Der Körper hat immer recht

Von Kopf bis Fuss

Was uns guttut, wissen wir selbst am besten – eigentlich. Foto: Martinan (iStock)

Oft wird in der Ernährungswissenschaft der Begriff der somatischen Intelligenz verwendet. Körperintelligente Menschen sollen die Fähigkeit besitzen, die Signale des Organismus zu deuten, welche Nahrung ihnen guttut und welche nicht. Das ist nicht immer einfach. Denn wenn es ums Abnehmen geht, gibt es mindestens grosse Hürden: unser Gehirn, weil es uns die falschen Botschaften schickt, unsere Essgewohnheiten, weil die alten Muster uns nicht mehr entsprechen, und unseren Alltag, weil er ein figurfreundliches Verhalten oft torpediert.

So ist auch der Autor Thomas Frankenbach überzeugt, dass es nicht «Diäten und Disziplin sind, die helfen, sein persönliches Wohlfühlgewicht zu erreichen und zu halten, sondern die eigene Körperintelligenz». In seinen Büchern «Schlank sein – Idealgewicht durch somatische Intelligenz» und «Somatische Intelligenz» will Frankenbach aufzeigen, wie jeder sein persönlicher Ernährungsberater werden kann. Sein Ansatz ist nicht neu, aber gut nachvollziehbar, und die Fallbeispiele, die er beschreibt, verfügen über einen Identifikationscharakter. Wissenschaftliche Zusammenhänge werden anschaulich erklärt, die Motivation der Leser gestärkt.

Fünf Erkenntnisse zum Thema Körperintelligenz nach Thomas Frankenbach

1. Warum haben wir verlernt, auf unser Körper- und Sättigungsgefühl zu hören?

«Das hat verschiedene, auch historische Gründe. Mit der Zeit haben wir im deutschsprachigen Raum ein ganz anderes Körperbild entwickelt als viele andere Kulturen und Naturvölker – ein anderes Selbstbild. Wir blicken heute auf Jahrtausende der Integration anderer Kulturen zurück, was uns stark bereichert hat. Aber auch auf Epochen drastischer Militarisierung, Industrialisierung und Technisierung. Den Sinn, die eigenen Bedürfnisse haben wir dadurch ein Stück weit verloren. Schon seit der Zeit von Karl dem Grossen gehören auch militärische Tugenden wie bedingungslose Unterordnung und Disziplin zu den prägnanten Grundfesten unserer Mentalität. Das spiegelt sich auch beim Essen wider: So sind viele von uns mit Sätzen aufgewachsen wie Der Teller wird leer gegessen, egal, ob du schon satt bist!, Du hast zu essen, was alle essen!, Nimm dich nicht so wichtig! oder Solange du deine Füsse unter meinen Tisch streckst …!›. Viele haben so schon früh gelernt, im Äusseren Haltung anzunehmen und dafür die innere Haltung und den Sinn für die eigenen Bedürfnisse zu opfern. Und wir sind heute unfassbar vielen medialen Aussenreizen ausgesetzt: Handy, Internet, TV, Radio, soziale Netzwerke. Je höher die Dichte an Aussenreizen, desto weniger spüren wir unsere inneren Impulse, unsere Gefühle und die Signale des Körpers.»

2. Warum funktionieren so viele Diäten nicht?

«Vielen Diäten haftet etwas Schablonenhaftes an. Dabei sind die Ernährungsbedürfnisse der Menschen mindestens so verschieden wie ihre genetische Ausstattung. Es gibt nicht die optimale Nahrung schlechthin. Was wirklich passt, zeigt am besten unsere Körperintelligenz. Wenn wir sie zu nutzen wissen. Ich weiss heute, dass die meisten Probleme, die Menschen mit zu viel und falschem Essen haben, nicht auf einem Mangel an Wissen beruhen, sondern auf einem Mangel an Körpergefühl. Auch wenn es auf den ersten Blick oft nicht danach ausschaut.»

3. Noch nie wusste der Mensch in der westlichen Welt mehr über Ernährung als heute. Warum werden wir trotzdem immer dicker?

