. Schon kleinste Kratzer auf dem Display reichen Keimen, Pilzen und Bakterien als Versteck und Nährboden.

• Eine von fünf Bürotassen ist mit Fäkal- bzw. E.-coli-Bakterien verschmutzt.

• Dass öffentliche Toiletten eklig und hygienisch bedenklich sind, ist nicht neu. Trotzdem setzten sich 16 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer in öffentlichen Toiletten auf die Klobrille, obwohl dort Krankheiten wie Hepatitis A, Herpes, Salmonellen und Filzläuse lauern.

• Mehr als 7 Milliarden Keime sitzen auf einem Spülschwamm.

(Quelle: Doris Preissler, «Schreckliches Wissen», Riva-Verlag)

Natürlich sagte ich Rolf nicht, dass der Trennungsgrund seine mangelnde Hygiene war. Ich sagte einfach, ich hätte mich entliebt. Was natürlich auch stimmte. Die Trennung verlief kühl und emotionslos. Zum Abschied meinte Rolf: «Im Übrigen schnarchst du, wenn du erkältet bist. Das hat mich recht gestört.» Für einen Moment wollte ich sagen: «Und du bisch en Grüsel.» Aber ich liess es. Manchmal ist es besser zu schweigen.

*Name geändert