«Weil Ernährung immer mehr zum Kopfthema geworden ist und immer weniger zu einer Frage der Sinne. Menschen mit Ernährungsproblemen verfügen oft über ein beeindruckendes diätetisches Wissen. Manche könnten es da locker mit einem professionellen Berater aufnehmen. Wenn wir dann jedoch mal schauen, wie es ums Selbstbild und ums Körpergefühl steht, zeigt sich oft der wahre Grund für die Probleme beim Umgang mit Nahrungsmitteln: Oft haben diese Menschen es völlig verlernt, ihre Körperintelligenz zu nutzen.»

4. Wie können wir lernen, auf unseren Körper zu hören?

«Wir sollten uns gegenüber sensibler werden. Indem wir lernen, auf welche Körpersignale wir bauen können. Wir sind nun mal nicht alle gleich. Was dem einen guttut, kann dem anderen durchaus schaden. Bei uns im Westen gerät jede Ernährungsform gleich zu etwas Allgemeingültigem. Ohne Ausnahmen. Manchmal erinnert das an den für uns heute befremdlichen Aberglauben im Mittelalter, der ganz wesentlich aus Angst und Unwissenheit entstand. Nur dass sich die Vertreter des heutigen Aberglaubens offensichtlich häufiger in Diät-Schablonen und Ernährungsvorstellungen verbeissen.»

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Ernährungswissenschaftler Thomas Frankenbach setzt auf die Intelligenz des Körpers.

5. Gibt es so etwas wie ein Idealgewicht?

«Idealgewicht kann man nur individuell sehen und niemals verallgemeinern. Ich finde es befremdlich und manchmal geradezu grotesk, wie unsere Gesellschaft den dünnen Frauenkörper als natürlich und gesund stilisiert. Schliesslich ist jeder von uns ein Unikat mit individuell angelegtem Knochenbau, Muskeln, Fettspeicherkapazitäten und Proportionen, die sich obendrein genetisch bedingt je nach Lebensalter in völlig unterschiedliche Richtungen entwickeln können. Nur weil drei Menschen gleich gross sind, kann man bei ihnen längst nicht vom gleichen Idealgewicht ausgehen. Es gibt Menschen, die einfach von Natur aus mit grösseren Fettspeichern ausgestattet sind, und es geht ihnen trotzdem richtig gut. Menschen sind einfach unterschiedlich. Ohne die Gewichtsproblematik allgemein herunterspielen zu wollen: Nicht jeder, der überdurchschnittlich viel wiegt, hat ein gesundheitliches Problem. Und solange wir das nicht so benennen, verbreiten wir Unsicherheit und Druck und sorgen dafür, dass Abertausende Menschen sich nicht wohlfühlen in ihrer Haut und ihren Körper als Feind sehen anstatt als ihren engsten Verbündeten.»

13 Kommentare zu «Der Körper hat immer recht»

  • Alain Burky sagt:

    Nachtrag2: Und bei einem inneren Konflikt gewinnt das ‚limbische System‘ (wie Urhirn) weil schneller und gefühlvoller – meist gegen das rationale Denken.

  • Alain Burky sagt:

    Nachtrag: Bei Alberto Moravia in „Ich und er“ (lo e lui) auch gut (generell; symbolisch) beschrieben. Von Doris Dörrie auch verfilmt.

  • Alain Burky sagt:

    Der Körper hat immer recht. Das stimmt schon. Nur bekommt er nicht immer sofort, was er will. Der Körper agiert immer noch archetypisch. Der Geist ist zwar willig – aber das Fleisch ist schwach.

  • Rolf Hefti sagt:

    Natürlich ist Süsses, Fettes und Salziges auch ein gutes Geschäft. Wie die Raucherindustrie.

  • Dieter Neth sagt:

    4 und 5 kann ich ohne Umschweife unterschreiben. Anzufügen wäre nur noch dass der obligate Hinweis aufs „abergläubische Mittelalter“ getrost weggelassen werden kann. Ich wage zu behaupten, dass heutzutage viel mehr Leichtgläubige und Naive rumlaufen als zu Zeiten des Grossen Karls. Zusätzlich vielleicht noch ein wenig mehr Bewegung. Nein, kein Hamsterrad-Sport, das ist unwürdige und sinnlose Beschäftigungstherapie. Schaffen Sie stattdessen Ihr Auto ab und legen Sie sich einen Hund zu, der 3x pro Tag ein paar Stunden raus will.

  • Max E. Vasiu sagt:

    Selbsterkenntnis ist nicht „out-source-bar“, bares Geld bringt’s aber „schnelle Ab-nehm-Rezepte“ an Leute zu verkaufen die „auf die Schnelle“ Resultate erreichen wollen. Genauso wie Rom nicht an einem Tag erbaut wurde, ist der „menschliche“ Körper, ein „work-in-progress“. Das sollten wir uns klarmachen, in einer „ruhigen“ Stunde. Den „schnell, schnell“ liefert auch die Resultate, an deren Spätfolgen, später und dann langwieriger zum „herumdoktern“ sein wird. Aber, „Es“ wurde etwas gemacht. Aktionismus pur. Bringt ein Individuum aber nicht weiter, nur schneller an den Ort, vor dem sich das Individuum, lebenslang, fern zu halten versucht, hat. Dem Zustand der Selbst-Erkenntnis. Und den erreichen wir nicht als Gruppe. Jeder lernt von Anderen, stirbt aber allein.

  • Adrian sagt:

    Warum dass viele Diäten nicht funktionieren? Weil, zumindest bei mir ist es so, kaum habe ich mich entschieden, bzw. habe ich 3, 4 Tage durchgehalten, kommt garantiert eine fette Einladung, die man nicht ausschlagen darf/kann/soll. Und da die Einladenden einen kennen, wie man bis anhin gefuttert haben, lassen sie einen auch nicht vor 3 Vorspeisen, 6 Hauptgängen und nochmals 4 Desserts nicht vom Tisch…

  • Arnold Gasser sagt:

    Interessant, ich wusste gar nicht, dass es dafür einen Begriff gibt. Es ist mir auch selber aufgefallen, dass mich in Zeiten intensiven körperlichen Trainings, der typische Fastfood und Süssgetränke regelrecht abstossen.

  • edith schmidt sagt:

    das buch( so meine hoffnung) könnte eine gegenrichtung zu den meist extrem übertriebenen, fast schon besessen angewendeten neuen essgewohnheiten werden! dh keine vorwürfe mehr! z.b: ich pommes frites und schweinefleisch genussvoll essend man(frau) mir zwar mit neidischen blicken, aber sehr vorwurfsvoll,erklärt, dass dafür also mein körper ersten schwerarbeit leisten müsse, und zweitens ein tier sterben musste und drittens sie bereits auf eine geniale gesundhaltende ernährung umgestellt (nur grünes biologisches ohne weizen) hätten, die ihnen nebst vollem sportprogramm ganz neue energien geben würde. wobei, wenn ich ehrlich bin, dachte ich, als sie sich setzte: oh ist meine bekannte gerade von einer grippe wiederauferstanden? ich tauchte meine pommes mit einem lächeln ins katchup! edith

  • Ralf Schrader sagt:

    Der Körper hat genau so wenig immer recht, wie auch das Volk selten recht hat. ‚Somatische Intelligenz‘ ist ein, höflich ausgedrückt, sehr abwegiger Begriff. Ganz sicher hat der Körper ein Gedächtnis, ist sich seiner Biographie bewusst. Der Körper verfügt über ein Wissen (um sich selbst).

    Aber das hat mit Intelligenz überhaupt nichts zu tun, ist eher das Pendant zu Bildung.

  • Hotel Papa sagt:

    Wär ja schön, das mit dem „auf den Körper hören“. Bloss steckt da noch viel Jäger und Sammler Intelligenz in unserer Programmierung. Und die sagt: „Wenn Du energiereicher Nahrung habhaft werden kannst, dann schlag zu!“
    Und so versagt unser Programm häufig beim heutigen Überangebot an Süssem und Fettem. Schokolade wuchs nicht auf Bäumen.

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